Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

Elftes Kapitel.

 

Die Eigenart des Markusberichts (Mk 14 22-26).

 

Der erste Akt besteht einzig darin, dass Jesus unter Gebet das Brot bricht und es

herumreicht; zugleich spricht er das Gleichniswort von seinem Leib. Es fehlt,

wie bei Matthäus, das uns aus Paulus gewohnte ὑπὲρ ὑμῶν und über Matthäus

hinaus das φάγετε.

 

Ist so im ersten Akt die Aufforderung zum Genuss in Hinsicht auf das

Gleichnis nicht ausdrücklich ausgesprochen, so fehlt sie im zweiten

vollständig. Es wird zuerst berichtet, dass Jesus allen den Kelch nach dem

Gebetswort herumgereicht habe und alle daraus getrunken haben (Mk 14 23).

Darauf erst spricht er das Gleichniswort von dem für viele vergossenen Blut

(Mk 14 24).

 

BRUNO BAUER war meines Wissens der erste, der darauf hingewiesen, dass

Markus statt der Aufforderung zum Trinken die Konstatierung bietet, dass alle

getrunken haben. Er sieht darin nur eine Abschwächung gegen Matthäus, da

Markus sich scheue, die Aufforderung Jesu in vollem Umfang aufrecht zu

erhalten.

 

Dabei hat aber BRUNO BAUER nicht bemerkt, dass mit dieser Konstatierung auch

die gewöhnliche chronologische Folge vom Gleichnis zum Genuss sich

verschiebt, wodurch zugleich das uns geläufige kausale Verhältnis zwischen

Gleichnis und Genuss aufgehoben wird. Diesem Bericht zufolge ist es

unmöglich, dass Jesus oder die Jünger die Bedeutung des Trinkens aus dem

Gleichnis herleiten, weil dieses ja erst auf das Trinken folgt!

 

Zu beachten ist ferner, wie das weihevoll (ἀμήν) und nachdrücklich gesprochene

eschatologische Schlusswort von dem Neutrinken in dem Reich des Vaters sich

eng an das Gleichniswort anschliesst! Es bildet den Höhepunkt der Feier (V. 25),

worauf alsbald der Aufbruch erfolgt.

 

Diese eigenartigen Züge des Markusberichts sind bisher nicht

herausgearbeitet worden. Man hat ihn einfach nach den andern gedeutet. Alle

Berichte, so nahm man ohne weiteres an, bieten dieselbe Thatsache. Beim

letzten Mahl hat Jesus den Jüngern Brot und Wein so dargereicht, dass sie die Elemente irgendwie als seinen Leib und sein Blut assen und tranken. Das Fehlen

des φάγετε bei Markus erklärte man daraus, dass es sich von selbst verstehe. Die

Eigentümlichkeit des zweiten Akts hob man nicht einmal hervor, weil man sie

— ohne sich davon Rechenschaft zu geben — nach Matthäus und den andern

interpretierte.

 

Diese Annahme, dass der Markusbericht im Grunde dasselbe besage wie die

andern, ist eine der unbewiesenen Voraussetzungen, mit denen die bisherigen

Abendmahlsauffassungen operierten. Wenn wir nämlich nur den Markusbericht

hätten, käme niemand auf den Gedanken, dass Jesus seinen Jüngern Brot und

Wein als seinen Leib und sein Blut ausgeteilt und sie zum Genuss in diesem

Sinne aufgefordert habe. Man würde die zeitliche Folge im ersten Akt nach der

des zweiten auffassen und als Thatbestand feststellen, dass Jesus im Verlauf der

Austeilung des Brotes das Gleichnis von seinem Leib und nach der

Herumreichung des Bechers das Gleichnis von seinem Blut gesprochen

habe. Wenn wir aber einen Bericht haben, wo Jesus dem strikten Wortlaut

zufolge weder seinen Leib noch sein Blut zum Genuss ausgeteilt hat, so dürfen

wir ihn nicht, als handle es sich um eine gewisse Nachlässigkeit und

Sparsamkeit im Ausdruck, nach den andern auslegen, sondern wir müssen ihn

mit ihnen vergleichen und eine Auseinandersetzung herbeiführen. Daraus ergibt

sich dann die Tragweite der Abweichungen. Entweder handelt es sich um eine

absolut unverständliche Schilderung, die man, weil sie mit dem feststehenden

Thatbestand absolut keine Verwandtschaft hat, als Kuriosum nicht weiter zu

beachten braucht, oder — wir haben den authentischen Bericht vor uns, von

dem die Untersuchung ausgehen muss. Diese Alternative ist nicht zu

umgehen, sobald man sich die Eigenart des Markusberichts klar gemacht hat.