Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
Dreizehntes Kapitel.
Die Authentie des Markusberichts.
1. Der Beweis.
Authentisch ist ein Bericht, welcher in keiner Weise durch die Vorstellung
von der Gemeindefeier beeinflusst ist. Der Markusbericht ist authentisch, weil
sich dieser Nachweis für ihn führen lässt.
Worauf beruht die Gleichbildung der beiden Akte, welche alle andern Berichte,
wenn auch der Art und dem Grad nach verschieden, im Unterschied zu Markus
aufweisen? Auf dem Einfluss, welchen die altchristliche Feier auf die
Vorstellung der historischen ausübt. Die Gemeindefeier war eine Mahlzeit, bei
der dem Essen dieselbe Bedeutung zukam wie dem Trinken. Ganz natürlich
übertrug sich dies auf die historische Feier. Man wusste also nicht anders, als
dass Jesus beim Brot und beim Wein in genau entsprechender Weise gehandelt
und geredet haben musste, sofern in der abgeleiteten Feier die gleiche Wertung
des Essens wie des Trinkens konstatiert wurde. So war die Gleichbildung der
beiden Akte für die historische Feier von der urchristlichen gefordert.
Besässen wir nun den Markusbericht nicht, so würden wir an der Gleichheit der
beiden Akte nichts Besonderes finden, da dies auch unserem Empfinden als das
Natürlichste erscheint. Alle modernen Rekonstruktionsversuche der
„ursprünglichen Einsetzungsworte“ vertreten die Gleichbildung ebenfalls. Wir
sind also auch geneigt, die Gleichheit der beiden Akte ohne weiteres für
selbstverständlich zu halten.
Nun zeigt aber der Markusbericht, dass die Gleichheit der beiden Akte nicht
selbstverständlich ist. Also muss man entweder für die Ungleichheit derselben
bei ihm oder für die Gleichheit bei den andern eine Erklärung suchen. Dabei
ergibt sich, dass man wohl die andern aus dem Markusbericht ableiten kann,
nicht aber umgekehrt. Matthäus und Paulus — der Lukasbericht ist ein rein
litterarisches Produkt — stellen die Feier nach dem zweiten Akt des Markus dar,
Justin nach dem ersten. Bringt man bei jedem die Gleichbildung der beiden Akte
entsprechend in Abrechnung, wozu die grammatikalischen Härten und Unmöglichkeiten Anweisung geben, so erhält man jedesmal den
Markusbericht.
Dabei zeigt sich in der Gleichbildung der beiden Akte noch eine gewisse
Entwicklung. Dass sie bei Matthäus noch nicht vollständig durchgeführt ist, lässt
erkennen, dass die Gleichheit der Akte nicht das Ursprüngliche ist. Also muss
sie ihren Grund in der historischen Anschauung der alten Zeit haben, welche
diese Berichte formuliert hat. Da dieser allein in dem Mahlzeitcharakter der
Essen und Trinken gleichwertenden Gemeindefeier gegeben sein kann, steht fest,
dass diese Berichte durch das Medium der altchristlichen Auffassung der
Gemeindefeier hindurchgegangen sind. Markus steht ausserhalb dieses
Prozesses, weil er die Gleichbildung nicht aufweist; also ist er authentisch.
Dass die Vorstellung der historischen Feier bei Paulus und Justin in einem sehr
hohen Masse durch die Auffassung der Gemeindefeier bedingt ist, liegt auf der
Hand. Der historische Bericht ist bei ihnen ja nur Mittel zum Zweck. Er soll eine
bestimmte Anschauung von der Gemeindefeier vertreten. Die Art, wie sie beide
in Verbindung setzen, geht weit über unsere Begriffe hinaus. Wir verstehen die
Gemeindefeier immer nur als eine entsprechende Wiederholung der
historischen, sofern sie aus der letzteren begründet wird. Paulus und Justin
setzen beide gleich, indem sie die Gemeindefeier mit der historischen Feier
gegeben sein lassen. Dabei entstehen dann Gedankengänge, die für uns ganz
überraschend sind.
Es handelt sich um I Kor 11 26. In V. 24 und 25 vollzieht Jesus die Einsetzung.
Wer redet in V. 26? Das γὰρ, sofern es sich zum Vorhergehenden begründend
verhält, schliesst den Subjektswechsel aus. Der Ausdruck τὸν θάνατον τοῦ
κυρίου zeigt aber an, dass die historische Situation verlassen ist und Paulus von
der Gemeindefeier redet. Dazu passt aber das γὰρ nicht, denn was für die
Gemeindefeier gilt, ist nicht eine Begründung zu den Worten Jesu, sondern eine
Folgerung aus dem historischen Spruch. In diesem Satz vollzieht also Paulus
den Uebergang von der historischen Feier zur Gemeindefeier so, dass er beide
für einen Augenblick gleichsam zusammenschiebt.
Darum schmilzt er zwei Sätze, von denen der erste der historischen Situation,
der zweite der Darlegung über die Gemeindefeier angehört, ineinander.
1. Jesus zu den Jüngern im Anschluss an die Gleichnisse: „denn (γὰρ) so oft
ihr von diesem Brot esset und von diesem Wein trinket, verkündet ihr
meinen Tod, bis dass ich komme.“
2. Paulus der Gemeinde das Wesen ihrer Feier aus der historischen
erklärend: „Darum (ὥστε), so oft ihr von diesem Brot esset und von
diesem Wein trinket, verkündet ihr des Herrn Tod, bis dass er komme.“
Justin bietet ein Seitenstück zu diesem schillernden Uebergang. Er fasst in der
berühmten Darlegung I Apol. 65 und 66 die historische Feier und die
Gemeindefeier in einem gemeinsamen Ausdruck zusammen, indem er sie
bezeichnet als: ἡ δι' εὐχῆς λόγου τοῦ παρ' αὐτοῦ (sc. Jesu) εὐχαριστηθεῖσα
τροφή. Dieser Ausdruck bekundet eine Gleichsetzung der beiden Feiern, die weit
über unseren Begriff der entsprechenden Wiederholung hinausgeht. Die Speise
bei der Gemeindefeier ist, wie bei der historischen, durch Jesu Gebetswort
geheiligt. Ein Unterschied besteht also nicht.
Was die Gleichbildung der beiden Akte anzeigt, wird durch die Argumentierung,
mit welcher Paulus und Justin die Gemeindefeier mit der historischen Feier
verbinden, bestätigt: Sie sehen die historische Feier nur in der Beleuchtung der
Gemeindefeier.
Solange die Textvergleichung ausschliesslich auf die Entdeckung der
wahrscheinlichsten und ansprechendsten Form der Einsetzungsworte ausging,
bestand die Vorstellung der Möglichkeit einer paulinischen oder justinischen
Sondertradition zu Recht, da beide „die Einsetzungsworte“ in sowohl unter sich
unabhängigen als von den beiden älteren Synoptikern grundverschiedenen
Fassungen boten. Prüft man aber die Berichte als Berichte, frägt man sie, ohne
den verlockenden Anpreisungen ihrer „Einsetzungsworte“ Gehör zu geben, was
sie von dem Verlauf und dem Wesen des gesamten historischen Vorgangs, bei
welchem diese Gleichnisse geredet wurden, wissen, dann ist es mit der
Scheinoriginalität aus. Es zeigt sich, dass sie sich die historische Feier der ihnen
geläufigen Gemeindefeier entsprechend vorstellen, nur dass Jesus dabei Speise
und Trank austeilt und die bekannten Gleichnisse redet. Also geht auch ihre
Fassung „der Einsetzungsworte“ nicht auf eine paulinische oder justinische
Sondertradition zurück, sondern sie ist geschichtlich aus der vorausgesetzten
Gemeindefeier zu erklären. Paulus und Justin differieren in ihren
„Einsetzungsworten“, weil und insofern die justinische von der paulinischen
Gemeindefeier differiert. Zwischen beiden muss in der Auffassung der Feier eine
Wandlung eingetreten sein.
So führt die neue Problemstellung eine neue Auffassung der Authentie mit sich,
welche sich nicht mehr auf Meinungen, sondern auf Gesetze gründet. Als
authentisch gilt nicht mehr die kürzeste oder scheinbar klarste Relation „der
Einsetzungsworte“, sondern die Darstellung des gesamten historischen Vorgangs, für welche eine Beeinflussung durch die Gemeindefeier nicht