Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 10 von 49

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Aufsätze

Kapitel 3

besser schicke, hinter einem Schanktisch zu stehen, als Figurinen auf den

Brettern zu spielen. Er soll zum ersten Mai eine kleine Kneipe im Osten

übernommen haben, und er freut sich schon darauf, sagen einige, Bier

einzuschenken, Gläser zu putzen, Butterbrote zu streichen, Bücklinge zu

servieren und nachts die Besoffenen zur Bude herauszustiefelwichsen. Ein

Jammer! Wir aber müssen aufs tiefste bedauern, zwei so sehr bewunderte und

wertgeschätzte Künstler ihrer Kunst untreu werden zu sehen, und wir wollen

hoffen, daß solches nicht Mode werde.

 

3.

 

In den Kammerspielen ist noch kurz vor Toresschluß eine kleine Änderung

getroffen worden. Die Direktion hat den Dramaturgen kleidsame hellblaue

Fräcke übergeworfen, mit großen, silbernen Knöpfen dran. Wir halten das für

hübsch, denn wir halten's für richtig. Die Theaterdiener sind abgeschafft worden,

und die Dramaturgen nehmen nun an den Spielabenden, also zu einer Zeit, wo

sie ja sowieso nichts zu tun haben, den Damen die Mäntel ab und weisen den

theaterbesuchenden Herrschaften die Plätze an. Auch öffnen sie Türen und

geben allerhand kleine, aber notwendige Auskünfte. An den Beinen tragen sie

jetzt lange, dicke, ledergelbe, kniehohe Getern, auch können sie einem schon

ganz ausgezeichnet, unter einer eleganten Verbeugung, Programme darreichen

und Guckgläser anbieten. In der Provinz würden sie außerdem noch Zettel

vertragen; dies ist aber hier in Berlin nicht nötig. Kurz und gut, kein Kritiker

wird nunmehr noch fragen dürfen, was ein Dramaturg sei, und was er für

Obliegenheiten zu erfüllen habe. Sie tun jetzt ihr Äußerstes, und man wird sie in

Zukunft in Ruhe lassen müssen.

 

4.

 

Um endlich einmal dem ewigen Gejammer und den beständigen Vorwürfen,

er gebe nur Ausstattungen, keine Stücke, energisch auszuweichen, ist Direktor

Reinhardt auf die Idee gekommen, zukünftig seine Stücke einfach vor weißer

Wäsche spielen zu lassen. Seine Dramaturgen haben natürlich das Geheimnis bereits ausplaudern müssen, und er wird erstaunt, wenn nicht entrüstet sein, uns

schon heut mit der Neuigkeit auftrompeten zu sehen. Weiße Wäsche! Muß es

denn gerade schneeweiße sein? Kann sie nicht von irgendeiner unbekannten

Riesendame aus dem Panoptikum, sagen wir, etwa anderthalb Tage lang

getragen worden sein? Alsdann würden die Dekorationsstücke einen sicherlich

bezaubernden Schenkelduft ausströmen, was den Herren Kritikern nur gut tun

könnte, die dann vergäßen, wo sie säßen, und betäubt würden in ihren schärfern

Sinnen. Ohne Spaß. Reinhardts Idee scheint uns entwicklungsfähig, also

glänzend. Auf den weißen Tüchern werden sich die Gesichter und Spukgestalten

der Akteure und Aktricen außerordentlich farbig abheben. Ob Reinhardt das aber

auch am Hoftheater durchsetzen wird?