Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 31 von 49

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Ballonfahrt

 

Die drei Menschen, der Kapitän, ein Herr und ein junges Mädchen, steigen

in den Korb ein, die befestigenden Stricke werden losgeknöpft, und das seltsame

Haus fliegt langsam, als ob es sich erst noch auf irgend etwas besänne, in die

Höhe; gute Reise!, rufen die versammelten Menschen von unten her, hüte- und

taschentuchschwenkend, nach. Es ist zehn Uhr abends im Sommer. Der Kapitän

zieht eine Landkarte zu einer Tasche heraus und bittet den Herrn, sich mit

Kartenlesen beschäftigen zu wollen. Man kann lesen und vergleichen, alles

Sichtbare ist hell. Es hat alles eine beinahe bräunliche Helle. Die schöne

Mondnacht scheint den prachtvollen Ballon in unsichtbare Arme zu nehmen,

sanft und still fliegt der rundliche Körper zur Höhe, und nun wird er, kaum, daß

man es bemerkt, von feinen Winden nördlich getrieben. Der kartenstudierende

Herr wirft von Zeit zu Zeit auf Anleitung des Führers eine Hand voll Ballast in

die Tiefe hinunter. Es befinden sich fünf Säcke voll Sand an Bord, und es muß

sparsam damit umgegangen werden. Wie schön ist die runde, blasse, dunkle

Tiefe. Das liebe, bedeutsame Mondlicht macht die Flüsse silbern kenntlich. Man

sieht Häuser da unten, so klein, dem unschuldigen Spielzeug ähnlich. Die

Wälder scheinen dunkle, uralte Lieder zu singen, aber dieser Gesang mutet eher

wie eine edle, stumme Wissenschaft an. Das Bild der Erde sieht den Zügen eines

schlafenden, großen Mannes ähnlich, wenigstens träumt so das jugendliche

Mädchen, es läßt seine bezaubernde Hand träge über den Rand des Korbes

herabhängen. Einer Kaprice zufolge ist der Kopf des Kavaliers mit einem

ritterlichen Federhut bedeckt, im übrigen ist er modern gekleidet. Wie still die

Erde ist. Man sieht alles deutlich, die einzelnen Menschen in den Dorfgassen,

die Kirchspitzen, den Knecht, wie er, vom langen Tagwerk ermüdet, schwerfällig

über den Hof schreitet, die geisterhafte, vorbeisausende Eisenbahn, die

blendendweiße lange Landstraße. Bekanntes und unbekanntes Menschenleid

scheint von unten heraufzumurmeln. Die Einsamkeit verlorner Gegenden hat

ihren besondern Ton, und man meint, dieses Besondere, dieses Unverständliche

verstehen, ja sogar sehen zu sollen. Wundervoll blendet jetzt die drei Menschen der herrlich gefärbte und beleuchtete Lauf der Elbe an. Der nächtliche Strom

entreißt dem Mädchen einen leisen Sehnsuchtsschrei. An was mag sie denken?

Sie nimmt von einem Bukett, das sie mitgenommen hat, eine dunkle, prangende

Rose und wirft sie ins glitzernde Wasser. Wie ihre Augen traurig dabei blitzen.

Es ist, als wenn die junge Frau jetzt qualvollen Lebenskampf hinuntergeworfen

hätte, für immer. Es ist ein großer Schmerz, von einer Qual Abschied nehmen zu

müssen. Und wie lautlos die ganze Welt ist. In der Ferne glitzern die Lichter

eines Hauptortes, der Kapitän nennt sachkundig den Namen der Stadt. Schöne,

verlockende Tiefe! Man hat schon unzählige Stücke Wälder und Felder hinter

sich, es ist jetzt Mitternacht. Jetzt schleicht auf der festen Erde irgendwo ein

beutelauernder Dieb, Einbruch geschieht, und alle diese Menschen in ihren

Betten da unten, dieser große Schlaf, geschlafen von Millionen. Eine ganze Erde

träumt jetzt, und ein Volk ruht von Mühsalen aus. Das Mädchen lächelt. Und wie

es warm ist, es ist, als säße man in einer heimatanmutenden Stube, bei Mutter,

Tante, Schwester, Bruder, oder bei dem Geliebten, bei der friedlichen Lampe und

läse in einer schönen, aber etwas eintönigen, langen, langen Geschichte. Das

Mädchen will einschlafen, sie ist jetzt etwas ermüdet vom Schauen. Die beiden

im Korb stehenden Männer blicken schweigend aber fest in die Nacht hinaus.

Merkwürdige weiße, gleichsam blank geputzte Ebenen wechseln mit Gärten und

kleinen Buschwildnissen ab. Man sieht in Gegenden hinunter, in die einen der

Fuß nie, nie hintrüge, weil man in gewissen, ja, in den meisten Gegenden nie

etwas Zweckvolles zu suchen hat. Wie groß und wie unbekannt uns die Erde ist!,

denkt der federhutbedeckte Herr. Ja, das eigene Vaterland wird hier oben, Blicke

hinunterwerfend, endlich zum Teil verständlich. Man empfindet, wie unerforscht

und wie kraftvoll es ist. Zwei Provinzen sind durchwandert, als es beginnt zu

tagen. Unten in den Siedelungen erwacht schon wieder das menschliche Leben.

»Wie heißt dieser Ort?« schreit der Führer hinunter. Eine helle Jungenstimme

antwortet. Und immer noch schauen die drei Menschen; auch das Mädchen ist

jetzt wieder erwacht. Es zeigen sich jetzt Farben, und die Dinge werden

bestimmter. Man sieht Seen in ihren zeichnerischen Umrissen, wundervoll

zwischen Wäldern verborgen, man erblickt Ruinen alter Festungen zwischen

altem Laubwerk hochaufragen; Hügel erheben sich fast spurlos, Schwäne sieht

man weißlich im Gewässer zittern, und Stimmen des menschlichen Lebens

werden sympathisch laut, und man fliegt immer weiter, und endlich zeigt sich

die herrliche Sonne, und von diesem stolzen Gestirn angezogen schießt der

Ballon in zauberische, schwindelerregende Höhe. Das Mädchen stößt einen

Schreckensschrei aus. Die Männer lachen.