Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
4. Fr. Spitta.
Die Hauptbedeutung der historischen Feier liegt in dem gemeinschaftlichen
Genuss. Durch das Gleichnis beim Abendmahl hat Jesus die gemeinsamen
Mahlzeiten zum Symbol der Gemeinschaft gemacht. In der Bedeutung dieses
Symbols ist der Grund der Wiederholung zu sehen. Eine Anspielung auf den Tod
ist, wenn sie sich in dem Wort, welches das Brotbrechen begleitete, findet, für
das Wesen der Feier bedeutungslos.
Die Aufnahme des Leidensgedankens und die Eintragung des
Wiederholungsbefehls in unsere Berichte gehen auf eine Verschiebung in der
urchristlichen Feier zurück. Diese ist dadurch bedingt, dass nach dem Jahre 70
wegen des Fehlens des Lammes Brot und Becher die vornehmsten Ingredienzen
des jüdischen Passahmahls bildeten; dadurch wurde eine Gleichgestaltung
desselben mit der urchristlichen Herrenmahlsfeier angebahnt. So erklärt es sich,
dass die letztere durch das erstere im äusserlichen Verlauf und im
Gedankengehalt beeinflusst wurde.
In dieser ansprechenden Skizze finden wir die schon bei STRAUSS bemerkten
Eigentümlichkeiten der das Genussmoment ausschliesslich betonenden
Auffassungen wieder. Der Wiederholungsbefehl fehlt, und es kommt darauf an,
den Leidenshinweis in unseren Berichten auf die Einwirkung späterer
Gemeindevorstellungen zurückzuführen. Ob der von dem Verfasser angezeigte
Weg wirklich zum Ziele führt, ist fraglich. Sicher ist, dass er eine grosse
Schwierigkeit nicht berücksichtigt hat. Wie konnten die Jünger die Worte des
Meisters in dem oben gebotenen Sinn verstehen? Wie konnten sie überhaupt
begreifen, dass er bei der Darreichung von Brot und Wein sie aufforderte, seinen
Leib und sein Blut zu geniessen?
Es ist das unschätzbare Verdienst SPITTA's, diese Frage in den Vordergrund
geschoben zu haben.
4. Fr. Spitta.
Die urchristlichen Traditionen über Ursprung und Sinn des Abendmahls
(zur Geschichte und Litteratur des Urchristentums). 1893 S. 207 bis 337.
Der Sinn der Worte Jesu liegt einzig und allein in der Aufforderung zum Genuss.
Das Genossene ist nach seinen Worten sein Leib und sein Blut, gerade dadurch,
dass es genossen wird! Das Brechen und Ausgiessen als die darstellende
Handlung, welche den Elementen eine veranschaulichende Beziehung auf seinen
Tod geben soll, lag seinen Gedanken fern. Die historische Feier war eine Mahlzeit, bei welcher nach dem gemeinsamen Inhalt aller Berichte die Jünger
auf seine Aufforderung hin die dargereichte Speise als seinen Leib essen und den
eingegossenen Wein als sein Blut trinken sollten und dies auch thaten.
STRAUSS und BRUNO BAUER hatten denselben Thatbestand als von den Quellen
geboten konstatiert, wurden aber von hier aus gezwungen, die historische
Thatsächlichkeit des geschilderten Vorganges in Frage zu stellen und das
Zustandekommen der Berichte sei es aus der Geschichte des Urchristentums
(STRAUSS), sei es aus der Geschichte der Entstehung der christlichen
Ueberlieferung überhaupt (BRUNO BAUER) zu erklären. Dass die Jünger auf die
Aufforderung Jesu hin damals seinen Leib und sein Blut genossen haben sollen,
ist für sie eine unvollziehbare Vorstellung.
SPITTA kann den Vorgang als historisch aufrecht erhalten durch Zuhülfenahme
eschatologischer Gedankengänge. Anknüpfend an die Vorstellung des
messianischen Bundes, hat Jesus, wie die übereinstimmenden Züge aller
Berichte zeigen, bei den „Einsetzungsworten“ an das Essen und Trinken beim
messianischen Mahl gedacht. In der prophetischen und in der apokalyptischen,
in der Sapientia- und in der rabbinischen Litteratur stellt sich die Vollendung des
Reiches in dem messianischen Mahl dar, wobei die genossene Speise der
Messias selbst ist! Auf Grund dieser Vorstellung konnte Jesus voraussetzen,
dass die Jünger ihn verstehen würden, wenn er sie aufforderte, beim Essen ihn
selbst zu geniessen. Was er ihnen bietet, ist eine Vorwegnahme des grossen
messianischen Mahles der Endzeit. In diesem Gedanken konnten sie den Leib
des Messias essen und ihn in seinem Blut, dem Saft der Trauben, trinken.
Das letzte Mahl war kein Passahmahl, der Leidensgedanke kam für die
Symbolik der Elemente nicht in Betracht, und der Wiederholungsbefehl ist
unhistorisch. Diese Anschauungen sind späterer Art und nur dadurch
verständlich, dass infolge des inzwischen eingetretenen Todes Jesu die
Auffassung seiner Worte bei der letzten Mahlzeit sich notwendig ändern musste.
Die Feier wurde in Analogie zu dem Passahmahl gesetzt, weil jetzt die Deutung
der Worte vom Leib und Blut auf seine Leiden unabweislich war. Damit drang
die Vorstellung einer Stiftung notwendig mit ein.
Bei Paulus halten sich die ursprüngliche und die auf das Leiden bezogene
Auffassung noch das Gleichgewicht. I Kor 10 1 ff. und I Kor 10 14 ff. kennen den
Leidensgedanken noch nicht und betonen das Genussmoment. I Kor 11 23 ff. tritt
das neue Moment in Sicht, welches Paulus bei der Bekämpfung der
korinthischen Agapenskandale in die Feier einträgt: die Feier hat es mit dem
Tode Jesu zu thun.