Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
2. Abweichende Lesarten.
und sie unnatürlich auseinanderzureissen; man moduliert nach der
ursprünglichen synoptischen Harmonie zurück, sodass das eschatologische
Schlusswort beim Kelch wieder ans Ende kommt. Tritt dementsprechend V. 17
und 18 hinter 19ª, so erhält man einen Bericht, der sich von dem gewöhnlichen
nur dadurch unterscheidet, dass er vor dem Brotwort ein Wort über das Passah
bringt, welches dem eschatologischen Schlusswort über dem Kelch nachgebildet
ist. Dieses Verfahren findet sich bei b c.[13]
Die Entstehung des Abendmahlsberichtes des Cod. D. beruht auf Reflexion.
Ueberhaupt bricht sich die Ueberzeugung immer mehr Bahn, dass seine
Abweichungen durchweg diesen Charakter tragen. Eine originelle Vorstellung
der historischen Feier schwebt dieser Berichtform gar nicht vor. Daher betrifft
die Grundfrage der Textform des Lukas gar nicht Cod. D, sondern die
gewöhnliche Lesart. Wie kommt Lukas dazu, den Bericht so ins Doppelte sich
spiegeln zu lassen, dass der Versuch, diese Doppelheit als auf ein Versehen
zurückgehend zu korrigieren, sich in Cod. D notwendig einstellen musste? Diese
Frage ist aber gar keine textkritische mehr, sondern sie hängt mit der
Entwicklung der Feier im Urchristentum und der damit gegebenen Verschiebung
des Bildes des historischen Mahles zusammen.[14]
2. Abweichende Lesarten.
Die Frage, ob in den einzelnen Fällen εὐλογήσας oder εὐχαριστήσας zu lesen ist,
hat keine Bedeutung. Die beiden älteren Synoptiker gebrauchen den ersteren,
Paulus, Lukas und Justin den letzteren Ausdruck.
Der Grund der verschiedenen Lesarten in Mt 26 26 ist leicht einzusehen.
Partizipien und erzählende Verben häufen sich in einer Weise, dass man in
keinem Falle eine schwerfällige und ungriechische Konstruktion vermeiden
kann. Ob man nun liest: λαβὼν ὁ Ἰησοῦς ἄρτον καὶ εὐλογήσας ἔκλασεν καὶ δοὺς
τοῖς μαθηταῖς καὶ εἶπεν,[15] oder ob man eines der Partizipien auflöst und die
Lesart erhält: λαβὼν ὁ Ἰησοῦς ἄρτον καὶ εὐλογήσας ἔκλασεν καὶ ἐδίδου τοῖς
μαθηταῖς καὶ εἶπεν[16] bleibt sich gleich. Der Satz ist in jedem Falle formlos,
weil er eine Häufung von Handlungen auf einen Moment enthält, deren
zeitlicher und logischer Zusammenhang sich sprachlich gar nicht wiedergeben
lässt. Die Varianten beruhen auf der empfundenen darstellerischen
Schwierigkeit, die jeder auf eine andere Weise zu überwinden suchte.
Bei Markus treten die stilistischen Schwierigkeiten nicht so sehr hervor. Er vermeidet nämlich die namentliche Nennung des Spenders und der Empfänger,