Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

2. Die Folgerungen aus der Authentie des Markusberichts.

nachgewiesen werden kann, ob uns nun die betreffende „Einsetzungsformel“

zusagt oder nicht.

 

Bisher galt es für interessant, mit einer gewissen skeptischen Nonchalance die

Behauptung hinzuwerfen, dass wir über die Authentie der Berichte niemals

etwas wissen können. Selbst wenn unter unseren Berichten ein authentischer

sich befände, so hätten wir doch kein Mittel, ihn unter den andern

herauszufinden. Durch die neue Auffassung der Authentie ist diese Skepsis

abgethan. Wir besitzen einen authentischen Bericht. Wer es bestreiten will, muss

nachweisen, dass der Markusbericht ein durch die andern Darstellungen

desavouiertes Phantasieprodukt ist. Authentisch oder sinnlos: das ist die einzig

offene Alternative.

 

2. Die Folgerungen aus der Authentie des Markusberichts.

 

Die neue Auffassung der Authentie bezeichnet den ersten Erfolg der neuen

Problemstellung. Er öffnet dem neuen Lösungsversuch den Weg. Jesus forderte

die Jünger auf, seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken: dieser

angenommene gemeinsame Thatbestand aller Berichte schien den Weg zu

versperren. Durch die Authentie des Markusberichts wird aber dieser

Scheinthatbestand ausser Kraft gesetzt. Es ist historisch bestätigt, was aus der

Kritik der modernen Auffassungen geschlossen wurde: Jesus hat seine Jünger

nicht aufgefordert, seinen Leib und sein Blut zu geniessen, sondern er hat die

Gleichnisworte im Verlauf, nicht vor dem Genuss gesprochen. Das Kelchwort

kommt erst, nachdem alle getrunken haben!

 

Also haben wir einen Bericht, bei dem das Wesen der Feier nicht auf den

Gleichnissen, sondern auf dem feierlichen Vorgang beruht. Das hatte die neue

Problemstellung gefordert. Nun ist es Thatsache geworden. Also ist das

Abendmahlsproblem für die historische Kritik lösbar.

 

3. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis im Abendmahl.

 

Die Bedeutung der Darreichung der Genusselemente bleibt vorerst rätselhaft.

Nur das Negative ist klar, dass nämlich die Gleichnisse nicht aus der

symbolischen Handlung des Brechens und aus dem vorausgesetzten Ausgiessen

des Weins an sich erklärt werden dürfen. Das darstellende Moment spielt in den

Berichten keine Rolle und verschwindet zuletzt ganz, wie der justinische Text zeigt, wo das Brechen nicht einmal mehr erwähnt wird.

 

Wollte man die Gleichnisse nach dem authentischen Markustext deuten, so

müsste man das erste aus dem Brechen, das zweite aus der Thatsache, dass alle

Jünger getrunken haben, erklären. Man bekäme also zwei ganz verschieden

geartete Gleichnisse.

 

Die Gleichnisse vom Leib und Blut müssen aber irgendwie den

Leidensgedanken enthalten. Dass Jesus damit das Geheimnis seines Leidens zum

letztenmal ausgesprochen hat, ist in den Umständen dieses letzten

Zusammenseins gegeben. Wenn wir also die Gleichnisse nicht richtig zu

verstehen vermögen, kann dies nur daran liegen, dass wir das Geheimnis des

Leidensgedankens falsch auffassen.

 

Nun ist es die Eigentümlichkeit aller modern-historischen

Abendmahlsauffassungen, dass sie in der Feier den eschatologischen

Gedanken nicht zur Geltung bringen. Sie verwenden das Wort von dem

Neutrinken in des Vaters Reich nicht als eine das Wesen jenes letzten Mahls

mitkonstituierende Aussage, sondern machen daraus bestenfalls ein

Anhangswort.

 

Im Markustext nimmt es aber eine Hauptstellung ein. Es ist das mit erhobener

Stimme feierlich und eindringlich gesprochene Schlusswort der Feier. Dabei

hängt es mit dem Wort vom vergossenen Blut eng und unzertrennlich zusammen,

so dass es mit ihm einen einzigen Gedanken zu bilden scheint. Diese enge

Verbindung zwischen dem Todes- und Wiederkunftsgedanken ist

charakteristisch für den zweiten Akt der Situation bei Markus.

 

Demselben Zusammenhang begegnen wir aber auch bei Paulus und zwar in

beiden Akten. Nach ihm — und er beruft sich dabei ausdrücklich auf den

historischen Hergang — besteht die Bedeutung des Essens und Trinkens

irgendwie in der Verkündigung des Todes des Herrn zugleich mit der Erwartung

seiner Parusie. „So oft ihr dieses Brot esset und diesen Wein trinket, verkündigt

ihr den Tod des Herrn, bis dass er komme.“

 

In der authentischen Relation der historischen Feier und in der ältesten Relation

der Gemeindefeier haben wir also beidemal eine organische Verbindung

zwischen dem Leidensgedanken und der eschatologischen Erwartung. Es ist

daher falsch, das Wesen der Feier in der letzten Aussprache des Todesgedankens

allein zu finden. Nicht von seinem Tod, sondern von seinem Tod und der

baldigen Wiedervereinigung mit ihnen beim Mahle im neuen Reich hat Jesus

zu den Seinen geredet. Das Geheimnis seines Todes, welches bei dieser Feier in der ergreifendsten und erhebendsten Weise zum letztenmal von Jesus

ausgesprochen wurde, enthält den Leidensgedanken im engsten Zusammenhang

mit der eschatologischen Erwartung.

 

Die modern-historischen Abendmahlsauffassungen sind also unhistorisch, weil

der Leidensgedanke, mit dem sie operieren, keinen Zusammenhang mit der

Eschatologie aufweist. Darum können sie den wesentlichen Grundzug der

historischen Feier und der ältesten Gemeindefeier nicht zum Ausdruck bringen.

Um das Wesen des letzten Mahles zu begreifen, bedarf es daher eines Einblicks

in den eschatologischen Charakter des Leidensgeheimnisses Jesu. Diesen kann

man nicht aus der Feier selbst gewinnen, da Jesus dort das Geheimnis im

Gleichnis ausspricht. Das Gleichnis aber vermögen wir nicht zu deuten.

 

Beim letzten Mahl handelt Jesus als Messias, und zwar als leidender

Messias. Wenn wir sein Handeln nicht verstehen, so liegt dies mithin daran, dass

wir sein Messianitäts- und Leidensgeheimnis falsch verstehen. Das Abendmahl

kann nur aus dem Zusammenhang des Lebens Jesu begriffen werden. Unsere

Abendmahlsauffassungen sind falsch — also ist die Auffassung des Lebens

Jesu, welche uns dazu geführt hat, auch falsch.

 

Das Abendmahlsproblem ist das Problem des Lebens Jesu! Eine neue

Abendmahlsauffassung kann nur aus einer neuen Auffassung des Lebens Jesu

hervorwachsen, welche das Messianitäts- und Leidensgeheimnis so enthält, dass

sein feierliches Handeln beim letzten Mahle begreiflich und verständlich wird.

Ein neues Leben Jesu: das ist der einzige Weg zur Lösung des

Abendmahlsproblems.