Aufsätze
Kapitel 3
besser schicke, hinter einem Schanktisch zu stehen, als Figurinen auf den
Brettern zu spielen. Er soll zum ersten Mai eine kleine Kneipe im Osten
übernommen haben, und er freut sich schon darauf, sagen einige, Bier
einzuschenken, Gläser zu putzen, Butterbrote zu streichen, Bücklinge zu
servieren und nachts die Besoffenen zur Bude herauszustiefelwichsen. Ein
Jammer! Wir aber müssen aufs tiefste bedauern, zwei so sehr bewunderte und
wertgeschätzte Künstler ihrer Kunst untreu werden zu sehen, und wir wollen
hoffen, daß solches nicht Mode werde.
3.
In den Kammerspielen ist noch kurz vor Toresschluß eine kleine Änderung
getroffen worden. Die Direktion hat den Dramaturgen kleidsame hellblaue
Fräcke übergeworfen, mit großen, silbernen Knöpfen dran. Wir halten das für
hübsch, denn wir halten's für richtig. Die Theaterdiener sind abgeschafft worden,
und die Dramaturgen nehmen nun an den Spielabenden, also zu einer Zeit, wo
sie ja sowieso nichts zu tun haben, den Damen die Mäntel ab und weisen den
theaterbesuchenden Herrschaften die Plätze an. Auch öffnen sie Türen und
geben allerhand kleine, aber notwendige Auskünfte. An den Beinen tragen sie
jetzt lange, dicke, ledergelbe, kniehohe Getern, auch können sie einem schon
ganz ausgezeichnet, unter einer eleganten Verbeugung, Programme darreichen
und Guckgläser anbieten. In der Provinz würden sie außerdem noch Zettel
vertragen; dies ist aber hier in Berlin nicht nötig. Kurz und gut, kein Kritiker
wird nunmehr noch fragen dürfen, was ein Dramaturg sei, und was er für
Obliegenheiten zu erfüllen habe. Sie tun jetzt ihr Äußerstes, und man wird sie in
Zukunft in Ruhe lassen müssen.
4.
Um endlich einmal dem ewigen Gejammer und den beständigen Vorwürfen,
er gebe nur Ausstattungen, keine Stücke, energisch auszuweichen, ist Direktor
Reinhardt auf die Idee gekommen, zukünftig seine Stücke einfach vor weißer
Wäsche spielen zu lassen. Seine Dramaturgen haben natürlich das Geheimnis bereits ausplaudern müssen, und er wird erstaunt, wenn nicht entrüstet sein, uns
schon heut mit der Neuigkeit auftrompeten zu sehen. Weiße Wäsche! Muß es
denn gerade schneeweiße sein? Kann sie nicht von irgendeiner unbekannten
Riesendame aus dem Panoptikum, sagen wir, etwa anderthalb Tage lang
getragen worden sein? Alsdann würden die Dekorationsstücke einen sicherlich
bezaubernden Schenkelduft ausströmen, was den Herren Kritikern nur gut tun
könnte, die dann vergäßen, wo sie säßen, und betäubt würden in ihren schärfern
Sinnen. Ohne Spaß. Reinhardts Idee scheint uns entwicklungsfähig, also
glänzend. Auf den weißen Tüchern werden sich die Gesichter und Spukgestalten
der Akteure und Aktricen außerordentlich farbig abheben. Ob Reinhardt das aber
auch am Hoftheater durchsetzen wird?