Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
5. R. A. Hoffmann.
In dieser Darstellung ist die Hervorhebung des Leidensgedankens und damit die
Bedeutung des darstellenden Moments im Handeln Jesu aus der Nebenstellung
fast bis zur Gleichstellung mit dem Genussmoment gerückt, wobei aber letzteres
immer noch den Ausgangspunkt bildet. „Es spricht nichts dafür, dass etwa Jesus
nur auf das Essen Gewicht gelegt habe und die Beziehung auf seinen Tod
späterer Zusatz sei. Umgekehrt ist es aber auch nicht wahrscheinlich, dass Jesus
nur eine symbolische Handlung bei jenem letzten Mahl vorgenommen hat, und
dass die Verbindung mit dem Mahle nur durch den äusseren Anlass entstanden
ist.“ Auch das Brot ist nicht blosses Symbol, sondern auf Grund des Symbols
zum wenigsten Repräsentant und Vermittler des Leibes Jesu.
Das Genussmoment und das darstellende Moment werden durch den Begriff des
Opfermahls zusammengehalten. Den Jüngern waren Jesu Gedanken aus der
religiösen Vorstellungswelt Israels bekannt und fasslich. In dem Begriff des
Opfermahls war die Wiederholung unmittelbar gegeben und ebenso der
Empfang der in ihm gespendeten Gabe. So hat, trotz des Fehlens des
Wiederholungsbefehls, Jesus auch nach dem Bericht des Markus an eine
Wiederholung gedacht, weil er eine Gabe spendet, die auch für die fernsten
Zeiten Wert hat.
Wie bei ERICH HAUPT vermögen die eschatologischen Gedanken auch bei FR.
SCHULTZEN sich nur anhangsweise Geltung zu verschaffen, nachdem die
Wiederholung der Feier schon anderweitig feststeht. „Die Parousiegedanken bei
dieser Feier erklären sich bei der lebhaften Sehnsucht der Gemeinde nach der
Parousie leicht, da das Abendmahl auch nach I Kor 11 26 eine Feier ist, die in der
Wiederkunft Christi ihr Ziel erreicht hat.“
Die Trennung von Mahlzeit und Abendmahl wird bereits für die Urgemeinde
vorausgesetzt. Paulus prägt schon Vorhandenes schärfer aus. Die später erfolgte
Abtrennung der „Eucharistie“ von dem Mahle erklärt sich viel einfacher, wenn
sie bereits ein besonderer Teil derselben war, als wenn man das ihr besonders
Eigentümliche gar nicht erkennen konnte.
5. R. A. Hoffmann.
Die Abendmahlsgedanken Jesu Christi. Königsberg 1896.
Bei HOFFMANN tritt das Darstellungsmoment noch stärker hervor als bei
SCHULTZEN. Es wird geradezu eine zweifache Art von Teilnehmern vorausgesetzt.
Das darstellende Handeln geht auf die einen, der Genuss ist für die andern bestimmt. „Vergossen wurde sein Blut für das ungläubige Volk, zu trinken gab
er es den Seinen.“
Mit letzterem will er sagen, dass, da das Blut die Seele ist, seine Seele in sie
übergehen werde, um ihnen zu ihrer bevorstehenden hohen Mission Kraft zu
geben, sie zu stärken, damit auch sie, wenn der Fall an sie herantritt, imstande
seien, ihrerseits ihre Seele als Lösegeld für andere dahinzugeben. Nicht seinen
Leichnam reicht er ihnen dar, sondern seinen lebendigen Leib als den Träger des
ihm innewohnenden göttlichen Geistes.
„In der urchristlichen Feier kommt, neben dem Essen und Trinken, auch dem,
was Jesus gethan hat, dem Brechen und Danken — in entsprechender
Wiederholung — Bedeutung zu.“ Dies war der Standpunkt von SCHULTZEN.
HOFFMANN geht noch weiter. „Das Wesentliche der ersten Mahlzeit war ohne
weiteres nicht zu wiederholen, eben die Handlung des Herrn, wie sich in ihr
seine überragende Geistesgrösse, seine Kraft und Leben ausströmende
Gegenwart noch zum letztenmal ihnen dokumentiert hatte“ (S. 106).
Eine Wiederholung ohne Wiederholungsbefehl ist also undenkbar. Der
Wiederholungsbefehl muss sich vor allem auf den Genuss bezogen haben, da
Jesus zur Erinnerung an ihn ein Mahl eingesetzt hat. Es lässt sich nicht mehr
ausmachen, wie sich in der ersten Zeit das Abendmahl des näheren zur
Gemeindemahlzeit verhalten habe. Für Paulus jedenfalls war die feierliche
Gemeindemahlzeit mit dem Abendmahl untrennbar verbunden.
Der Eschatologie kommt in der Darstellung HOFFMANN's keine Bedeutung zu.