Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 3 von 49

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Brief eines Mannes an einen Mann

 

Sie schreiben mir, daß Sie sich ängstigen, weil Sie ohne Stelle sind, und weil

Sie fürchten müßten, lange ohne Verdienst zu bleiben. Ich bin etwas älter als Sie

und darf Ihnen aus der Erfahrung raten. Fürchten Sie sich doch ja nicht. Denken

Sie weiter nichts. Wenn Sie Entbehrungen zu tragen haben, so seien Sie stolz, sie

ertragen zu dürfen. Leben Sie so, daß Sie mit einer Suppe, einem Stück Brot und

einem Glas Wein leben können. Das kann man. Rauchen Sie nicht, denn das

nimmt Ihnen die wenigen körperlichen Stärkungen, die Sie sich leisten können,

weg. Sie haben eine ungeheure Freiheit vor sich. Rund um Sie duftet die Erde,

Ihnen gehört sie, will Ihnen gehören. Genießen Sie sie. Fürchtlinge genießen

nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und fluchen Sie keinem

Menschen, auch dem Bösesten nicht. Versuchen Sie lieber, zu lieben, wo ein

anderer, weniger Besonnener und Starker, hassen würde. Glauben Sie mir dieses

Wort: Der Haß zerstört den Geist im Menschen auf eine vernichtende Weise.

Lieben Sie nur gleich alles. Es schadet nichts, zu verschwenden. Stehen Sie am

Morgen früh auf, sitzen Sie wenig, schlafen Sie korrekt und schnell. Man kann

das. Wenn Sie an der Hitze leiden, so achten Sie nicht übermäßig viel darauf,

sondern tun Sie so, als ob Sie es nicht bemerkten. Wenn Sie an eine frische

Waldquelle kommen, so versäumen Sie nicht, daraus zu trinken. Wenn man

Ihnen mit Anstand schenkt, nur genommen, aber, mit Anstand. Prüfen Sie sich

jede Stunde, rechnen Sie mit sich, unterhalten Sie sich lieber mit Ihrem eigenen

Geist, als mit dem Verstand gelehrter Menschen. Meiden Sie die Gelehrten, denn

es sind, mit wenig Ausnahmen, herzlose Menschen. Schaffen Sie sich öfters

Gelegenheit, zu lachen, zu tändeln. Die Folge davon: Sie werden ein schöner,

ernsthafter Mensch. Seien Sie, wenn es Ihnen auch oft schwer ankommt, in

allem schön. Kleiden Sie sich elegant, das verschafft Ihnen Achtung und Liebe.

Es braucht kein Geld, nur die Anstrengung der Sinne dazu. Was die Mädchen

betrifft, so halten Sie sich die meisten vom Halse. Üben Sie sich im

Verschmähen. Gewöhnen Sie sich daran, immer eine Leidenschaft zu haben, das

kennzeichnet den schönen Mann. Der Leidenschaftlichste ist der Beste: lernen Sie es. Man lernt alles. Ich werde Ihnen ein anderes Mal schreiben.

Simon war ein zwanzigjähriger Mann. Er war arm, aber er tat nichts, seine

Lage zu verbessern.