Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
2. Der Ansatzpunkt.
kommen liessen, wie dies früher der Fall war, greift jetzt eine ausgesprochen
skeptische Stimmung Platz, deren Sprache man in dem Aufsatz EICHHORNS's[1]
vernehmen kann.
An diesem Skeptizismus ist etwas unbedingt Berechtigtes. Er geht nämlich von
der Thatsache aus, dass durch die ganze Forschung des 19. Jahrhunderts die
Lösung des Problems ferner gerückt ist als je. Die Schwierigkeiten sind gerade
durch die historisch-kritische Methode in viel stärkerem Masse hervorgetreten,
als man früher jemals ahnen konnte.
Unberechtigt daran ist aber die Art, der historischen gewissenhaften Kritik
gegenüber vornehm zu thun und aus der Thatsache, dass sie bis jetzt in dem
Problem nicht zum Ziele geführt hat, ihre Inferiorität einer excentrischen
überkritischen Unkritik gegenüber zu proklamieren. Statt dessen sollte man eher
nach den Gründen forschen, warum die historische Kritik die Lösung dieser
Frage bisher nicht herbeiführen konnte.
2. Der Ansatzpunkt.
Das Abendmahlsproblem setzt sich aus einer Reihe von Einzelfragen zusammen,
die in den verschiedenen Auffassungen verschieden beantwortet und verschieden
mit einander in Zusammenhang gebracht werden. Gewöhnlich dreht sich nun die
Kritik um diese Einzelfragen. Man untersucht, ob die Fassung der
Einsetzungsworte haltbar ist, ob die Exegese der Gleichnisse richtig ist, wie die
betreffende Abhandlung sich zur chronologischen Frage stellt, auf welche Art sie
den behaupteten oder verneinten Zusammenhang zwischen Abendmahl und
Passah begründet und dergleichen.
Der folgenden Untersuchung kommt es mehr auf die Gesamtauffassung an
und auf den Zusammenhang, in welchem die Einzelfragen unter einander
stehen. Wächst eine Abendmahlsanschauung aus einer Reihe von selbständigen
Entscheidungen über die schwebenden Einzelfragen heraus, oder sind nicht diese
Einzelfragen durch einen inneren verborgenen Mechanismus so mit einander
verbunden, dass mit der einen zugleich über die andern entschieden wird?
Welches sind die Gesetze, nach denen sich die Einzelfragen im
Abendmahlsproblem gegenseitig bedingen? Das ist die Frage, welche uns
beschäftigt. Nur sie kann uns darüber Aufschluss geben, warum die historisch-
kritische Methode nicht zum Ziele führen konnte.