Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 2 von 49

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An die Heimat

 

Die Sonne scheint durch das kleine Loch in das kleine Zimmer, wo ich sitze

und träume, die Glocken der Heimat tönen. Es ist Sonntag, und im Sonntag ist es

Morgen, und im Morgen weht Wind, und im Wind fliegen alle meine Sorgen wie

scheue Vögel davon. Ich fühle zu sehr die wohlklingende Nähe der Heimat, als

daß ich mit einer Sorge im Wettstreit grübeln könnte. Ehemals weinte ich. Ich

war so weit entfernt von meiner Heimat; es lagen so viele Berge, Seen, Wälder,

Flüsse, Felder und Schluchten zwischen mir und ihr, der Geliebten, der

Bewunderten, der Angebeteten. Heute morgen umarmt sie mich, und ich

vergesse mich in ihrer üppigen Umarmung. Keine Frau hat so weiche, so

gebieterische Arme, keine Frau, auch die schönste nicht, so gefühlvolle Lippen,

keine Frau, auch die gefühlvollste nicht, küßt mit so unendlicher Inbrunst, wie

meine Heimat mich küßt. Tönt Glocken, spiele Wind, braust Wälder, leuchtet

Farben, es ist doch alles in dem einzigen, süßen Kuß, welcher in diesem

Augenblick meine Sprache gefangen nimmt, in dem süßen, unendlich köstlichen

Kuß der Heimat, der Heimat enthalten.