Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 1 von 49

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Brief von Simon Tanner

 

Das alles, was ich jetzt hier schreibe, ist für Sie, liebe Frau. Ich sehe so viel

Zeit vor mir, die ich zu nichts anderem als zu einer künstlichen Spielerei

verwenden kann, eine solche Menge, einen solchen Haufen von Zeit, daß ich nur

von Herzen froh sein kann, diesen Zeitvertreib gefunden zu haben. Man will und

kann mich nicht beschäftigen, man braucht mich nicht, ich stehe völlig

außerhalb jedes Bedürfnisses, wohlan, so gebrauche ich mich eben selber, wähle

mir selber den Zweck und halte mich für gut genug, irgendein Werk, wäre es

auch das sonderbarste und nutzloseste, zu vollführen. Ich bin breit und schwer

und voll von Empfindungen. So kläglich auch meine jetzige Lage sein mag in

dieser Spiegelgasse, so seltsam frei und mutig komme ich mir vor, so leicht und

erfinderisch in wohltuenden Gedanken ist mein Herz. Nur ab und zu, um es

offen herauszusagen, bin ich traurig und hoffnungslos, denke an meine Zukunft

als wie an etwas Verlorenes und Düsteres, aber das sind Augenblicke, weiter

nichts.

Ich schreibe an Sie, weil Sie eine schöne und liebe Frau sind, weil ich

jemanden im Sinne tragen muß, um lebhaft und aufrichtig schreiben zu können,

weil ich auf Erden immer das Nächste liebgehabt habe, und weil Sie mir die

Nächste sind, Sie, von der ich nur durch eine dünne, dumme Zimmerwand

abgetrennt atme und lebe. Ich finde darin etwas Schönes, es hat für mich etwas

Berauschendes und Geheimnisvolles und Weithintragendes. Ich bin zu Ihnen

gekommen an einem heißen Tag, Sie wissen es auch, wo die Sonne die Gasse

verbrannte, durch Zufall und Einfall, vielleicht auch durch Wunderlichkeit, weil

ich dachte, daß in dieser Gasse die Zimmer besonders dunkel, sonnenlos,

schattig, eng und auch ... billig sein müßten. Sie standen auf dem Treppenansatz

und sahen mich mit Ihren Augen ziemlich durchdringlich an, und ich muß

gestehen, ich zitterte ein wenig vor diesem Blick, denn ich kam mir so recht vor

wie ein Suchender, Bittender, auch hatte ich nur noch eine Kleinigkeit von Geld

in der Tasche und glaubte, Sie müßten mir das ansehen. Bettler betragen sich

bekanntlich immer unsicher. Sie zeigten mir das Zimmer, und ich drückte Ihnen, ich weiß nicht mehr aus welchem Gefühl des Stolztuns, meine letzten

Geldmünzen in die Hand; Sie nickten befriedigt und der Handel war

abgeschlossen. Seitdem habe ich kein Wort mehr mit Ihnen gesprochen, und

doch ist beinahe ein Monat seither verflossen, und ich nehme an, Sie halten mich

für einen stolzen Menschen. Es macht mir Vergnügen, dies annehmen zu dürfen

und zu denken, daß Sie es gar nicht wagen, mich mit einem Wort anzureden, der

doch glücklich wäre, wenn Sie es tun würden. Nun, ich bin auch so glücklich.

Ich sehe, ich mache einen günstigen Eindruck auf Sie, mein Schweigen erzwingt

sich Ihre Achtung, denn gewöhnlich sind Bettler geschwätzig. Sie halten mich

für einen armen Menschen, Sie haben schon Mitleid mit mir und fürchten sicher,

daß ich nicht werde bezahlen können, wenn der Monat zu Ende geht, und doch

wagen Sie nicht die geringste Annäherung, sagen kein Wort, machen immer ein

achtungsvoll freundliches Gesicht, wenn Sie mir begegnen, in dessen Zügen ich

den Wunsch, zu reden, lebhaft unterdrückt sehe. Während Sie fürchten müssen,

von mir hintergangen zu werden, werden Sie immer freundlicher zu mir,

erweisen mir kleine Aufmerksamkeiten, die man schätzt, weil sie schweigend

geschehen, stellen mir einen Teppich und einen Spiegel ins Zimmer und

gestatten mir, Sie nachts, wenn Sie schlafen, aus der Ruhe zu schrecken, um

mich ins Haus einzulassen, verzeihen mir das und verzeihen sogar, wenn ich

nicht einmal dafür um Entschuldigung bitte. Im ganzen genommen, Sie sehen

etwas Besonderes an mir, Sie meinen vielleicht, daß ich ein guter Mensch bin,

der etwas in die Klemme geraten ist, Sie sind davon überzeugt, daß meine Eltern

hochachtbare Menschen gewesen sind, oder noch sind, Sie schätzen mich und

wünschen, mich nicht zu kränken; nun, aus all diesen Gründen, die ich mir

zunutze machen will, und die ich deutlich klar sehe, will ich, wenn der Monat zu

Ende sein wird, vor Sie hintreten, kurz und rasch, vielleicht mit etwas

empfindlicher Röte im Gesicht, mit etwas absichtlicher Wärme in der Stimme,

und Ihnen offen bekennen, und Sie dabei anblicken, wie, das weiß ich noch

nicht, aber jedenfalls bezwingend, Ihnen einfach frech das Bekenntnis ablegen,

daß ich außer der Lage sei, bezahlen zu können. Ich weiß, daß ich siegen werde

und daß der Sieg nicht einmal ein unfreundlicher sein wird, Sie liebe Frau! Wie

ich Sie liebe, daß ich dieses alles so genau weiß. Sie kennen mich und ich kenne

Sie, ich finde das so wunderschön, so erwärmend. Es kann mir, solange ich bei

Ihnen bin, unmöglich schlecht gehen. Nein, unmöglich!

Habe ich es nicht zum voraus gesagt? Sie hatten nicht einmal Zeit, mich zu

beruhigen und mir die Versicherung zu geben, daß ich mir doch deswegen nicht

die mindesten Gedanken zu machen brauche, so rasch schnitt ich ab, indem ich

einfach fortlief. Ich habe nur den Kopf und ein Viertel des Leibes zur Türe ins

Zimmer hineingestreckt und ziemlich fließend und kalt mein Geständnis vorgebracht und bin verschwunden, ohne nur hören zu wollen, was Sie auch

dazu sagen würden. Sie saßen, mit einer Handarbeit beschäftigt, auf dem Sofa

und waren verwundert und wiederum gar nicht im mindesten verwundert

darüber. Sie haben gelächelt, und Sie scheinen über diesen Punkt sorglos zu sein.

Mein Betragen scheint Ihnen, trotz seiner Kaltblütigkeit, oder vielleicht gerade

deshalb, gefallen zu haben. Es ist allerdings wahr, ich bin pünktlich erschienen,

absichtlich pünktlich, mit meiner Eröffnung: ich bin Ihr Schuldner; ich scheine

also in Ihren Augen ein ordnungsliebender Mann zu sein, einer, der genau weiß,

wann Termine ablaufen, einer, der den Kalender mit seinen dreißig Tagen genau

im Kopfe hat. Es hat also einen guten Eindruck auf Sie gemacht, daß ich so

genau wußte, wieviel und von welchem Tage ab ich Ihnen schuldig bin, und ich

bin Ihnen ganz gern etwas schuldig und freue mich sehr, eines Tages vor Ihnen

zu erscheinen, ebenso rasch und achtlos, wie es diesmal geschah, um meine

Schuld abzubezahlen. Sie werden sich alsdann sehr wahrscheinlich fürchterlich,

und in ganz überflüssig großer Weise, bedanken, und das wird mich lachen

machen. Ich lache sehr gern über solche Sachen, man kommt so am besten

darüber hinweg. Jetzt verdiene ich etwas Geld, durch Aufsätze, die ich an eine

christliche Zeitung einsende. Außerdem schreibe ich Adressen und rechne

Rechnungen durch, so daß ich hoffen darf, Sie bald zu befriedigen. Wenn Sie nur

wüßten, wie sehr es mir Vergnügen macht, für Sie zu sparen. Es ist doch ganz

gut, daß ich Sie nicht bezahlen konnte, nun kann ich doch Ihretwegen etwas tun,

Ihre Gestalt erscheint mir freundlich, wenn ich arbeite, ich arbeite dann

sozusagen für Sie, wegen Ihnen, unter Ihrem Eindruck. Nein, ganz sorglos

möchte ich nie sein. Sorgen haben müssen, das verfeinert das Leben und gibt

dem Tag einen, wenn auch engen und kleinen, so doch innigen Anstrich. Es ist

doch ganz gut so.