Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
Neuntes Kapitel.
Die neue Problemstellung.
1. Das Ergebnis der Untersuchung.
Die Auffassungen mit einseitiger Betonung des Genussmoments können nur die
urchristliche, nie die historische Feier erklären.
Die Auffassungen mit einseitiger Betonung des Darstellungsmoments können
nur die historische, nie die urchristliche Feier erklären.
Die doppelseitigen Auffassungen können die historische Feier nur in dem
Masse erklären als sie die urchristliche nicht erklären, und umgekehrt.
Also vermag keine dieser Auffassungen das Abendmahlsproblem zu lösen, da
dieses gerade verlangt, dass beide Feiern in ihrem gegenseitigen
Zusammenhang begriffen werden!
Durch diese Sätze werden nicht bloss die hier besonders analysierten
Auffassungen betroffen. Diese sind nur Typen für so und so viele andere, die
schon veröffentlicht worden sind oder noch im Zeitenschosse schlummern.
Vergangen oder zukünftig: alle werden sie durch die obigen drei Sätze schon im
Vorverfahren abgethan. Ehe sie überhaupt gehört werden können, müssen sie
zuerst nachweisen, dass sie etwas anderes sind als eine neue Kombination von
Darstellungs- und Genussmoment. Können sie das nicht, so sind sie von
vornherein abgewiesen, denn dann vermögen sie das Problem nicht zu lösen. Es
kommt ja nicht auf ihr bestimmtes Gepräge oder auf die Art, wie sie sich
historisch und exegetisch darstellen, an, sondern nur auf das Verhältnis, in
dem das Darstellungs- und das Genussmoment darin zu einander stehen.
Alles andere ist Beiwerk.
Jede Auffassung ist durch die Formel bedingt, welche das von ihr angenommene
Verhältnis des Darstellungs- zum Genussmoment ausdrückt. Damit ist ja ihre
Stellung zu den Einzelfragen — dem Wiederholungsbefehl, der Deutung der
Gleichnisse, der Form der angenommenen urchristlichen Feier u.s.w. —
entschieden. Man kann sie danach geradezu ausrechnen. Was die Verfasser dann noch von dem Ihrigen an geistreichen Einfällen, exegetischen Funden und
genialen Inkonsequenzen hinzuthun, das ist alles ohne Belang. Ohne dass sie es
wissen, folgen sie ja einem inneren Zwang. Weil sie müssen, nehmen sie die
schwersten exegetischen Hindernisse! Weil sie nicht anders können, übersehen
sie schwerwiegende historische Fragen! Weil sie die Verschnörkelungen am
Erker nach freiem Bedünken entwerfen dürfen, sind sie — und die andern mit
ihnen — geneigt zu vergessen, dass ihnen der Grundriss des Baues aufgegeben
ist.
Unter den gegebenen Voraussetzungen gibt es keine neuen
Abendmahlsauffassungen mehr. Ob auch eine aus einer exegetischen oder
historischen Beobachtung hervorwächst, kann sie im Grunde doch nichts anderes
sein, als die Wiederholung oder Modifizierung einer schon vorhandenen,
nämlich der, mit welcher sie die Formel über das Verhältnis der beiden
Momente gemein hat. Wollte man sich die Mühe geben, den Stammbaum der
vorhandenen Auffassungen aufzustellen, so würde es nicht schwer halten, jeder
ihre Vorfahren zu entdecken.
Die Darstellungen mit einseitiger Herausarbeitung des Genussmoments sind nur
die wissenschaftlich-historische Reproduktion der altgriechischen Auffassung.
ZWINGLI hat die römische Theorie rationalisiert und ist von JÜLICHER ins modern-
geschichtliche übertragen worden.
Die doppelseitigen Auffassungen geben die Vermittlungsversuche zwischen der
Messe und dem griechischen Mysterium und diejenigen der Reformationszeit in
historischer Form wieder. Man kann also ruhig sagen, dass alle möglichen
Kombinationen der beiden Momente schon erschöpft sind.
Mit „neuen Auffassungen“ ist also nichts gethan; neu daran ist immer nur der
Einfall, nie die Formel — und auf letztere kommt es allein an. Darum führt die
Detailauseinandersetzung mit einer solchen neuen Auffassung zu gar nichts. Das
für „richtig“ und das für „falsch“ Befundene hängen ja gesetzmässig zusammen:
eins ist nur insofern richtig, als das andere falsch ist.
Daran liegt es, dass Arbeiten in der Art, wie sie RUD. SCHÄFER, CLEMEN[11] und
SCHMIEDEL zu den neuesten Aufstellungen geliefert haben, trotz aller
abwägenden Gewissenhaftigkeit die Forschung nicht in dem Masse des
aufgewandten Scharfsinns vorwärts bringen. Aus dem, was sie anerkennen, lässt
sich keine neue Auffassung zusammenbauen, und das, was sie auszusetzen
haben, reicht nicht hin, die andere zu verwerfen, wenn man nichts Besseres an
die Stelle zu setzen hat.