Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

Zweites Kapitel.

 

Das Vorspiel. Zwingli und Calvin.

 

Das Verdienst, das Abendmahlsproblem zuerst wissenschaftlich behandelt zu

haben, gebührt ZWINGLI. Die Bedeutung der historischen Feier beruht nach ihm

auf dem symbolischen Handeln Jesu. Durch das Brechen des Brotes und das

Darbieten des Weines kündigt der Herr seinen Tod an. Er verordnet die

Wiederholung der Feier, damit die Christen bei dem gebrochenen Brot und dem

vergossenen Wein seines Todes gedenken.

 

Die Schwäche dieser Auffassung liegt darin, dass ZWINGLI den Hauptnachdruck

allein auf das Handeln Jesu legt. Er kann die historische Feier erklären, — aber

nicht die Wiederholung, bei welcher notwendig der Nachdruck nicht auf dem

Handeln Jesu, sondern auf dem der Teilnehmer, dem Genuss des Brotes und des

Weines, ruht. Es gelingt nicht begreiflich zu machen, warum die Jünger die

Gleichniselemente genossen und noch viel weniger, warum auch spätere

Geschlechter bei der Wiederholung noch essen und trinken und nicht bloss

anschauen, um sich an dem erzählten und dargestellten Abendmahlshandeln

Jesu zu erbauen. Dass ZWINGLI's Lehre dogmatisch nicht befriedigen konnte, lag

in letzter Linie an der Einseitigkeit seiner wissenschaftlichen Exegese.

 

So musste seine Auffassung auch wissenschaftlich durch diejenige verdrängt

werden, welche dem Genuss der Teilnehmer einen Platz neben dem

darstellenden Abendmahlshandeln Jesu anweisen konnte. Dies leistete die

Abendmahlslehre CALVIN's.

 

Bei ihm liegt die Symbolik zu gleichen Teilen in dem begründet, was Jesus mit

den Elementen vornimmt (Brechen des Brotes und Ausgiessen des Weines), und

in dem, was die Teilnehmer mit den Elementen beginnen (Essen des Brotes und

Trinken des Weines). In dieser Betonung der Darbietung und der Aneignung als

der beiden Grundmomente des Abendmahls beruht die wissenschaftliche Stärke

der calvinischen Abendmahlslehre. Die historische Feier kann er weniger gut

erklären, als es ZWINGLI gethan; dafür ist es ihm aber möglich, ihre

Wiederholung als notwendig darzuthun, indem die Wertung des Genusses,

nicht allein der Befehl Jesu, den Zusammenhang zwischen der historischen und

der wiederholten Feier aufrecht erhält.

Es waren also nicht nur dogmatische, sondern auch wissenschaftliche

Interessen, welche den Sieg der calvinischen Abendmahlsauffassung über die

zwinglische bedingten. Die zum Teil auf wissenschaftlicher Grundlage

beruhende Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Ansichten bildete ein

kurzes Vorspiel zu der grossen historischen Abendmahlsdebatte im 19.

Jahrhundert.

 

Da die doppelseitige Auffassung durch den Sieg CALVIN's über ZWINGLI

allgemein verbreitet war, setzte die historische Forschung die Doppelseitigkeit

voraus. Sie betonte hauptsächlich das Darstellungsmoment, weil die exegetische

Anschaulichkeit dafür sprach. So wurden zunächst die doppelseitigen

Auffassungen mit Zugrundelegung des Darstellungsmoments wissenschaftlich

ausgeprägt.