Aufsätze
An die Heimat
Die Sonne scheint durch das kleine Loch in das kleine Zimmer, wo ich sitze
und träume, die Glocken der Heimat tönen. Es ist Sonntag, und im Sonntag ist es
Morgen, und im Morgen weht Wind, und im Wind fliegen alle meine Sorgen wie
scheue Vögel davon. Ich fühle zu sehr die wohlklingende Nähe der Heimat, als
daß ich mit einer Sorge im Wettstreit grübeln könnte. Ehemals weinte ich. Ich
war so weit entfernt von meiner Heimat; es lagen so viele Berge, Seen, Wälder,
Flüsse, Felder und Schluchten zwischen mir und ihr, der Geliebten, der
Bewunderten, der Angebeteten. Heute morgen umarmt sie mich, und ich
vergesse mich in ihrer üppigen Umarmung. Keine Frau hat so weiche, so
gebieterische Arme, keine Frau, auch die schönste nicht, so gefühlvolle Lippen,
keine Frau, auch die gefühlvollste nicht, küßt mit so unendlicher Inbrunst, wie
meine Heimat mich küßt. Tönt Glocken, spiele Wind, braust Wälder, leuchtet
Farben, es ist doch alles in dem einzigen, süßen Kuß, welcher in diesem
Augenblick meine Sprache gefangen nimmt, in dem süßen, unendlich köstlichen
Kuß der Heimat, der Heimat enthalten.