Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

4. Die Skepsis in den Auffassungen mit einseitiger Geltendmachung des Darstellungsmoments.

Notwendigkeit, wie seine segensreichen Wirkungen zu erörtern; aber das

geschah in freien Formen.

 

4. Die Skepsis in den Auffassungen mit einseitiger

Geltendmachung des Darstellungsmoments.

 

Die Darstellung JÜLICHER's bedeutet für die Abendmahlsauffassungen mit

konsequenter Zugrundelegung des Darstellungsmomentes das, was die

Abhandlung EICHHORN's für die das Genussmoment zu Grunde legenden

Auffassungen war. Beide zeigen durch die Konsequenz ihres Gedankenaufbaus,

dass die alleinige Betonung des von ihnen zu Grunde gelegten Moments

notwendig zum Skeptizismus führt. Dies tritt bei EICHHORN darin zu Tage, dass er

die historische Feier, von der urchristlichen Gemeindefeier aus betrachtet, nicht

zu erklären vermag. JÜLICHER kann die Gemeindefeier von der historischen Feier

aus nicht erklären.

 

Er hat ganz Recht, wenn er sagt, dass die Zugrundelegung des Genussmoments

die Zuhülfenahme moderner Gedanken zur Erklärung der historischen Worte

Jesu fordere. Heisst es aber nicht ebenso sehr moderne Gedanken auf

vergangene Zeiten übertragen, wenn man sich die urchristliche Feier als

gewollte, möglichst genaue Reproduktion der Situation von ehedem

begreiflich machen will? JÜLICHER's Auffassung könnte die zwinglische

Gemeindefeier erklären — und da fehlte ihm noch der Wiederholungsbefehl —

aber niemals die urchristliche religiöse Gemeindemahlzeit.

 

Die Schwierigkeiten werden gerade durch seine scharfe und logisch einheitliche

Gesamtauffassung mit absoluter Deutlichkeit herausgearbeitet. Er erlaubt sich

nicht zwischen dem Abendmahl im eigentlichen Sinne und der

Gemeindemahlzeit zu unterscheiden. Mit diesem Spielraum hatten die

doppelseitigen Darstellungen aller Schattierungen operiert und damit die

grössten Schwierigkeiten überwunden. Die ganze Gemeindefeier ist

„Herrenmahlzeit“ — so sagt JÜLICHER und stimmt dabei mit niemand so

vollkommen überein als mit SPITTA und EICHHORN.

 

Damit ist aber die Antinomie, welche zum Skeptizismus führt, notwendig

gegeben. Die Gemeindefeier, auf die JÜLICHER von seiner Auffassung der

historischen Feier aus kommt, ist eine Fiktion, welche der wirklichen

urchristlichen Mahlfeier geradezu widerspricht, da die letztere „keine

Reproduktion der Situation von ehedem“ war. Wie die Wiederholung aufgekommen, vermag er in keiner Weise darzuthun. „Dass es zunächst wohl ein

inneres Bedürfnis war, bei dem Passahgedanken und Abschiedserinnerungen

mitwirkten“: diese problematische und gewundene Annahme erklärt für die

Wiederholung gar nichts.

 

Nun könnte JÜLICHER durch den Wiederholungsbefehl um die Schwierigkeit

herumkommen. Das erlaubt ihm aber sein exegetisches Gewissen nicht. Obwohl

er ihn absolut notwendig brauchte, verzichtet er darauf, weil er durch die beiden

ältesten Synoptiker nicht bezeugt ist. Seine ansprechende Auffassung ist aus der

exegetischen Betrachtung der Berichte erwachsen. Gerade die Exegese beraubt

ihn aber der einzigen Möglichkeit, die Wiederholung der von ihm geschilderten

Feier im Urchristentum auch nur einigermassen begreiflich zu machen. Die

urchristliche Feier als Reproduktion der historischen Situation ohne

Wiederholungsbefehl ist einfach undenkbar. Also stehen wir hier vor einer

vollständigen Selbstauflösung. Um das Aufkommen der urchristlichen Feier zu

erklären, müsste JÜLICHER eine unabhängig von den Berichten gegebene

Thatsache postulieren — wie EICHHORN es thut, um das Aufkommen des

historischen Berichts fasslich zu machen.

 

Die konsequente Geltendmachung des Darstellungsmoments führt also zu

derselben Skepsis, wie die einseitige Herausarbeitung des Genussmoments.