Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
8. Die Skepsis in der Folge der einseitigen Herausarbeitung des Genussmoments.
W. BRANDT überträgt moderne Anschauungsweisen in die Gedankenwelt Jesu
und seiner Jünger, ohne diese Uebertragung aus den Berichten begründen zu
können.
So bildet die Untersuchung EICHHORN's den natürlichen Schlusspunkt der
scheinbar so zusammenhangslosen Reihe der Auffassungen mit einseitiger
Herausarbeitung des Genussmoments. Durch die dialektische Behandlung des
Problems entzieht er jeder künftigen Darstellung von vornherein die
Berechtigung, wenn sie nicht eine neue geschichtliche Thatsache aufbringen
kann, die erklärt, wie die Anschauung aufkam, dass Jesus den Jüngern zumutete,
seinen Leib und sein Blut zu essen und zu trinken.
8. Die Skepsis in der Folge der einseitigen Herausarbeitung des
Genussmoments.
EICHHORN's Postulat trägt auch nicht weiter als die behaupteten Thatsachen
seiner Vorgänger. Er verlangt, dass die Vorstellung des supranaturalen Essens
und Trinkens in einer schon vorhandenen religiösen Gedankenwelt
nachgewiesen werde. Die nähere Kenntnis des „Gnostizismus“ könnte nach
seiner Ansicht dazu führen.
Zugegeben, dass ein solches supranaturales Essen und Trinken schon existiert
hätte, so müsste dargethan werden, wie man im Urchristentum dazu kam, diesen
Gedanken ins Abendmahl herüberzunehmen. Inwiefern gab die historische
Feier Ansatzpunkte dazu? Die von EICHHORN vorgeschlagene Operation hängt
ganz in der Luft, denn unsere Berichte stehen einem solchen Beginnen
vollständig fremd und ablehnend gegenüber.
Nun wäre die Umsetzung seines Postulats in eine dementsprechende historische
Thatsache der einzige Ausweg aus der Skepsis. Gleich beim ersten Schritt zeigt
sich aber, dass er völlig aussichtslos ist. Also muss eine Darstellung, welche von
der Voraussetzung ausgeht, Jesus habe die Seinen bei Brot und Wein zum
Genuss seines Leibes und Blutes aufgefordert, von vornherein, unter allen
Umständen auf die Lösung des Problems verzichten! Die konsequente
Herausarbeitung des Genussmoments führt notwendig zur Skepsis: das ist
der Ertrag dieser Darstellungen.
9. Der logische Grund der Skepsis.
Wenn in der wissenschaftlichen Behandlung einer Frage die Skepsis sich einstellt, so liegt dies immer daran, dass sich in den Voraussetzungen eine
unbegründete Behauptung versteckt hat, welche von da aus das menschliche
Denken neckt und in die Irre führt. Die Wissenschaft an sich kann nie zur
Skepsis führen. Mit der Aufdeckung der unerwiesenen
Voraussetzungsbehauptung ist die Skepsis gehoben.
Worin besteht diese nun in den obigen Abhandlungen? Der Fehler kann nicht in
der ausschliesslichen Geltendmachung des Genussmoments beruhen. Dass das
Abendmahl von der urchristlichen Gemeinde als Mahlzeit übernommen und
gefeiert wurde, dass die Handlung, welche die urchristliche mit der historischen
Feier verbindet, nicht in dem symbolischen Handeln des „Stifters“, sondern in
der Handlung der Teilnehmer, dem Essen und Trinken besteht: diese
Thatsachen werden durch die Quellen geboten und durch das Urchristentum
bestätigt.
Nicht in der Thatsache, sondern in der Art der Wertung des Genussmoments ist
der Fehler zu suchen. Sämtliche obige Darstellungen formulieren sie dahin, dass
Jesus die Jünger bei der Darreichung von Brot und Wein aufgefordert habe,
seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken. Die Skepsis beruht also in der
Verbindung des Mahlzeitcharakters der Feier mit den Gleichnisworten,
denn damit ist eine Aussage gegeben, in der Subjekt und Objekt identisch sind:
der Darbietende ist zugleich der Genossene. Hier hört das Denken auf. Das
üppige Schlinggewächs historischer und exegetischer Einfälle ist keine
Brücke über den Abgrund des Selbstwiderspruchs!
Statt also von der Konstatierung auszugehen, dass Jesus den Seinen seinen Leib
und sein Blut zum Genuss dargereicht habe, muss man damit beginnen, diese
Voraussetzung selbst zu prüfen. Ist es wirklich eine aus der urchristlichen Feier
und aus den Berichten unumstösslich feststehende Thatsache, dass Jesus ihnen
dies in irgend einer Form zugemutet hat? Wenn ja, dann ist die Lösung der
Abendmahlsfrage unmöglich, da wir dabei das „wie“ aus unseren Texten nie
erklären können und jede freie Deutung bei unseren Berichten ohne Rückhalt
bleibt.