Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

Zehntes Kapitel.

Fussnoten:

 

[11] Der Ursprung des heil. Abendmahls von Lic. Dr. KARL CLEMEN. 1898. Hefte zur christl. Welt No. 37.

Zweiter Teil.

 

Das Abendmahlsproblem auf Grund der historischen

 

Berichte.

Zehntes Kapitel.

 

Die textkritischen Fragen.

 

1. Cod. D. Die textkritische Hauptfrage.

 

Es handelt sich um den Lukasbericht (Lk 22 15-20). In der gewöhnlichen Fassung

zeigt er ein eigentümliches Gepräge. Er bietet zunächst ein Wort über den

Passahgenuss in dem zukünftigen Reiche. Darauf folgt ein ähnliches Wort, den

Becher betreffend, welches mit dem synoptisch-eschatologischen Schlusswort

nach Markus und Matthäus übereinstimmt. Nachdem so gleichsam ein erster

Redegang über das Essen und Trinken abgeschlossen ist, kommt das Wort über

dem gebrochenen Brot und über dem Wein als Bundesblut; bei letzterem fehlt

dann das bei den beiden älteren Synoptikern den zweiten Akt beschliessende

eschatologische Schlusswort.

 

Wir haben also eine merkwürdige Doppelheit: zwei Worte das Essen, und zwei

den Kelch betreffend. Von den beiden auf das Essen bezogenen Worten handelt

nur das zweite von dem Genuss des Brots, während das erste vom Passah

allgemein redet. Die Doppelheit ist also hier nicht so auffällig, wie in den beiden

das Trinken betreffenden Worten, welche sich beide auf den Kelch beziehen. Das

zweite nimmt sich wie ein Nachtrag zum ersten aus, da es ohne das

eschatologische Schlusswort steht, die Aufforderung zum Genuss nicht enthält

und überhaupt in dieser Form der Feier keinen abrundenden Abschluss gibt, wie

es das altsynoptische Kelchwort thut.

 

Als daher diese eigentümliche Doppelheit in dem Lukasbericht auffiel, war die

natürlichste Korrektur schon gegeben: das zweite Kelchwort, da die

Aufforderung zum Genuss schon im ersten enthalten schien, zu streichen,

dagegen das zweite Wort über dem Brot, das in seiner spezifischen Eigenschaft

vorher nicht erwähnt war, zu belassen, weil es die Aufforderung zum Genuss

enthält. Es ist die Korrektur von Cod. D.[12] Er schliesst mit den Worten: τοῦτό

ἐστι τὸ σῶμά μου (V. 19ª).

 

Entschliesst man sich einmal zu diesem so natürlichen Abstrich, so liegt gar kein

Grund mehr vor, das Kelchwort mit seiner Aufforderung zum Trinken sich zwischen die beiden auf das Essen bezogenen Aussagen eindrängen zu lassen