Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 7 von 49

PDF-Seiten

Aufsätze

Entwurf zu einem Vorspiel

Eine Bühne

 

Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine

rötlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine große, breite Zunge leckt.

Die Zähne, die den Bühnenmund umrahmen, sind spitz und blendend weiß, das

Ganze sieht dem Rachen eines Ungetüms ähnlich, die Lippen sind wie

ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach vorn, über die

Rampe hinaus und berührt mit ihrer feurigen Spitze beinahe die Köpfe der

Zuschauer, dann geht sie wieder zurück, und ein anderes Mal tritt sie wieder vor,

ein schlafendes schönangekleidetes Mädchen auf ihrer breiten, weichen Fläche

dahertragend. Die golden-hellen Haare des Mädchens fließen wie eine

Flüssigkeit von ihrem Kopf um ihr Kleid herum, in der Hand hält sie einen

glitzernden Stern, ähnlich einem großen, weichen, sonnigen Schneeflocken. Auf

dem Haar eingedrückt sitzt eine zierliche grüne Krone, ihr Mund lächelt im

Schlaf, während sie so liegt, auf ihren Ellbogen gestützt, auf der Zunge wie in

Bettkissen ruhend. Auf einmal öffnet sie ihre Augen, und das sind Augen, wie

man sie manchmal in Träumen sieht, wenn sie sich, von irgendeinem

übernatürlichen Licht umflossen, zu den unsern herabneigen. Diese Augen

haben einen wunderbar erfrischenden Glanz, und sie schauen jetzt so nach allen

Seiten herum, wie es Kinderaugen tun, die fragend und suchend und schuldlos in

die Welt blicken. Aus der feurig-schwärzlichen Kehle klettert jetzt ein Mann

hervor, angezogen mit fliegenden, scheinbar von einem halbtollen Schneider

entworfenen Tüchern, die wie Fetzen seine massiven Glieder umgeben, schreitet

auf der unter seinen Tritten zusammenzuckenden Zunge nach vorn, zu dem

Mädchen hin, beugt sich über sie und küßt sie. Im selben Augenblick sprühen

aus dem Schlund Feuerflammen und Funken hervor, die über die beiden, ohne

sie im mindesten ängstlich zu machen, herabregnen. Der schlanke Mann hebt die

junge Dame in seinen Arm und trägt sie nach rückwärts, die große Zunge wirft

sich, indem sie sich hoch aufbäumt, über das Paar, um es im Rachen krachend

und hinabpolternd zu verschlingen. Der weiße Stern des Mädchens blitzt vorn

bei den Zähnen, da schießen mit einem Male blaue, grüne, gelbe, hochrote,

dunkelbläuliche und schimmernd weiße Sterne in einem feurig-farbigen

Sturzregenbogen aus der dunkeln Kehle hervor, Musik spielt dazu, und die

Sterne zerspringen immer in der Luft ins Nichts, endlich bewegen sich die

Lippen des großen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und warm

hörbare Wort:

Das Stück beginnt.

Vorhang.