Aufsätze
Brief von Simon Tanner
Das alles, was ich jetzt hier schreibe, ist für Sie, liebe Frau. Ich sehe so viel
Zeit vor mir, die ich zu nichts anderem als zu einer künstlichen Spielerei
verwenden kann, eine solche Menge, einen solchen Haufen von Zeit, daß ich nur
von Herzen froh sein kann, diesen Zeitvertreib gefunden zu haben. Man will und
kann mich nicht beschäftigen, man braucht mich nicht, ich stehe völlig
außerhalb jedes Bedürfnisses, wohlan, so gebrauche ich mich eben selber, wähle
mir selber den Zweck und halte mich für gut genug, irgendein Werk, wäre es
auch das sonderbarste und nutzloseste, zu vollführen. Ich bin breit und schwer
und voll von Empfindungen. So kläglich auch meine jetzige Lage sein mag in
dieser Spiegelgasse, so seltsam frei und mutig komme ich mir vor, so leicht und
erfinderisch in wohltuenden Gedanken ist mein Herz. Nur ab und zu, um es
offen herauszusagen, bin ich traurig und hoffnungslos, denke an meine Zukunft
als wie an etwas Verlorenes und Düsteres, aber das sind Augenblicke, weiter
nichts.
Ich schreibe an Sie, weil Sie eine schöne und liebe Frau sind, weil ich
jemanden im Sinne tragen muß, um lebhaft und aufrichtig schreiben zu können,
weil ich auf Erden immer das Nächste liebgehabt habe, und weil Sie mir die
Nächste sind, Sie, von der ich nur durch eine dünne, dumme Zimmerwand
abgetrennt atme und lebe. Ich finde darin etwas Schönes, es hat für mich etwas
Berauschendes und Geheimnisvolles und Weithintragendes. Ich bin zu Ihnen
gekommen an einem heißen Tag, Sie wissen es auch, wo die Sonne die Gasse
verbrannte, durch Zufall und Einfall, vielleicht auch durch Wunderlichkeit, weil
ich dachte, daß in dieser Gasse die Zimmer besonders dunkel, sonnenlos,
schattig, eng und auch ... billig sein müßten. Sie standen auf dem Treppenansatz
und sahen mich mit Ihren Augen ziemlich durchdringlich an, und ich muß
gestehen, ich zitterte ein wenig vor diesem Blick, denn ich kam mir so recht vor
wie ein Suchender, Bittender, auch hatte ich nur noch eine Kleinigkeit von Geld
in der Tasche und glaubte, Sie müßten mir das ansehen. Bettler betragen sich
bekanntlich immer unsicher. Sie zeigten mir das Zimmer, und ich drückte Ihnen, ich weiß nicht mehr aus welchem Gefühl des Stolztuns, meine letzten
Geldmünzen in die Hand; Sie nickten befriedigt und der Handel war
abgeschlossen. Seitdem habe ich kein Wort mehr mit Ihnen gesprochen, und
doch ist beinahe ein Monat seither verflossen, und ich nehme an, Sie halten mich
für einen stolzen Menschen. Es macht mir Vergnügen, dies annehmen zu dürfen
und zu denken, daß Sie es gar nicht wagen, mich mit einem Wort anzureden, der
doch glücklich wäre, wenn Sie es tun würden. Nun, ich bin auch so glücklich.
Ich sehe, ich mache einen günstigen Eindruck auf Sie, mein Schweigen erzwingt
sich Ihre Achtung, denn gewöhnlich sind Bettler geschwätzig. Sie halten mich
für einen armen Menschen, Sie haben schon Mitleid mit mir und fürchten sicher,
daß ich nicht werde bezahlen können, wenn der Monat zu Ende geht, und doch
wagen Sie nicht die geringste Annäherung, sagen kein Wort, machen immer ein
achtungsvoll freundliches Gesicht, wenn Sie mir begegnen, in dessen Zügen ich
den Wunsch, zu reden, lebhaft unterdrückt sehe. Während Sie fürchten müssen,
von mir hintergangen zu werden, werden Sie immer freundlicher zu mir,
erweisen mir kleine Aufmerksamkeiten, die man schätzt, weil sie schweigend
geschehen, stellen mir einen Teppich und einen Spiegel ins Zimmer und
gestatten mir, Sie nachts, wenn Sie schlafen, aus der Ruhe zu schrecken, um
mich ins Haus einzulassen, verzeihen mir das und verzeihen sogar, wenn ich
nicht einmal dafür um Entschuldigung bitte. Im ganzen genommen, Sie sehen
etwas Besonderes an mir, Sie meinen vielleicht, daß ich ein guter Mensch bin,
der etwas in die Klemme geraten ist, Sie sind davon überzeugt, daß meine Eltern
hochachtbare Menschen gewesen sind, oder noch sind, Sie schätzen mich und
wünschen, mich nicht zu kränken; nun, aus all diesen Gründen, die ich mir
zunutze machen will, und die ich deutlich klar sehe, will ich, wenn der Monat zu
Ende sein wird, vor Sie hintreten, kurz und rasch, vielleicht mit etwas
empfindlicher Röte im Gesicht, mit etwas absichtlicher Wärme in der Stimme,
und Ihnen offen bekennen, und Sie dabei anblicken, wie, das weiß ich noch
nicht, aber jedenfalls bezwingend, Ihnen einfach frech das Bekenntnis ablegen,
daß ich außer der Lage sei, bezahlen zu können. Ich weiß, daß ich siegen werde
und daß der Sieg nicht einmal ein unfreundlicher sein wird, Sie liebe Frau! Wie
ich Sie liebe, daß ich dieses alles so genau weiß. Sie kennen mich und ich kenne
Sie, ich finde das so wunderschön, so erwärmend. Es kann mir, solange ich bei
Ihnen bin, unmöglich schlecht gehen. Nein, unmöglich!
Habe ich es nicht zum voraus gesagt? Sie hatten nicht einmal Zeit, mich zu
beruhigen und mir die Versicherung zu geben, daß ich mir doch deswegen nicht
die mindesten Gedanken zu machen brauche, so rasch schnitt ich ab, indem ich
einfach fortlief. Ich habe nur den Kopf und ein Viertel des Leibes zur Türe ins
Zimmer hineingestreckt und ziemlich fließend und kalt mein Geständnis vorgebracht und bin verschwunden, ohne nur hören zu wollen, was Sie auch
dazu sagen würden. Sie saßen, mit einer Handarbeit beschäftigt, auf dem Sofa
und waren verwundert und wiederum gar nicht im mindesten verwundert
darüber. Sie haben gelächelt, und Sie scheinen über diesen Punkt sorglos zu sein.
Mein Betragen scheint Ihnen, trotz seiner Kaltblütigkeit, oder vielleicht gerade
deshalb, gefallen zu haben. Es ist allerdings wahr, ich bin pünktlich erschienen,
absichtlich pünktlich, mit meiner Eröffnung: ich bin Ihr Schuldner; ich scheine
also in Ihren Augen ein ordnungsliebender Mann zu sein, einer, der genau weiß,
wann Termine ablaufen, einer, der den Kalender mit seinen dreißig Tagen genau
im Kopfe hat. Es hat also einen guten Eindruck auf Sie gemacht, daß ich so
genau wußte, wieviel und von welchem Tage ab ich Ihnen schuldig bin, und ich
bin Ihnen ganz gern etwas schuldig und freue mich sehr, eines Tages vor Ihnen
zu erscheinen, ebenso rasch und achtlos, wie es diesmal geschah, um meine
Schuld abzubezahlen. Sie werden sich alsdann sehr wahrscheinlich fürchterlich,
und in ganz überflüssig großer Weise, bedanken, und das wird mich lachen
machen. Ich lache sehr gern über solche Sachen, man kommt so am besten
darüber hinweg. Jetzt verdiene ich etwas Geld, durch Aufsätze, die ich an eine
christliche Zeitung einsende. Außerdem schreibe ich Adressen und rechne
Rechnungen durch, so daß ich hoffen darf, Sie bald zu befriedigen. Wenn Sie nur
wüßten, wie sehr es mir Vergnügen macht, für Sie zu sparen. Es ist doch ganz
gut, daß ich Sie nicht bezahlen konnte, nun kann ich doch Ihretwegen etwas tun,
Ihre Gestalt erscheint mir freundlich, wenn ich arbeite, ich arbeite dann
sozusagen für Sie, wegen Ihnen, unter Ihrem Eindruck. Nein, ganz sorglos
möchte ich nie sein. Sorgen haben müssen, das verfeinert das Leben und gibt
dem Tag einen, wenn auch engen und kleinen, so doch innigen Anstrich. Es ist
doch ganz gut so.