Aufsätze
Entwurf zu einem Vorspiel
Eine Bühne
Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine
rötlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine große, breite Zunge leckt.
Die Zähne, die den Bühnenmund umrahmen, sind spitz und blendend weiß, das
Ganze sieht dem Rachen eines Ungetüms ähnlich, die Lippen sind wie
ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach vorn, über die
Rampe hinaus und berührt mit ihrer feurigen Spitze beinahe die Köpfe der
Zuschauer, dann geht sie wieder zurück, und ein anderes Mal tritt sie wieder vor,
ein schlafendes schönangekleidetes Mädchen auf ihrer breiten, weichen Fläche
dahertragend. Die golden-hellen Haare des Mädchens fließen wie eine
Flüssigkeit von ihrem Kopf um ihr Kleid herum, in der Hand hält sie einen
glitzernden Stern, ähnlich einem großen, weichen, sonnigen Schneeflocken. Auf
dem Haar eingedrückt sitzt eine zierliche grüne Krone, ihr Mund lächelt im
Schlaf, während sie so liegt, auf ihren Ellbogen gestützt, auf der Zunge wie in
Bettkissen ruhend. Auf einmal öffnet sie ihre Augen, und das sind Augen, wie
man sie manchmal in Träumen sieht, wenn sie sich, von irgendeinem
übernatürlichen Licht umflossen, zu den unsern herabneigen. Diese Augen
haben einen wunderbar erfrischenden Glanz, und sie schauen jetzt so nach allen
Seiten herum, wie es Kinderaugen tun, die fragend und suchend und schuldlos in
die Welt blicken. Aus der feurig-schwärzlichen Kehle klettert jetzt ein Mann
hervor, angezogen mit fliegenden, scheinbar von einem halbtollen Schneider
entworfenen Tüchern, die wie Fetzen seine massiven Glieder umgeben, schreitet
auf der unter seinen Tritten zusammenzuckenden Zunge nach vorn, zu dem
Mädchen hin, beugt sich über sie und küßt sie. Im selben Augenblick sprühen
aus dem Schlund Feuerflammen und Funken hervor, die über die beiden, ohne
sie im mindesten ängstlich zu machen, herabregnen. Der schlanke Mann hebt die
junge Dame in seinen Arm und trägt sie nach rückwärts, die große Zunge wirft
sich, indem sie sich hoch aufbäumt, über das Paar, um es im Rachen krachend
und hinabpolternd zu verschlingen. Der weiße Stern des Mädchens blitzt vorn
bei den Zähnen, da schießen mit einem Male blaue, grüne, gelbe, hochrote,
dunkelbläuliche und schimmernd weiße Sterne in einem feurig-farbigen
Sturzregenbogen aus der dunkeln Kehle hervor, Musik spielt dazu, und die
Sterne zerspringen immer in der Luft ins Nichts, endlich bewegen sich die
Lippen des großen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und warm
hörbare Wort:
Das Stück beginnt.
Vorhang.