Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 13 von 49

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Aufsätze

Percy

 

Wenn man sagt, er sei ritterlich vom Scheitel bis zur Fußzehe, so ist das noch

lange keine Porträtskizze. Sein Gesicht ist nicht gerade schön. Fast gar keine

Nase. Die Nase ist in den Gesichtsball eingedrückt, als wäre sie in irgendeiner

Stunde von einem unbarmherzigen Schwerthieb zur Hälfte abrasiert worden. Ich

sage absichtlich: wegrasiert. Die Nichtachtung des Schicklichen paßt zu dieser

Manneserscheinung. Percy haßt die treffenden Worte, die Grazie, die Parfüms.

Die Zeichnung seines Mundes drückt Wehmut und Zorn zugleich aus, aber in

seine großen Augen scheint sich das Entzücken von hundert blauen Himmeln ein

für allemal verliebt zu haben. Wenn der Mann diese Augen schließt, erwarten die

Umstehenden etwas Furchtbares, die Gegend zuckt zusammen, die Welt wird

finster. Die Gestalt ist eher klein als groß, eher unscheinbar als imponierend. Die

Rüstung ist einfach, aber die Haltung ergibt das unsichtbar-sichtbare Bild des

Königlichen. Die Lippen sind unbeweglich, sie lächeln wunderselten, und wenn

sie es einmal tun, so schießt Hohn zum Gesicht heraus. Spott bedeutet bei Percy,

infolge der Rauheit, die ihn beherrscht, die Spitze der Gutmütigkeit. Wen er

verspottet, den liebt er, und er kann lieben. Sein Körper macht nicht die geringste

überflüssige Bewegung. Er haßt das Schöne, er bemüht sich, eckig aufzutreten.

Was an ihm schön erscheint, ist unbewußt. Wenn er wüßte, wie hübsch er ist,

zerrisse er sein eigenes goldenes Wesen, ja, er würde sich selber ins Gesicht

spucken. Aber dazu müßte er einen Spiegel haben, und diesen

Gebrauchsgegenstand kennt er gar nicht. Was er liebt, verachtet er, was er

bevorzugt, findet er langweilig, wovon er träumt, das ist lebensgefährlich. Wo

das Leben nicht auf dem Spiel steht, mag er nicht leben. Nie ist ein Ehemann

von seiner Gattin so geliebt worden und nie mit mehr Ursache. Percy kennt gar

keine Tapferkeit. Man kennt nur, was man studiert. Percys Kühnheit ist Percy

angeboren, er kann nichts dafür, daß er ein Held ist. Seine Leibfarbe ist grau,

sein Schmuck grün, der Federbusch rot. Einer seiner Diener stülpt ihm den Helm

auf den Kopf, gleichviel welchen; Percy ist geschmacklos. Er ist zu voll von

Ahnung, als daß er in solchen Dingen eine Wahl treffen könnte. Er ist zu frech zu irgendwelcher Bekleidungsfrage und zu zartfühlend zur Farbenlehre. Seiner

Frau ist er Gott, er weiß das, und das plagt ihn, wenn er frühstückt. Die

Zärtlichkeit, die er empfindet, sobald er sein Weib nur anschaut, will ihn

»jedesmal kaput machen«. Hoffentlich sind das seine eigenen Worte. Er macht

dann Witze, sagt Adieu und reitet zum Teufel. Die Manieren des Rittertums sind

ihm viel zu fade, er benimmt sich wie ein heutiger einfacher Arbeiter. Die Musik

liebt er wie nicht gescheit. Wenn sie ihm, abends, nach der Schlacht, wenn er

sich ermüdet an einen Baum anlehnt, ertönt, will ihm das Herz, von Tränen

getragen, wegschwimmen. Er, der am Tag eine stattliche Sammlung von

abgehauenen Armen, Beinen, Köpfen und Händen auf die blutiggefärbte Wiese

zusammengejähzornt hat, versteht es, unmittelbar nach Vollendung des

schrecklichen Werkes, aus der Natur schöne und sonderbare Stimmungen zu

ziehen und sich denselben, wenn auch nur für kurze Zeit, hinzugeben. Seine

Stimme, wenn sie genug geschrien und trompetengeblasen hat, will sich zur

Abwechslung auch mal die Wonne des Erzitterns gönnen. Zur Religion steht er

sich, na! Lieber nicht aussprechen. Ich glaube, sie ist ihm mehr als gleichgültig.

Sie ist ihm eine Krähe oder sonst was, genug, er bedarf ihrer nicht. Er hat Hölle

und Himmel auf Erden. Ideale hat er keine, nicht einmal Ehrgefühl; es reißt ihn

zum Wagnis hin, zufällig ist das gerade sein Ideal, er tobt und erwirbt Ehre. Er

träumt davon, den Prinzen von Wales kampfunfähig zu machen, dann zu lachen

und den Überwundenen zu küssen. Bis dahin tötet er, was ihm unter das Schwert

läuft, von da an würde er möglicherweise ein gesitteter Mensch werden, aber

wahrscheinlich auch dann nicht, sein Trotz würde es ihm kaum gestatten. Er

stirbt als Junge, aber man hat, wenn man ihn röcheln und sterben sieht, das

Gefühl, ein Riese hauche da seinen Atem aus.