Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

2. Der neue Weg.

Diejenigen, welche unter den gegebenen Verhältnissen neue

Abendmahlsauffassungen aufstellen, rechnen ein Exempel, das bisher nie hat

wollen aufgehen, zum so und sovielten Male durch. Ihre Kritiker rechnen das

Exempel zum so und sovielten Male nach. Auf geht es aber darum doch nicht.

 

Es kann nie aufgehen. Darum nützt es nichts, immer mit Eifer und Sammlung

von vorn anzufangen. Man muss den Fehler nicht in der Rechnung, sondern im

Ansatz suchen. Die

 

bisherigen Auffassungen bringen es nicht über dialektische Behauptungen

hinaus, welche als Ganzes aus den geschichtlichen Thatsachen weder zu

beweisen noch zu widerlegen sind.

 

Es gilt also sich von der bisherigen Problemstellung loszumachen.

 

Wo liegt der Grund des Metaphysischen in der Abendmahlsfrage?

 

2. Der neue Weg.

 

Bisher galt der Satz: Um das Abendmahl zu erklären, muss man von der

Deutung der Gleichnisse ausgehen, denn diese konstituieren das Wesen der

Feier. So suchte man sie aus dem Genuss, oder aus dem Handeln, oder aus

beiden zusammen zu deuten — und, wenn man eine plausible Erklärung

gefunden hatte, glaubte man den Schlüssel zum Abendmahl zu besitzen.

 

Nun gilt es aber zwei Thüren zu öffnen: der betreffende Schlüssel passt aber

jedesmal nur zu einer. Angenommen SPITTA und die andern deuten die

Gleichnisse richtig auf das Urchristentum: der historischen Situation entspricht

aber ihre Erklärung nicht. Angenommen JÜLICHER und die andern deuten sie

richtig aus der historischen Situation: im Sinne des Urchristentums ist aber ihre

Erklärung nicht, denn dort kommt in keiner Weise zum Ausdruck, dass die

Handlung Jesu den Tod versinnbildlichte.

 

Man hat aber allen Grund zu fragen, ob die Gleichnisse aus der sie begleitenden

Handlung so ohne weiteres deutbar sind. Alle Erklärungen werden ja auf

Umwegen erreicht! Wieso soll das Brechen des Brots die Kreuzigung des Leibes

anzeigen? Ist diese Erklärung etwa deswegen einleuchtender, weil es die einzige

ist, welche die begleitende Handlung offen lässt? Wer sagt uns, dass es die

Jünger so verstanden haben können? In der urchristlichen und altchristlichen

Epoche, ja eigentlich bis auf ZWINGLI weiss kein Mensch etwas von dieser

Deutung.

Mit dem Wort über dem Kelch steht es noch schlimmer. Hier muss man nämlich,

um dem Gleichnis einen Sinn abzugewinnen, den Vergleichspunkt zur Handlung

geradezu hinzuerfinden. Berichtet ist nur das Herumreichen des Kelches.

Dieses ist aber für das „Vergiessen des Blutes“ nicht charakteristisch. Das

einzig Erträgliche wäre das „Ausgiessen in den Kelch“. Obwohl nun diese

Handlung in keinem Berichte erwähnt ist, haben es alle exegetischen

Deutungen, welche auf dem Darstellungsmoment beruhen, mit dem

„Ausgiessen“ des Weines in den Kelch zu thun. Aus der inneren Zwangslage

heraus schaffen sie frei ein Analogon zum Brotbrechen, ohne sich darüber zu

rechtfertigen, wie sie dazu kommen, die Situation in unerlaubter Weise zu

bereichern.

 

Wo steht denn geschrieben, dass Jesus den Wein in den Kelch vor den Augen der

Jünger bedeutungsvoll eingoss, wie er das Brot brach? Nirgends! Also beruht die

exegetische Deutung des zweiten Gleichnisses auf reiner Erfindung.

 

Gestehen wir es offen ein: es fehlt uns jegliche Anleitung zu einer natürlichen

Deutung der Gleichnisse. Ueber Künstelei haben wir es dabei nicht

hinausgebracht. Unser Schlüssel ist nur ein schlechter Nachschlüssel: er passt

zur Not in das eine Schloss, aber nicht in beide. Und aus dieser Notdeutung

der Gleichnisse wollen wir die ganze historische und urchristliche Mahlfeier

erklären!

 

Wenn man in dieser Notlage einmal den noch einzig möglichen Ausweg ins

Auge fasste! Es geht nicht an, die Feier durch die Gleichnisse zu erklären.

Versuchen wir es mit dem umgekehrten Verfahren, nämlich die Gleichnisse aus

der Feier zu erklären!

 

Freilich, am Anfang scheint das nur das letzte verzweifelte Rütteln an der

verschlossenen Thür. Aber überlegen wir die Sache einmal ruhig.

 

Beim Abendmahl handelt es sich um die Austeilung von Seiten Jesu, um den

Genuss von Seiten der Jünger und um zwei Gleichnisse, welche mit dem

Vorgang zusammenfallen. Ich sage zusammenfallen! In einer Situation

können Handlungen und Reden zeitlich zusammenfallen, während sie in dem

Bericht nur in zeitlicher Folge geschildert werden können, weil die Worte jedes

Nebeneinander notwendig in eine Aufeinanderfolge auseinanderlegen.

 

So halten unsere Berichte die Reihenfolge: Austeilung, Gleichnis, Genuss inne,

als hätte Jesus zuerst symbolisch gehandelt, dann ausgeteilt, dann das erklärende

Gleichnis gesprochen, worauf zuletzt die Jünger verständnisvoll gegessen hätten.

 

Versucht man es aber einmal, sich den berichteten Vorgang als Scene vorzustellen, so merkt man bald, dass die säuberliche chronologische Folge

stark illusorisch wird. Man denke sich die 12 Menschen, die wie auf eine

innere Verabredung hin mit dem Essen des ihnen zugeteilten Stückes warten, bis

Jesus das Gleichniswort gesprochen! Wie unnatürlich, ja unmöglich diese Scene

in der gedachten chronologischen Folge der Handlungen ist, kann man in

Oberammergau sehen, wenn sie ins Leben übersetzt wird! Es lässt sich kaum

etwas Unnatürlicheres und Geschraubteres denken.

 

Für den, welcher eine berichtete Situation mit dem Blick des Malers in der

Wirklichkeit zu schauen vermag, bleiben nur zwei Möglichkeiten. Entweder hat

Jesus jedem Einzelnen das Brot zugeteilt und dabei für jeden Einzelnen das

Gleichniswort wiederholt: dann ist die chronologische Folge so haltbar. Oder

aber, wie feststeht, er hat allen zusammen Brot ausgeteilt und das Gleichniswort

nur einmal gesprochen: dann ist die chronologische Folge, mit der wir bisher

operierten, illusorisch geworden. Sie besagt dann nur, dass Jesus im Verlauf der

Austeilung des Brotes und während des Herumreichens des Bechers die

Gleichnisworte vom Leib und vom Blut gesprochen! Ob zu Anfang, in der

Mitte oder zu Ende, ob vor, während oder nach dem Essen und Trinken:

das ist nicht auszumachen. Unsere Berichte geben uns darüber keinen

Aufschluss.

 

Aus der angenommenen chronologischen Folge haben die bisherigen

Auffassungen ohne weiteres eine causale gemacht. Man sagte: Die Austeilung

und das dabei vorkommende Brechen und Ausgiessen begründet das Gleichnis,

das Gleichnis soll den Jüngern die Bedeutung des Genusses erklären, und die

Bedeutung des Genusses macht das Wesen der Feier aus.

 

Aus einer angenommenen zeitlichen Folge eine causale zu machen, das ist ein

Fehler, den das menschliche Denken trotz aller Warnungen immer und immer

wieder macht und sich dadurch die grössten Probleme schafft.

 

Nun zeigt die Geschichte, dass gerade diese angenommene causale Folge das

Abendmahlsproblem unlösbar macht. Andererseits beschränkt sich unsere

Kenntnis von der Situation darauf, dass Jesus im Verlauf der Austeilung die

Gleichnisse gesprochen hat. Also machen wir uns von dem Vorurteil los, als ob

die Gleichnisse die Feier konstituierten, und fassen das Problem so, dass die

Feier die Gleichnisse erklärt. Anders ausgedrückt: Man meinte bisher, dass

Jesus die Jünger aufforderte, das dargereichte Brot und den herumgereichten

Wein zu geniessen, weil er sie als seinen Leib und sein Blut bezeichnet hatte

(wobei freilich niemand sagen kann, in welchem Sinne sie mit Brot und Wein

seinen Leib und sein Blut assen und tranken).

Wir aber gehen jetzt davon aus, dass Jesus von dem Brot und dem Wein, die

seine Jünger auf seine Darreichung hin genossen, sagt, sie wären sein Leib und

sein Blut, gerade im Hinblick darauf, dass sie es auf seine Darreichung hin

geniessen! Sie essen also nicht seinen Leib und trinken nicht sein Blut, sondern,

weil sie jenes Brot essen und jenen Wein trinken, sagt er, es sei sein Leib und

sein Blut! Das Gleichnis konstituiert also die Feier nicht, sondern es erwächst

aus ihr!

 

Die Feier ist selbständig! Sie besteht darin, dass Jesus unter Danksagung seinen

Jüngern das Brot bricht und den Kelch herumreicht und sie davon geniessen.

Zum Wesen der Feier gehören die Gleichnisse nicht, sondern Jesus spricht in

diesen geheimnisvollen Worten die Bedeutung aus, welche die Feier für ihn hat!

 

Diese zweite Eventualität liegt gerade so gut in den Berichten wie die erste. Nur

ging man immer an ihr vorüber, weil die chronologische Folge der Handlungen

in der schriftstellerischen Darstellung die Aufmerksamkeit ganz für die erste

gefangen nahm.

 

Nun ist aber logisch festgestellt, dass die bisherige Annahme das Problem

vollständig unlösbar macht. Also muss man es notgedrungen mit der zweiten

probieren.

 

Ueberdies spricht die Geschichte gerade für die zweite. Es steht fest, dass die

Leidensgleichnisse in der urchristlichen Feier keine Rolle spielten. Sie wurden

im Verlauf der Feier in keiner Weise reproduziert! Dafür sprechen Didache und

Paulus, denn wenn sie aus dem alltäglichen Verlauf der Feier bekannt gewesen

wären, bliebe I Kor 11 23 unverständlich, da hier dann etwas Bekanntes in

geheimnisthuerischer Weise wiederholt würde! Es stand also im Urchristentum

so: Man wusste wohl, dass diese Gleichnisse bei der historischen Feier

gesprochen worden waren, die Gemeindefeier leitete sich von dieser historischen

Feier ab: aber doch fühlte man kein Bedürfnis, die historischen Gleichnisse

Jesu dabei irgendwie zu reproduzieren. Also war die historische Feier,

sofern sie sich in der Gemeindefeier fortsetzte, von den Gleichnissen

unabhängig, da man sonst auch die Gleichnisse wiederholt hätte. Das ist durch

die Geschichte bezeugt.

 

Darum hat es das Abendmahlsproblem gar nicht mehr mit den beiden

unmöglichen Fragen zu thun, wieso Jesus seinen Jüngern seinen Leib zu essen

und sein Blut zu trinken gegeben habe und wie sie diese Feier später in

entsprechender Weise reproduzierten, sondern das Problem selbst ist ein ganz

anderes. Es heisst nicht mehr: Was bedeuten die Gleichnisse, damit wir die Feier erklären können? sondern: Was bedeutete die Feier, damit wir die

Gleichnisse erklären können.

 

In welchem Sinne war die Austeilung von Brot und Wein beim letzten Mahl

ein so überaus feierlicher Akt, der sich auf Jesu Tod bezog? — von dieser

Frage hat die Untersuchung auszugehen, indem sie die Gleichnisse vorerst ganz

bei Seite lässt. Es ist der einzige Weg zur Lösung des Problems.