Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
4. Der lukanische Bericht (Lk 22 14-20).
Bedenkt man nun, dass die historische Relation des eschatologischen
Schlussworts im zweiten Akt abgefallen ist, dass aber nach der Vorstellung Pauli
beide Akte mit der Erwartung der Parusie in Zusammenhang stehen, so liegt es
nahe, in dem τοῦτο ποιεῖτε, als Konstatierung oder als Wiederholungsbefehl
gefasst, die paulinische Form des beiden Akten beigesetzten
eschatologischen Schlussworts zu sehen.
Für den ersten Akt ist dies eine künstliche Angliederung, da historisch dieser
Hinweis nur mit dem Kelchwort in Beziehung steht, wo der Genuss konstatiert
ist; der erste Akt mit seinem ἔκλασεν ist gar nicht darauf angelegt. Daraus
entsteht bei Paulus eine unerträgliche grammatikalische Verwirrung. Die
Parallele zu dem ὁσάκις ἐὰν πίνητε, das erwartete ὁσάκις ἐὰν ἐσθίητε, fehlt in
der Form des τοῦτο ποιεῖτε von V. 24. Unter dem ποιεῖν kann also für den ersten
Akt nur das erwähnte Brechen verstanden sein. Aus V. 25 und 26 geht aber
hervor, dass, dem ποιεῖν des zweiten Akts entsprechend, der Genuss, nämlich
das Essen, darunter verstanden werden muss. Grammatikalisch allein berechtigt
wäre: so oft ihr dieses Brot brechet und diesen Kelch trinket; thatsächlich aber
soll es bedeuten: so oft ihr dieses Brot esset. So ist auch das γὰρ zu verstehen,
welches V. 26 mit V. 24 und 25 zugleich verbindet, sofern es als Wiederholung der
dort von Jesu gemeinten Handlung das Essen und Trinken voraussetzt.
Die Gleichbildung ist also trotz des latenten Widerstandes des ersten Aktes
erreicht. An beide Gleichnisse schliesst sich das Wort von der Heilsbedeutung
des Todes und der eschatologische Hinweis an.
Dabei entgeht Paulus durch die Form, in der er diesen Hinweis bietet, einer
grossen Schwierigkeit. Dieses Wort ist in der ursprünglichen Gestalt ein
Schlusswort. Fügt man es in dieser Form dem ersten Akt an, so wird die
Handlung in der Mitte auseinander gerissen, da dann Jesus schon beim Brot die
Feier beschliesst. Diese Schwierigkeit hat Lukas gefühlt, als er die paulinische
Vorstellung in den synoptischen Bericht zu übertragen unternahm.
4. Der lukanische Bericht (Lk 22 14-20).
Lukas bringt zuerst das eschatologische Schlusswort in direkter Rede für beide
Akte. Für das Kelchwort lag die Form der älteren Synoptiker vor. Er nimmt die
Matthäusform, weil er die Aufforderung zum Genuss, welche Paulus nicht bietet,
voraussetzt. Durch die Auslassung des Wortes vom Blut wird folgendes
Kelchwort hergestellt Lk 22 17 u. 18: καὶ δεξάμενος ποτήριον εὐχαριστήσας
εἶπεν· λάβετε τοῦτο καὶ διαμερίσατε εἰς ἑαυτούς· λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ πίω ἀπὸ τοῦ νῦν ἀπὸ τοῦ γενήματος τῆς ἀμπέλου ἕως ὅτου ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ
ἔλθῃ.
Der Versuch nimmt sich gut aus; das διαμερίσατε hat zugesetzt werden müssen,
damit man die später folgende Darreichung des Kelches (V. 20) nicht
vorwegnehme; das eingefügte γὰρ stellt in Verbindung mit dem διαμερίσατε zur
Not einen logischen Gedankenzusammenhang her; das καινόν (vgl. Mt 26 29)
blieb besser weg, weil dieses Adjektiv nachher als erklärender Zusatz zu
διαθήκη figuriert; der Farbenton der eschatologischen Aussage ist etwas
verblasst (Matthäus ἕως τῆς ἡμέρας ἐκείνης ὅταν αὐτὸ πίνω μεθ' ὑμῶν καινὸν ἐν
τῇ βασιλείᾳ τοῦ πατρός μου· Lukas ἕως ὅτου ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἔλθῃ).
Schwieriger war die Formulierung des eschatologischen Schlussworts für den
ersten Akt, da hier kein behauenes Material vorlag und das Wort über dem Brot
seinen Widerstand gegen die aufgezwungene Verbindung mit irgend einem
eschatologischen Hinweis schon bei Paulus hinreichend bekundet hatte. Ein
einziger Ausweg bot sich dar: das eschatologische Schlusswort, da es einmal für
die Handlung des Essens gefordert war, auf die ganze Mahlzeit zu beziehen.
Dieser Fassung kam der Gedanke zu Hülfe, dass möglicherweise die historische
Feier ein Passahmahl gewesen; das neukonstruierte eschatologische Schlusswort
für das Essen bezieht sich bei Lukas also auf das Passahmahl, das Jesus mit den
Seinen feiert. 15 καὶ εἶπεν πρὸς αὐτούς· ἐπιθυμίᾳ ἐπεθύμησα τοῦτο τὸ πάσχα
φαγεῖν μεθ' ὑμῶν πρὸ τοῦ με παθεῖν· 16 λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ φάγω αὐτὸ ἕως
ὅτου πληρωθῇ ἐν τῇ βασιλείᾳ τοῦ θεοῦ.
Die Benutzung des Passahgedankens ermöglicht Lukas, eine Mahlfeier
darzustellen, bei der sowohl das Essen als das Trinken einen
eschatologischen Hinweis erhalten. Dabei wird aber die historische Feier
auseinandergerissen! Zuerst kommen die beiden eschatologischen Worte; sie
werden in den Verlauf der Passahmahlzeit gerückt. Das erste bildet zugleich eine
stimmungsvolle Einleitung. Von dem Wort über dem Brot wird dadurch nichts
vorausgenommen: nur mit dem Wort über dem Becher hat es seine
Schwierigkeit. Um das Kelchwort, welches dann bei der eigentlichen
historischen Feier eintritt, von dem vorhergehenden, welches im Rahmen des
Passahmahls verlief, genau abzuheben, wird es in der paulinischen Form
berichtet: τὸ ποτήριον μετὰ τὸ δειπνῆσαι λέγων· τοῦτο τὸ ποτήριον ἡ καινὴ
διαθήκη ἐν τῷ αἵματί μου: soweit geht die Uebereinstimmung. Nun ist aber der
eschatologische Hinweis nach Paulus (I Kor 11 24 u. 25 τοῦτο ποιεῖτε etc.) schon
beim ersten Passah-Kelchwort verbraucht; deswegen wird hier nach Matthäus
zurückmoduliert und τὸ ὑπὲρ ὑμῶν ἐκχυννόμενον eingesetzt; aus diesem Grunde war schon an Stelle des paulinischen ἐν τῷ ἐμῷ αἵματι das altsynoptische ἐν τῷ
αἵματί μου eingetreten.
Der erste Akt wird nach Paulus beschrieben; aus den Synoptikern ist die
ausdrückliche Erwähnung der Darbietung (ἔδωκεν-διδόμενον) eingedrungen.
Das τοῦτο ποιεῖτε ist stehen geblieben, weil das eschatologische Wort
hinsichtlich des Essens sich auf das Passahmahl allgemein bezieht.
Der Bericht des Lukas erklärt sich litterarisch einfach als ein Versuch, die bei
Paulus erreichte Gleichbildung der beiden Akte unter Zuhülfenahme des
Zusammenhangs der historischen Feier mit dem Passahmahl in die synoptische
Geschichtserzählung zurückzutragen. Daraus resultiert dann folgender Verlauf
der Feier: Jesus weist zu Anfang des Passahmahls darauf hin, dass er es erst im
Gottesreiche wieder mit den Jüngern feiern wird. Solches wiederholt er beim
ersten Herumreichen des Kelches. Bei einer Brotdarreichung im Verlaufe der
Feier spricht er das Gleichnis von seinem Leibe, desgleichen beim Kelch das
Gleichnis von seinem Blute. Beide Akte sind absolut gleich durch die
Geltendmachung des Heilswertes der Dahingabe (V. 19 τὸ ὑπὲρ ὑμῶν διδόμενον,
V. 20 τὸ ὑπὲρ ὑμῶν ἐκχυννόμενων). Auch bei dieser Gleichbildung geht es ohne
stilistische Härte nicht ab, sofern nämlich im zweiten Akt von einem
vergossenen Kelch die Rede ist, während das Blut gemeint ist.
Wie bei Paulus werden beide Akte durch das τοῦτο ποιεῖτε abgeschlossen. Wir
haben also eine bis auf den gemessenen Rythmus in der Sprache sich
erstreckende Gleichbildung. Freilich ist dabei der Schluss der Feier verloren
gegangen. Das stolze Wort von dem Wiedertrinken in des Vaters Reich ist schon
für den Anfang der Passahfeier verbraucht, statt dass es, wie bei Markus und
Matthäus, zum Aufbruch überleitet. Dafür finden hier die Episoden von der
Bezeichnung des Verräters, dem Rangstreit und der Verwarnung des Petrus ihren
Platz (Lk 22 21-38), wobei die Schilderung des feierlichen Aufbruchs nach dem
Lobgesang (Mk 14 26 = Mt 26 30) unterbleibt. „Er ging nach seiner Gewohnheit
an den Oelberg“ (Lk 22 39: καὶ ἐξελθὼν ἐπορεύθη κατὰ τὸ ἔθος εἰς τὸ ὄρος τῶν
ἐλαιῶν).
Eine originelle Auffassung von dem Wesen der historischen Feier liegt dieser
Darstellung nicht zu Grunde. In keinem Falle ist sie aus dem Bestreben
hervorgegangen, die Trennung des „Abendmahls“ von der gemeinsamen
religiösen Mahlzeit, welche bei Paulus angebahnt sein soll, historisch zu
begründen! Dieser formlose Bericht ist nur aus dem Prinzip παρηκολουθηκότι
ἄνωθεν πᾶσιν ἀκριβῶς καθεξῆς γράψαι (Lk 1 3) zu erklären.