Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, Erstes Heft, Das Abendmahlsproblem

5. Kritik der Auffassung Spitta's.

Das Neue ist also bei SPITTA die Heranziehung eigentümlich eschatologischer

Gedankengänge, durch welche er eine Feier als historisch aufrecht erhält, bei der

der Meister den zu Tische Liegenden Brot und Wein reichte mit der

Aufforderung, seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken. In dem Wesen

dieser Feier lag es begründet, dass sie ohne ausgesprochenen

Wiederholungsbefehl Aufnahme in der ersten Gemeinde fand. Von hier aus

scheint es dann nicht unmöglich, in der nun folgenden Entwicklung das

Eintreten der Faktoren begreiflich zu machen, welche die neuen Züge in der

Auffassung und Wertung der Feier bedingten.

 

5. Kritik der Auffassung Spitta's.

 

Die grosse Bedeutung der Untersuchung SPITTA's beruht darin, dass er die

Abendmahlsfrage nach einem einheitlichen Gesichtspunkt aufgefasst und zu

lösen unternommen hat. Alle Einzelfragen stehen bei ihm in einer gegenseitigen,

engen Wechselverbindung. Seine Abhandlung bildet eine geschlossene Kette,

bei der jedes Glied nur im Zusammenhang mit den andern in Betracht kommt.

Darin besteht der grosse Fortschritt in seiner Untersuchung den früheren

gegenüber. Die textkritischen und die exegetischen Erörterungen sind bei ihm

sowohl Grundlage als auch Folge der Gesamtauffassung.

 

Man hat seine Auffassung eine eschatologische genannt, weil er, wie FR.

STRAUSS, den Gedanken der Mahlzeit im messianischen Reich zu Hülfe nimmt,

um die historische Feier verständlich zu machen. STRAUSS ging dabei vom

synoptisch-eschatologischen Schlusswort aus, in welchem Jesus die Jünger auf

das grosse Mahl der Endzeit verweist, wo er wieder mit ihnen vereint sein wird.

Der eschatologische Charakter der SPITTA'schen Auffassung aber beruht nicht auf

dem synoptischen Wort, sondern auf einer eschatologischen Vorstellung vom

Endmahl, welche aus den Apokryphen und der Weisheitslitteratur

zusammengetragen ist. Dabei ergeben sich eine Reihe schwerer Widersprüche

mit dem synoptisch-eschatologischen Schlusswort.

 

Nach Spitta bietet sich der Messias beim Mahle der Endzeit den Seinen zur

Speise und zum Trank an. Nach den Synoptikern weist Jesus auf das Endmahl

hin, wo er mit ihnen vom Gewächs des Weinstocks geniesst. Bei SPITTA will er

also Speise und Trank, bei den Synoptikern mitgeniessender Tischgenosse

sein!

 

Bei SPITTA wird der eschatologische Hinweis sowohl für die Speise als für den

Trank vorausgesetzt. Historisch ist aber das eschatologische Schlusswort nur beim Becher!