Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
5. Der justinische Bericht (I Apol. 66).
Es ist daher nicht zu erwarten, dass durch Streichung oder Versversetzung aus
der lukanischen Darstellung sich ein Bericht gewinnen lässt, der auf eine
originelle ältere Vorstellung der historischen Feier zurückgeht. Mehr als durch
solche Versuche wird man dem Wert der lukanischen Darstellung gerecht, wenn
man das schriftstellerische Geschick, das ästhetische Feingefühl und den
liturgischen Schwung würdigt, von denen diese Schilderung Zeugnis gibt.
5. Der justinische Bericht (I Apol. 66).
Hier vollzieht sich die Gleichbildung durch Verkürzung des zweiten Akts nach
Analogie des ersten. Die berichtete Feier beschränkt sich auf zwei rätselhafte
Worte Jesu. Nach einem Dankgebet über dem Brot spricht er: „dies ist mein
Leib“, desgleichen beim Kelch: „dies ist mein Blut“ (τὸν Ἰησοῦν λαβόντα ἄρτον
εὐχαριστήσαντα εἰπεῖν· τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν ἀνάμνησίν μου, τοῦτό ἐστι τὸ
σῶμά μου. καὶ τὸ ποτήριον ὁμοίως λαβόντα καὶ εὐχαριστήσαντα εἰπεῖν· τοῦτό
ἐστι τὸ αἷμά μου).
Es fehlt das Brechen des Brots, der Hinweis auf den Wert der Dahingabe und die
Hervorhebung des erwarteten oder erfolgten Genusses im zweiten Akt. Auch das
eschatologische Schlusswort ist ausgefallen. Nur beim ersten Akt findet sich das
τοῦτο ποιεῖτε in der paulinischen Form, wobei aus τὴν ἐμὴν ἀνάμνησίν (I Kor 11
24) τὴν ἀνάμνησίν μου geworden ist.
Hier steigert sich aber der Widerstand des ersten Akts gegen einen derartigen
Eintrag bis zur Unerträglichkeit. Worauf soll sich das ποιεῖν beziehen? Auf das
vorausgehende Gebetswort? Das Brechen ist nicht erwähnt, der Genuss
vorausgesetzt, aber nicht hervorgehoben. So ist das τοῦτο ποιεῖτε hier für die
grammatikalische Auslegung sinnlos und die Erwähnung desselben bei dem
ersten Akt allein unverständlich.
Bei dieser verkürzten Darstellung ist die ganze historische Situation interesselos
geworden. Zwar erwähnt Justin Dial. 41, 70 und 117, dass in der Gemeindefeier
auch die Erinnerung an Jesu Tod mit hereinspielt. In seinem Bericht aber fehlt
jede Andeutung, dass dieses Mahl in der Nacht vor dem Tod stattgefunden hat.
Aus dem „justinischen Bericht“ allein wüssten wir also nur, dass Jesus bei einem
Mahle, nachdem er das Dankgebet über dem Brot gesprochen, seinen Jüngern
geboten habe, diesen Brauch zur Erinnerung an ihn festzuhalten; danach habe er
fortfahrend das gesegnete Brot als seinen Leib und den gesegneten Kelch als
sein Blut bezeichnet.