Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem
Drittes Kapitel.
Die doppelseitigen Auffassungen mit Zugrundelegung des
Darstellungsmoments und abgeleiteter Geltendmachung des
Genussmoments.
1. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. De Wette, Ebrard und
Rückert.
DE WETTE vertritt die doppelseitige Auffassung in seinen Kommentaren.[2] Das
Brechen und das Essen des Brotes, das Ausgiessen und das Trinken des Weins
bedingen zusammen die Bedeutung der Elemente bei der Feier. Der
Hauptnachdruck liegt aber auf dem Brechen, dem darstellenden Moment. Die
Betonung des Genussmoments ist mehr nebensächlicher Art.
Von AUGUST EBRARD[3] wird auf den Genuss der gleiche Wert gelegt wie auf das
Brechen und Ausgiessen. Beide Momente gehören zusammen und bedingen sich
gegenseitig. Jesus reicht das gebrochene Brot zum Essen und den ausgegossenen
Wein zum Trinken dar.[4]
Bei EBRARD ist die energische Betonung des Genussmoments durch seinen
Zusammenhang mit der reformiert-calvinischen Auffassung begreiflich. Aus rein
wissenschaftlichen Gründen findet sich das stärkere Herausarbeiten desselben
Moments bei IMMANUEL RÜCKERT.[5] Seine klassische Schrift fasst den ganzen
Ertrag der wissenschaftlichen Diskussion der Abendmahlsfrage in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammen. Die Handlung Jesu und der Genuss von
seiten der Teilnehmer werden in gleicher Weise betont. In jedem dieser beiden
Momente liegt eine besondere Symbolik. Jesus bricht das Brot und gibt es zum
Essen, er giesst den Wein ein und bietet ihn zum Trinken dar.[6]
2. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Th. Keim, K. v.
Weizsäcker, W. Beyschlag, H. Holtzmann, P. Lobstein, W.
Schmiedel.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich eine breite und ruhige Strömung verfolgen, welche beide Momente mit sich führt, jedoch so, dass das
Darstellungsmoment die Grundströmung, das Genussmoment die Oberströmung
bildet. Folgende Aussprüche geben die Richtung des Stromes an.
TH. KEIM. Geschichte Jesu von Nazara. 1872 Bd. III S. 232 bis 290 (Das
Nachtmahl Jesu).
„Man hat den Eindruck, dass es sich für Jesus doch um etwas mehr handelte, als
nur um ein sprechendes Sinnbild seines irgendwie zum Heil der Jünger zu
brechenden und zu tötenden Leibes vor den Gästen aufzustellen, man hat den
Eindruck einer Gabe; diese Gabe liegt erstlich darin, dass er in nachdrücklicher,
in endgültiger Weise als den Zweck seines bevorstehenden Todes das Heil der
Jünger nennt, sodann, dass er im Zusammenhang damit die Sinnbilder dieses
Heils den Erben dieses Heils nicht nur zum Anschauen, sondern geradezu zum
Nehmen und Geniessen übergibt, das Besitztum des Heilstodes und seine
Früchte in ihre Hände deponiert.“ S. 272.
KARL V. WEIZSÄCKER. Apostolisches Zeitalter. 1886 S. 596 bis 602.
WEIZSÄCKER vertritt eine interessante Differenzierung in der Symbolik der beiden
Akte. Das Brot ist das Sinnbild der Gegenwart Christi in der Gemeinde, der
Wein aber das Sinnbild seines Todes, durch welchen er das neue Passahopfer
geworden ist. S. 598.
W. BEYSCHLAG. Das Leben Jesu. 1893 Bd. II S. 434-442.
„Der Sinn der Abendmahlsstiftung ist vollkommen klar: Sein Leib, der für uns
gebrochen, sein Blut, das für uns vergossen wird, ist sein Leben, das er für uns in
den Tod gibt, — für uns dahingibt, damit es in uns wirksam werde; damit es,
vom inwendigen Menschen angeeignet, wie der äussere Mensch Speise und
Trank in sich aufnimmt, ihm Speise und Trank ewigen Lebens werde, und so die
in Ihm gekommene Erlösung, den in Ihm gekommenen neuen Bund der
Gottgemeinschaft in uns vollziehe.“ S. 439.
H. HOLTZMANN. Biblische Theologie. 1897 Bd. I S. 296-304.
„Geschichtliche Voraussetzung und übereinstimmendes Resultat der letzten
Forschungen ist, dass Jesus seinen Jüngern Brot und Wein zum Genusse
dargereicht und dabei mit Beziehung auf das gebrochene Brot von seinem Leib,
mit Beziehung auf den ausgegossenen Wein von seinem Blut gesprochen, letzteres insonderheit zugleich als Bundesblut bezeichnet hat.“ S. 296.
PAUL LOBSTEIN. La doctrine de la sainte cène. Lausanne 1899.
„Ceci est mon corps“, dit Jésus en rompant le pain qu'il distribue à ses disciples;
„cette coupe est la nouvelle alliance dans mon sang versé pour vous“, leur dit-il
en faisant circuler la coupe. S. 46. Le pain que Jésus rompt pour les disciples et
qu'il leur distribue, ils doivent s'en nourrir: „De même que je vous convie à
manger de ce pain, ainsi vous êtes appelés à vous assimiler le fruit de ma mort,
les effets salutaires de ce don de moi-même, de ce corps brisé et livré pour
vous.“ S. 47.
WILHELM SCHMIEDEL. Die neuesten Ansichten über den Ursprung des
Abendmahls. Protestantische Monatshefte, III. Jahrgang Heft 4 1899.
„Das Bedeutsame ist in erster Linie im Brechen des Brotes und Ausgiessen des
Weines aus dem Krug in den Becher zu sehen. Die Austeilung dieser Speisen
zum Genuss schliesst sich als etwas zweites an. Um der Hauptsache willen
wäre es nicht nötig gewesen: aber da man einmal beim Mahle sass, war es
naturgemäss.“ S. 147.
Die gemeinsamen Grundzüge dieser Darstellungen sind also folgende: Brot und
Wein sind Leib und Blut Christi, weil er an ihnen seinen Tod und dessen
Heilswert versinnbildlicht hat. Dabei fordert er die Jünger zum Genuss auf; das
soll bedeuten, dass ihnen die Wohlthaten seines Leidens zu gute kommen, wenn
sie verstehen, sich dieselben anzueignen. Die Wiederholung ist erfolgt zum Teil,
weil der religiöse Wert dieser Handlung von den Teilnehmern eingesehen wurde,
zum Teil, weil Jesus durch einen Befehl oder eine Andeutung dazu aufforderte.
Auf den Zusammenhang mit dem Passah wird Wert gelegt, ohne dass er jedoch
für die Auffassung als absolut notwendig erklärt würde. Ueberhaupt haben diese
Darstellungen etwas Schwankendes. Sie vereinigen die mannigfachsten
Gesichtspunkte mit einander, sodass es fast unmöglich ist, sie in kurzen Sätzen
präcis wiederzugeben.
Deshalb ist es auch nicht ratsam von ihnen auszugehen, um die Gesetze des
Zusammenhangs zwischen den Einzelfragen aufzustellen. Die Krisis in diesem
Zustand wurde erst durch die Auffassungen mit Zugrundelegung des
Genussmoments heraufgeführt.
Fussnoten: