Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 43 von 49

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Aufsätze

Der Schriftsteller

 

Der Schriftsteller besitzt in der Regel zwei Anzüge, einen für die Straße und

zum Besuche machen und einen für die Arbeit. Er ist ein ordentlicher Mensch;

das Sitzen am engen Schreibtisch hat ihn bescheiden gemacht, er verzichtet auf

die heitern Genüsse des Lebens, und wenn er von irgendeinem nützlichen

Ausgang nach Hause kommt, so zieht er seinen guten Anzug rasch vom Leib,

hängt Hose und Rock, wie es sich gehört, säuberlich in den Kleiderschrank, wirft

sich in seine Arbeiterbluse und Hausschuhe, geht in die Küche, macht Tee

zurecht und begibt sich zur gewohnten Arbeit. Er trinkt nämlich immer Tee

während des Schaffens, das behagt ihm sehr, es erhält ihn gesund, und seiner

Meinung nach ersetzt ihm das alle übrigen weltlichen Genüsse. Verheiratet ist er

nicht, denn er hat nicht die Kühnheit gehabt, sich zu verlieben, weil er allen ihm

zu Gebote stehenden Mut dazu hat anwenden müssen, seiner künstlerischen

Pflicht gegenüber, die, wie es vielleicht bekannt ist, eine sehr harte sein kann,

treu zu bleiben. Er hauswirtschaftet in der Regel gänzlich allein, es sei denn, eine

Freundin helfe ihm beim Ausruhen und ein unsichtbarer Schutzgeist beim

Arbeiten. Seiner innersten Überzeugung nach ist sein Leben weder besonders

freudig noch gar sehr trübe, weder leicht noch schwer, weder eintönig noch

abwechslungsreich, weder eine fortdauernde noch eine oft unterbrochene

Lustbarkeit, weder ein Schrei noch ein anhaltendes, munteres Lächeln: er

schafft, das ist sein Leben. Er versucht in einem fort, sich in alles und jedes

hineinzuleben, darin besteht sein Schaffen, und wenn er von seiner Arbeit einen

Augenblick aufsteht, um sich eine neue Zigarette zu drehen, einen Schluck Tee

zu trinken, ein Wort zur Katze zu sagen, jemandem die Tür zu öffnen oder rasch

aus dem Fenster zu schauen, so sind das nicht wesentliche Unterbrechungen,

sondern gewissermaßen nur Kunstpausen oder Atemübungen. Manchmal turnt er

ein bischen im Zimmer, oder es fällt ihm ein, ein wenig zu jonglieren; auch

Übungen im Gesang oder in der tönenden Deklamation sind ihm willkommen.

Diese kleinen Dinge tut er, damit er beim Schreiben nicht ganz und gar, wie er

sonst leicht befürchten müßte, zum Narren wird. Er ist ein exakter Mensch; sein Beruf hat ihn dazu gezwungen, denn was sollten Liederlichkeit oder

Unordentlichkeit tagelang am Schreibtisch zu suchen haben? Der Wunsch und

die Leidenschaft, das Leben in Worten zu zeichnen, entstammen schließlich nur

einer gewissen Genauigkeit und schönen Pedanterie der Seele, der es Schmerz

bereitet, beobachten zu müssen, wie so viel Schönes, Lebendiges, Eilendes und

Flüchtiges in der Welt davonfliegt, ohne daß man es hat ins Notizbuch bannen

können. Welche ewige Sorge! Der Mann mit der Feder in der Hand ist quasi ein

Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb kein heroisches und edles ist,

weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen kann. Man spricht nicht umsonst von

»Helden der Feder«. Vielleicht ist das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso

triviale Sache, aber ein Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon nicht

ausgeschlossen ist, daß er gesetzten Falls ein Held und ein Lebensretter sein

kann. Wenn es bisweilen einem Mutigen gelingt, ein Kind, oder was es sei, mit

Lebensgefahr aus dem strömenden Wasser zu retten, so dürfte es vielleicht des

öftern der Kunst und dem aufopfernden Bemühen eines Schriftstellers

vorbehalten bleiben, dem achtlos und gedankenlos dahinflutenden Strom des

Lebens Schönheitswerte, die eben am Ertrinken und Untergehen sind, mit

Gefahr seiner Gesundheit zu entreißen, denn gesund ist es nicht, zehn bis

dreizehn Stunden hintereinander am Romanen- oder Novellentisch zu sitzen. Er

kann also wohl zu den mutigen, kühnen Naturen gerechnet werden. In der

Gesellschaft, wo es immer so glänzend und glatt zugeht, benimmt er sich

mitunter steif aus Schüchternheit, rauh aus Gutmütigkeit und holperig aus

Mangel an Schliff. Aber man unternehme es doch, ihn in ein Gespräch zu ziehen

oder ins Netz einer herzlichen Unterhaltung einzufädeln, und man wird ihn

alsobald sein linkisches Wesen abwerfen sehen; seine Zunge wird sprechen wie

jede beliebige andre Zunge, seine Hände bekommen die allernatürlichsten

Bewegungen, und in seinen Augen wird gewiß ebensoviel Feuer schimmern, als

in den Augen irgendeines Staats-, Industrie- oder Marinemenschen. Er ist

gesellig, wie nur irgendeiner. Er erlebt vielleicht einmal während eines ganzen

Jahres nichts Neues, da er sich immer mit Satz- und Tonreihen abgegeben hat

und mit der Vollendung seines Werkes, aber, ich bitte, hat er dafür nicht

Phantasie? Schätzt man die gar nicht mehr heutzutage? Er ist fähig, mit seinen

Einfällen eine Gesellschaft von, sagen wir, zwanzig Menschen sich beinahe

kaput lachen zu machen, oder er kann Staunen erwecken, und zwar im

Handumdrehen, oder er kann Tränen entlocken, indem er einfach ein Gedicht,

das er gemacht hat, vorliest. Und dann, wenn seine Bücher auf dem Markt

erscheinen! Alle Welt, bildet er sich in seiner dachstubigten Verlassenheit ein,

springt danach und reißt sich um die hübsch eingebundenen oder sogar in

braunes Leder gepreßten Exemplare. Auf dem Titelblatt steht sein Name, ein Umstand, der seiner naiven Meinung nach genügt, ihn überall in der runden,

weiten Welt bekannt zu machen. Alsdann kommen die Enttäuschungen, die

Zurechtweisungen in den Blättern, das Zischen zu Tode, das Verschweigen ins

Grab hinein; unser Mann erträgt es eben. Er geht nach Hause, vernichtet alle

seine Papiere, versetzt dem Schreibtisch einen furchtbaren Stoß, daß er umfliegt,

zerreißt einen angefangenen Roman, zerfetzt die Schreibunterlage, wirft den

Vorrat an Schreibfedern zum offenen Fenster hinaus, schreibt seinem Verleger:

»Sehr geehrter Herr, ich bitte Sie, aufzuhören, an mich zu glauben,« und segelt

auf Wanderschaften. Sein Zorn und seine Scham kommen ihm übrigens nach

kurzer Zeit lächerlich vor, und er sagt sich, daß es seine Pflicht und Schuldigkeit

sei, von neuem mit seiner Arbeit zu beginnen. So macht's der eine, der andre

macht's vielleicht um eine Schattierung anders. Nie verliert ein zum

Schriftstellern geborener Schriftsteller den Mut; er hat ein beinahe

ununterbrochenes Vertrauen zur Welt und zu den tausend neuen Möglichkeiten,

die sie ihm jeden neuen Morgen bietet. Er kennt jede Art Verzweiflung, aber

auch jede Art Glücksgefühl. Das Sonderbare ist, daß ihn eher die Erfolge als die

Mißerfolge mißtrauisch gegen sich machen; das kommt aber vielleicht nur daher,

weil die Maschine seines Denkens fortgesetzt in Bewegung ist. Hin und wieder

macht der Schriftsteller Vermögen, aber er geniert sich beinahe, Haufen Geldes

erworben zu haben, und er macht sich in solchen Fällen absichtlich klein, um

den vergifteten Pfeilen des Neides und der Spottsucht möglichst auszuweichen.

Ein ganz natürliches Verhalten! Wie aber, wenn er arm und verachtet dahinlebt,

in feuchten, kalten Stuben, an Tischen, über deren Platten ihm das Ungeziefer

kriecht, in Betten aus Stroh, in Häusern voll wüsten Gelärms und Geschreis, auf

ganz und gar einsamen Wegen, in der Nässe des herabströmenden Regens, auf

der Suche nach Lebensunterhalt, den ihm, weil er vielleicht eine dumme Figur

macht, kein vernünftiger Mensch gewähren will, unter der Glut der

hauptstädtischen Sonne, in Herbergen voll Ungemach, in Gegenden voll Sturm

oder in Asylen ohne die Freundlichkeit und Heimatlichkeit, die in dem Namen

so schön enthalten ist? Ist ein derartiges Unglück ausgeschlossen? Nun also:

auch Gefahren kann der Schriftsteller durchmachen, und von seinem Genie, sich

in alle üblen Umstände zu schicken, wird es abhängen, wie er sie durchmacht.

Der Schriftsteller liebt die Welt, denn er fühlt, daß er aufhört, ihr Kind zu sein,

wenn er sie nicht mehr lieben kann. In diesem Fall ist er ja auch meist nur noch

ein mittelmäßiger Schriftsteller, das empfindet er deutlich, und deshalb

vermeidet er es, dem Leben ein mißmutiges Gesicht zu zeigen. Infolgedessen

kommt es auch oft vor, daß man ihn für einen urteilslosen, beschränkten

Schwärmer ansieht, während man doch gar nicht bedenkt, daß er ein Mensch ist,

der sich weder den Spott, noch den Haß gestatten darf, weil ihm diese Empfindungen zu leicht die Lust am Schaffen rauben.