Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 29 von 49

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Friedrichstraße

 

Oben ist ein schmaler Streifen Himmel, unten der glatte, schwärzliche,

gleichsam von Schicksalen polierte Boden. Die Häuser zu beiden Seiten ragen

kühn, zierlich und phantastisch in die architektonische Höhe. Die Luft bebt und

erschrickt von Weltleben. Bis zu den Dächern hinauf und über die Dächer noch

hinaus schweben und kleben Reklamen. Große Buchstaben fallen in die Augen.

Und immer gehen hier Menschen. Noch nie, seit sie ist, hat in dieser Straße das

Leben aufgehört zu leben. Hier ist das Herz, die unaufhörlich atmende Brust des

großstädtischen Lebens. Hier atmet es hoch auf und tief nieder, als wenn das

Leben selber über seinem Schritt und Tritt unangenehm beengt wäre. Hier ist die

Quelle, der Bach, der Fluß, der Strom und das Meer der Bewegungen. Niemals

sterben hier die Bewegungen und die Erregungen ganz aus, und wenn das Leben

am obern Ende der Straße beinahe aufhören will, so fängt es am untern Ende von

neuem an. Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb, Streben und

Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß, feuriges und höhnisches

Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und Reichtum schimmern, glitzern,

blöden, träumen, eilen und stolpern hier wild und zugleich ohnmächtig

durcheinander. Eine Fessel ohnegleichen bändigt und sänftigt hier die

Leidenschaften, und Verlockungen ohne Zahl führen zugleich in die

begehrlichen Versuchungen, derart, daß die Entsagung mit dem Rockärmel den

Rücken der befriedigten Begierde streifen, daß die Unersättlichkeit mit den

lodernden Augen in den weisen Frieden der Augen des Durch-sich-selbst-

gesättigten schauen muß. Hier klaffen Abgründe, hier herrschen und gebieten bis

zum offenen Unanstand, durch den sich kein vernünftiger Mensch verletzen läßt,

Gegensätze, die unbeschreiblich sind. Wagen fahren immer an Menschenleibern,

-köpfen und -händen dicht vorüber, und auf den Verdecken und im hohlen Innern

der Wagen sitzen, dicht aneinandergepreßt und geknechtet, Menschen, die aus

irgendwelchen Gründen hier drinnen sitzen, hier oben sitzen, sich drängen und

pressen und fahren lassen. Für jede Dummheit gibt es hier unsagbar rasch

rechtfertigende, gute, kluge Gründe. Jede Torheit ist hier durch die offenbare Schwierigkeit des Lebens geadelt und geheiligt. Jede Bewegung hat Sinn, jeder

Ton hat hier praktische Ursache, und aus jedem Lächeln, jeder Geste, jedem

Wort strahlt eine sonderbar anmutige Gesetztheit und Korrektheit billigend

hervor. Hier billigt man alles, weil jeder einzelne, durch den Zwang des

zusammengeknebelten Verkehrs genötigt, ohne Zaudern alles, was er hört und

sieht, billigen muß. Zu Mißbilligungen scheint niemand Lust, zu Abneinungen

niemand Zeit und zu Unlust niemand ein Recht zu haben, denn hier, und das ist

das Großartige, fühlen sich alle auf leichte, vorwärtshelfende Manier, gleichsam

säuberlich, verpflichtet. Jeder Bettler, Gauner, Unhold usw. ist hier Mitmensch

und muß einstweilen, weil alles schiebt, stößt und drängt, als etwas

Mithinzugehöriges geduldet werden. Ah, hier ist die Heimat der Nichtswürdigen,

der Kleinen, nein, der ganz Kleinen, der irgendwo und wann schon einmal

Entehrten, hier, hier herrscht Duldung, und zwar deshalb, weil sich niemand mit

Ungeduld und Unfrieden aufhalten und abgeben will. Hier wird im

Sonnenschein friedlich spaziert, wie auf einer entlegenen stillen Bergesmatte,

und im Laternenschimmer elegant gebummelt wie in einem Feenmärchen voller

Zauberkünste und -worte. Wunderbar ist, wie der zweiteilige Menschenstrom auf

den Trottoirs unaufhaltbar und unaufhörlich ist, gleich einem dickflüssigen,

schimmernden, vielbedeutenden Wasser, und herrlich ist, wie hier die Qualen

gemeistert, die Wunden verschwiegen, die Träume gefesselt, die Brünste

gebändigt, die Freuden unterdrückt und die Begierden gemäßigt werden, weil

alles Rücksicht, Rücksicht und nochmals liebende und achtende Rücksicht

nehmen muß. Wo der Mensch so nah am Menschen ist, da erhält der Begriff

Nebenmensch eine tatsächlich geübte, begriffene und rasch verstandene

Bedeutung, und es darf da niemandem mehr einfallen, überlaut zu lachen,

übereifrig sich seinen persönlichen Bedrängnissen hinzugeben oder überhastig

Geschäfte machen zu wollen, und doch, welch eine hinreißende betörende Hast

ist in all der scheinbaren Gedrängtheit und Besonnenheit. Die Sonne scheint hier

in einer Stunde auf unzählige Köpfe, der Regen netzt und näßt hier einen Boden,

der gesalbt ist gleichsam von Lustspielen und Tragödien, und abends, ah, wenn

es beginnt zu dunkeln und wenn die Lichter angezündet werden, tut sich ein

Vorhang langsam auf, um in ein Stück üppig voll immer derselben

Gewohnheiten, Lüsternheiten und Begebenheiten schauen zu lassen. Die Sirene

Vergnügen fängt dann an in himmlisch lockenden und anmutenden Tönen zu

singen, und Seelen werden dann zerrissen von den vibrierenden Wünschen und

Nichtbefriedigungen, und ein Geldauswerfen beginnt dann, wie es der

bescheidene kluge Begriff nicht kennt, wie es sich kaum eine dichterische

Phantasie mühselig vorstellen kann. Ein wollüstig auf und nieder atmender

Körpertraum sinkt dann auf die Straße herab, und alles läuft, läuft und läuft diesem vorherrschenden Traum mit ungewissen Schritten nach.