Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
Fünftes Kapitel.
Die Auffassungen mit einseitiger Herausarbeitung des
Genussmoments.
1. Die Vorperiode. Fr. Strauss, Bruno Bauer, E. Renan.
Für die Auffassungen mit einseitiger Herausarbeitung des Genussmoments gibt
es zwei Perioden. Die erste liegt gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts zu, die
zweite gegen das Ende. FRIEDRICH STRAUSS bezeichnet die erste, FRIEDRICH SPITTA
die zweite.
STRAUSS[7] führt aus, dass die Uebersetzung „dies bedeutet“, wenn sie sich auf
das, was Jesus mit den Elementen thut, beziehen soll, bei weitem nicht ausreicht,
ja gar nicht im Sinne der Verfasser der Evangelien gelegen haben kann. „Den
Schreibern unserer Evangelien war das Brot im Abendmahl der Leib Christi ...
hätte man geschlossen, dass das Brot den Leib bloss bedeute, so würden sie sich
dadurch nicht befriedigt haben“ (S. 436 ff.). Es ist kritisch nicht zulässig, dass
Jesus seinen gewaltsamen Tod mit Bestimmtheit vor sich gesehen habe. Daher
kann sich für ihn die Symbolik bei der letzten Mahlzeit mit den Jüngern gar
nicht auf seinen Tod beziehen. Ebenso ist der Wiederholungsbefehl für
unhistorisch zu halten; dafür spricht das Schweigen der beiden ersten Evangelien
und die Erwägung, dass überhaupt eine Gedächtnisfeier natürlicher aus dem
Bedürfnis der Zurückbleibenden, als aus dem Plan des Scheidenden hervorgeht.
Ein Passahmahl war diese letzte Mahlzeit mit den Jüngern auch nicht. Das
eigentlich Historische an der ganzen Ueberlieferung ist das eschatologische
Schlusswort beim Becher: ich werde davon nicht mehr trinken, bis ich ihn neu
trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. In Jesu Gedanken bezieht es sich
auf den nächsten Passahwein, nicht allgemein auf das Essen und Trinken. Von
Mahlzeiten im messianischen Reich sprach er, gemäss den Vorstellungen seiner
Zeit, öfters, und so mag er erwartet haben, das in demselben namentlich das
Passahmahl mit besonderer Feierlichkeit werde begangen werden. Wenn er nun
versichert, dieses Mahl nicht mehr in diesem, sondern erst in jenem Aeon zu
geniessen, so muss, nach seiner Erwartung, bis zur Feier des Passah das
messianische Reich eintreten. Es ist dabei nicht nötig, dass Jesus das Erscheinen des Reiches an seinen Tod geknüpft dachte. Die ganze urchristliche
Abendmahlsauffassung erklärt sich daraus, dass statt des messianischen Reiches
und seiner Passahfeier — der Tod Jesu eintrat.
Die Gemeinde feierte das Passah. Es war natürlich, dass sich der Versuch
darbieten musste, demselben durch die Beziehung auf den Tod und das letzte
Mahl Jesu (welches kein Passahmahl gewesen) eine christliche Deutung zu
geben. So erklärt sich das Eindringen des Leidensgedankens und der
Leidensweissagung in die historischen Abendmahlsberichte. Die Elemente
erhielten eine Beziehung auf den Leib und auf das Blut Christi; dabei wurde das
Wort Jesu, den Genuss des Passahweines betreffend, allgemein auf das Essen
und das Trinken bezogen und mit Brot und Wein als seinem Leib und Blut in
Verbindung gebracht. So entstand die Vorstellung von dem
Wiederholungsbefehl. Die Neigung, das Gedächtnismahl vom Passah loszulösen
und öfters zu begehen, erklärt das Aufkommen eines derartigen Wortes.
Diese geniale Auffassung von FR. STRAUSS enthält bereits alle Faktoren, welche
die späteren, das Genussmoment einseitig betonenden Abendmahlsdarstellungen
kennzeichnen. Vor allem kommen hier in Betracht die Loslösung der
historischen Feier vom Passahmahl, das Ausscheiden der Leidensanspielungen
aus den Worten Jesu, die Erklärung der Wiederholung der Feier ohne Annahme
des Wiederholungsbefehles und die Notwendigkeit, alle als unhistorisch
erkannten Züge in den neutestamentlichen Abendmahlsdarstellungen (Anschluss
an das Passahfest, Beziehung auf den Tod Christi und Wiederholungsbefehl) aus
der Entwicklung der urchristlichen Feier in einem Zeitraum von nicht einmal
zwei Jahrzehnten zu erklären.
Will man diese Rückbildung nicht durch eine gewagte Geschichtskonstruktion
erweisen, so bleibt nur wissenschaftliche Skepsis in irgend einer Form übrig.
Diesen Weg hat BRUNO BAUER[8] betreten. Er setzt voraus, dass die Berichte
besagen wollen: der Herr reichte seinen Jüngern seinen Leib und sein Blut
zum Genuss dar. Der Wiederholungsbefehl ist eine Zuthat aus späterer Zeit mit
abschwächender Tendenz. Man fühlte, dass man für die historische Feier den
Genuss so nicht aufrecht erhalten könne. Darum hob man die Beziehung auf die
Zukunft, die der Formel an sich zu Grunde liegt, hervor. Jesus kann seinen
Jüngern nicht sein Fleisch und Blut dargereicht haben,[9] damit sie es assen; also
ist der Bericht des Markus Phantasie, und alle andern Berichte sind
Nachbildungen dieser Erfindung.
Wie sehr gerade die Vollziehung des Genusses Voraussetzung der BAUER'schen
Auffassung ist, zeigt sich darin, dass er dem Matthäus vorwirft, er habe das bei Markus konstatierte Faktum des Trinkens von seiten der Jünger eigenmächtig in