Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

7. Die neue „Thatsache“.

Ist dies nun der durch die Quellen gebotene Sachverhalt, so gibt es vorläufig

keine Möglichkeit, die historische Feier und das Aufkommen ihrer

Wiederholung zu verstehen. Was auch Jesus gesagt und gethan haben mag an

jenem Abend, das Kultmahl der Gemeinde mit dem sakramentalen Essen

und Trinken des Leibes und Blutes Christi, wie es in der ältesten Christenheit

ziemlich von Anfang an sich ausgebildet hat, ist von da aus nicht zu verstehen.

So wird EICHHORN, weil er bei der eingestandenen Bedeutung des

Genussmomentes von der Heranziehung eschatologischer oder moderner

Anschauungen absieht, notwendig zur Skepsis gedrängt.

 

Sie besteht in dem ausgesprochenen Verzicht, auf Grund der vorhandenen

Berichte die historische und die wiederholte Feier in ihrem Zusammenhang zu

begreifen, wenn nicht eine neue, von unseren Berichten unabhängige Thatsache

ein Datum liefert, welches den Ausgangspunkt der uns unverständlichen

Entwicklung kenntlich macht. — Gelingt es nicht, in der gnostischen

Gedankenwelt ein sakramentales Essen, welches das Vorbild des Abendmahls

abgeben könnte, nachzuweisen, sodass für die älteste Christenheit nicht das

supranaturale Essen und Trinken als solches, sondern nur die Ersetzung einer

andern übernatürlichen Substanz durch Christi Leib und Blut neu ist, dann muss

auf ein Verständnis der historischen Feier und ihrer Entwicklung zur

Gemeindefeier endgültig verzichtet werden.

 

7. Die neue „Thatsache“.

 

Um dem Skeptizismus zu entgehen, postuliert EICHHORN eine neue, über den

Bestand unserer Quellen hinausgehende Thatsache. Seine Vorgänger, die mit ihm

die ausschliessliche Betonung des Genusses gemein haben, ersetzen dieses

Postulat durch eine angenommene Thatsache.

 

D. FR. STRAUSS erklärt das Aufkommen der Abendmahlsfeier im Urchristentum,

und damit die Entstehung unserer Berichte, durch das Missverständnis eines von

Jesu bei dem letzten Mahl gesprochenen eschatologischen Wortes von seiten der

Jünger.

 

BRUNO BAUER verlegt die ganze Entwicklung, da er sie anders nicht erklären

kann, in die Phantasie des Urevangelisten. RENAN behilft sich mit der Annahme

eines schon früher von Jesu geübten, den Jüngern bekannten geheimnisvollen

Ritus des Brotbrechens. SPITTA bringt eine eigenartige, im Grunde moderne

eschatologische Vorstellung an die synoptischen Berichte heran, welche mit dem

dort gebotenen eschatologischen Schlusswort in gar keiner Beziehung steht.