Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

3. Die Offensive. Adolf Jülicher.

einzelnen Zug der historischen Situation, jeden durch die Exegese angedeuteten

Nebengedanken in seiner Gesamtauffassung unterbringen. Es ist gelungen, „die

Möglichkeit, dass Jesus eine der Beschreibung ungefähr entsprechende

Feier wirklich gehalten habe“, auf einen sehr hohen Grad der

Wahrscheinlichkeit zu bringen. Die Herleitung der Berichte aus der späteren

Gemeindetheologie, etwa gar mit Benutzung ausserchristlicher Analogien, wird

von selbst gegenstandslos. Jede derartige Konstruktion muss zuerst den

Nachweis erbringen, dass die von ihr behauptete Umbildung sich in so kurzer

Zeit nach Jesu Tod habe einbürgern können.

 

Damit erschöpft sich aber der Wert dieser Verteidigungsstellung: sie verfügt

über sicher schiessende, gut placierte Geschütze, die aber nicht sehr weit tragen,

sodass vor den Augen der Belagerten die Reiterschwärme der Belagerer sich auf

dem unbestrichenen Terrain vergnügt und unbehelligt tummeln. Es ist nämlich

unmöglich, dass jemals eine mit der SCHMIEDEL'schen verwandte Auffassung

erklären könne, wie die von ihnen bis ins einzelne verstandene historische

Feier im Urchristentum, etwa noch gar ohne Annahme eines dahinzielenden

Befehls Jesu, wiederholt worden ist. Denn das Schwergewicht liegt ja für sie in

dem Handeln Jesu. Nun ist dieses Handeln Jesu in der urchristlichen Feier gar

nicht wiederholt worden, weil dies unmöglich ist. Der Leidensgedanke fehlt ihr

ja vollständig. Sie ist eine Mahlzeit, bei welcher, so viel wir wissen, die

Ceremonie der historischen Feier in keiner Weise reproduziert wurde. Das

Nebensächliche, das Essen, ist also Hauptsache geworden und die Hauptsache ist

in der wiederholten Feier ganz zurückgetreten.

 

Ausserhalb des schmalen, von den Festungsgeschützen beherrschten

Terrainstreifens ist also der geringste Reitertrupp des Angreifers gegen die

wohlbewaffnete, aber schwerfällige Besatzung im Vorteil, wenn sie einen

Ausfall wagen sollte. Jede kecke Konstruktion, von STRAUSS bis auf EICHHORN,

kann das Aufkommen und das Wesen der urchristlichen Feier besser erklären,

als die exegetisch gewissenhafte, aus den Berichten destillierte Auffassung

SCHMIEDEL's. Nur halte die erstere sich ausser Bereich des exegetischen

Verteidigungsfeuers, wenn sie nicht durch den ersten Schuss ausser Gefecht

gesetzt sein will. Fürwahr ein merkwürdiger Kampf, wo es einen nicht Wunder

nimmt, dass jeder als Sieger thut, obwohl der andere unbesiegt ist.

 

3. Die Offensive. Adolf Jülicher.

 

Zur Geschichte der Abendmahlsfeier in der ältesten Kirche. 1892.

(Theologische Abhandlungen, K. v. WEITZSÄCKER gewidmet.)

 

JÜLICHER berührt sich am nächsten mit ZWINGLI, dessen Auffassung er ins

Moderne übersetzt, indem er auf die gegenwärtige Form der Fragen Rücksicht

nimmt. Es handelt sich um die einseitige Geltendmachung des

Darstellungsmoments.

 

Alle auf dem Genussmoment beruhenden Auffassungen legen Jesu moderne

Gedanken unter. Was er bei jenem Mahle zuletzt so besonders feierlich sagte,

muss für jeden Anwesenden unmittelbar verständlich gewesen sein. Der

Vergleichspunkt muss also in dem liegen, was er vor den Augen der Jünger mit

den Genusselementen vornimmt: in dem Brechen des Brots und in dem

Ausgiessen des Weins. Der Sinn der begleitenden Worte bezieht sich auf den

bevorstehenden Tod. „So wie dieser Wein alsbald verschwunden sein wird, so

wird alsbald mein Blut vergossen sein, denn mein Tod ist eine beschlossene

Sache; aber“, fügt er tröstend hinzu, „es wird nicht umsonst vergossen, sondern

„für viele“ und — ein bildlicher Ausdruck, der in dem Gedankenkreis des

Passahtages lag — als ein Bundesblut.“ Nur den Gegenstand des Geniessens

vergleicht Jesus hier und dort mit seinem Leibe, auf das Geniessen reflektiert

er gar nicht. Höchstens insofern das Genussmoment aus dem vorhergehenden

darstellenden Moment irgend eine Bedeutung empfängt, kann man ihm

problematische Geltung zugestehen. So hatte die Feier ursprünglich einen

wehmütig schmerzlichen Charakter, welcher nur aus der Situation begriffen

werden kann.

 

Nun lässt die älteste Ueberlieferung Jesum durch nichts andeuten, dass er jene

sinnvolle Handlung auch künftighin von seinen Gläubigen vollzogen sehen

möchte. Wie hat man aber dann in der Urkirche aus dieser historischen Feier so

schnell eine zu steter Wiederholung bestimmte Handlung machen können?

Zuerst war es wohl ein inneres Bedürfnis. Passahgedanken und

Abschiedserinnerungen wirkten mit. Bald fand die Wiederholung im

Zusammenhang mit jedem Mahle statt und es kam die Vorstellung eines

ausdrücklichen darauf hinzielenden Gebotes Jesu auf. „So weit es irgend ging,

wollte man die Situation von ehedem reproduzieren, nur dass man jetzt auf

das zurückblickte, was damals angekündigt werden sollte“ (S. 247). Diese

Feier wurde nach dem ersten Akt kurz das Brotbrechen genannt. Bei der

Austeilung der sakramentalen Elemente hat man wohl nicht von jeher die

Deutungs- respektive Einsetzungsworte des Herrn verbotenus wiederholt, denn

sonst würde deren Ueberlieferung nicht so viele Differenzen aufweisen. Nach I

Kor 11 26 hat man dabei nie versäumt, den Tod des Herrn zu verkünden, also immer wieder das erschütternde Ereignis sich vor Augen zu stellen und seine