Aufsätze
Brief eines Mannes an einen Mann
Sie schreiben mir, daß Sie sich ängstigen, weil Sie ohne Stelle sind, und weil
Sie fürchten müßten, lange ohne Verdienst zu bleiben. Ich bin etwas älter als Sie
und darf Ihnen aus der Erfahrung raten. Fürchten Sie sich doch ja nicht. Denken
Sie weiter nichts. Wenn Sie Entbehrungen zu tragen haben, so seien Sie stolz, sie
ertragen zu dürfen. Leben Sie so, daß Sie mit einer Suppe, einem Stück Brot und
einem Glas Wein leben können. Das kann man. Rauchen Sie nicht, denn das
nimmt Ihnen die wenigen körperlichen Stärkungen, die Sie sich leisten können,
weg. Sie haben eine ungeheure Freiheit vor sich. Rund um Sie duftet die Erde,
Ihnen gehört sie, will Ihnen gehören. Genießen Sie sie. Fürchtlinge genießen
nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und fluchen Sie keinem
Menschen, auch dem Bösesten nicht. Versuchen Sie lieber, zu lieben, wo ein
anderer, weniger Besonnener und Starker, hassen würde. Glauben Sie mir dieses
Wort: Der Haß zerstört den Geist im Menschen auf eine vernichtende Weise.
Lieben Sie nur gleich alles. Es schadet nichts, zu verschwenden. Stehen Sie am
Morgen früh auf, sitzen Sie wenig, schlafen Sie korrekt und schnell. Man kann
das. Wenn Sie an der Hitze leiden, so achten Sie nicht übermäßig viel darauf,
sondern tun Sie so, als ob Sie es nicht bemerkten. Wenn Sie an eine frische
Waldquelle kommen, so versäumen Sie nicht, daraus zu trinken. Wenn man
Ihnen mit Anstand schenkt, nur genommen, aber, mit Anstand. Prüfen Sie sich
jede Stunde, rechnen Sie mit sich, unterhalten Sie sich lieber mit Ihrem eigenen
Geist, als mit dem Verstand gelehrter Menschen. Meiden Sie die Gelehrten, denn
es sind, mit wenig Ausnahmen, herzlose Menschen. Schaffen Sie sich öfters
Gelegenheit, zu lachen, zu tändeln. Die Folge davon: Sie werden ein schöner,
ernsthafter Mensch. Seien Sie, wenn es Ihnen auch oft schwer ankommt, in
allem schön. Kleiden Sie sich elegant, das verschafft Ihnen Achtung und Liebe.
Es braucht kein Geld, nur die Anstrengung der Sinne dazu. Was die Mädchen
betrifft, so halten Sie sich die meisten vom Halse. Üben Sie sich im
Verschmähen. Gewöhnen Sie sich daran, immer eine Leidenschaft zu haben, das
kennzeichnet den schönen Mann. Der Leidenschaftlichste ist der Beste: lernen Sie es. Man lernt alles. Ich werde Ihnen ein anderes Mal schreiben.
Simon war ein zwanzigjähriger Mann. Er war arm, aber er tat nichts, seine
Lage zu verbessern.