Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
Erstes Kapitel.
Einleitung.
1. Der Skeptizismus in der Abendmahlsforschung.
Es gibt Fragen, welche in dem Denken der Menschheit auftauchen, das volle
geistige Interesse einer Epoche in Anspruch nehmen und dann wieder
zurücktreten, ohne ihre Lösung gefunden zu haben und ohne dass es klar ist, wie
sie ungelöst an Interesse verlieren konnten.
Jahrhunderte gehen darüber hin. Dann, durch eine Wendung in der Geschichte,
wird dieselbe Frage wieder in den Vordergrund geschoben und das Spiel
wiederholt sich.
Zu diesen intermittierenden Vulkanen gehört die Abendmahlsfrage. Drei
Aktionsperioden sind bis jetzt zu verzeichnen. Die erste ist die längste. Sie
dauert ungefähr zehn Jahrhunderte. Mit der Dauer steht die Intensität im
umgekehrten Verhältnis. Wir haben keinen feuerspeienden Berg, sondern einen
Krater mit langsamem Lavaausfluss. Einige Erdstösse — die fränkischen
Abendmahlskontroversen — bezeichnen den Schluss der Aktionsperiode.
Die Art, wie die Frage in der Reformationszeit neu auftaucht, ist in höchstem
Grade überraschend. Man sollte meinen, dass, in dem gemeinsamen Gegensatz
aller reformatorischen Auffassungen zur römischen Theorie, die
innerprotestantischen Gegensätze gerade in dieser Frage Aussicht hatten, bis auf
weiteres latent zu bleiben. Statt dessen wird gerade die Abendmahlsfrage der
Pol, nach dem sich die Gedanken orientieren. Diese zweite, dogmatische
Periode, war in ihrem eigentlichen Verlauf ebenso kurz wie heftig. Sie umfasst
kaum drei Jahrzehnte. Dann wird die Abendmahlsfrage für die Dogmatik eine
Frage neben andern. SCHLEIERMACHER's Glaubenslehre, die wissenschaftliche
Begründung der Vermittlungsversuche, behandelt sie fast anhangsweise.
Die dritte Periode wird durch die historisch-kritische Forschung heraufgeführt.
Wir stehen mitten darin, so aber, dass die Mittagszeit bereits hinter uns liegt.
Schon kündigt sich nämlich die Erschöpfung an. Nachdem eine Reihe der
letzterschienenen Abhandlungen die Zuversicht, das Problem durch die historische Kritik lösen zu können, nicht mehr so entschieden zur Geltung