Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
4. Fr. Schultzen.
angeeignet werden und so zu einem Bestandteil eurer Personen werden will, wie
dies bei der irdischen Nahrung der Fall ist. Dies gilt aber ganz besonders von
meinem bevorstehenden Tode; gerade die Dahingabe meiner Persönlichkeit
wird euch die in ihr beschlossenen Lebens- und Heilskräfte in vollstem Masse
erschliessen und zu gute kommen lassen.“ Dieser Grundgedanke deckt sich
vollständig mit dem SPITTA's. Während aber letzterer ihm im Munde Jesu eine
eschatologische Wendung gab, überträgt HAUPT diesen durch den Ausdruck
„Persönlichkeit“ als modern gekennzeichneten Gedankengang auf die
historische Feier durch Zuhülfenahme des Leidensgedankens.
Die Eschatologie tritt dabei ganz zurück. Jesus hatte bei dem letzten Mahle auch
von dem grossen Mahl der Vollendung gesprochen. Indem nun das ganze Mahl
nachgebildet wurde, fanden auch diese eschatologischen Gedanken ihre Stelle.
So ist bei HAUPT das eschatologische Moment nicht zur Erklärung der
Wiederholung benutzt, sondern erst aus der Wiederholung selbst verständlich.
Durch die nebenhergehende Geltendmachung des Todesgedankens für die
Erklärung der Feier ist die Beibehaltung des Wiederholungsbefehls gegeben. In
der Nacht des Verrats hat der Herr das ganze Mahl unter den Gesichtspunkt eines
Abschiedsmahls gestellt. Er will sein Gedächtnis für die Zeit der Trennung
wachhalten. „Somit ist nicht nur kein Gegengrund dagegen, dass Jesus die
Wiederholung der Handlung seinen Jüngern anbefohlen hat, sondern ein dahin
zielendes Wort ist sogar aus inneren Gründen höchst wahrscheinlich.“ Diese
vorsichtige und zurückhaltende Begründung der Beibehaltung des
Wiederholungsbefehls gibt den genauen Gradmesser ab für die Beeinflussung
des zu Grunde gelegten Genussmoments durch das Darstellungsmoment und den
Leidensgedanken.
Mit derselben Vorsicht äussert HAUPT sich auch über das Verhältnis zwischen
dem wiederholten Herrenmahl und der Agape. „Nicht zwei Teile sollen diese
gemeinsamen Mahlzeiten haben, einen profanen, welcher der äusseren Sättigung
dient, und einen religiösen, welcher der Erinnerung an Christi Tod gewidmet ist,
sondern ihre ganze Zusammenkunft soll religiösen Charakter tragen, und das
Herrenmahl im engeren Sinne ist nur der Höhepunkt des Ganzen.“
4. Fr. Schultzen.
Das Abendmahl im Neuen Testament. Göttingen 1895.