Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 28 von 49

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Dinerabend

 

O, in Gesellschaft zu gehen, das ist gar nicht so ohne. Man zieht sich so

hübsch an, wie es einem die Verhältnisse, in denen man vegetiert, gestatten, und

begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener öffnet die gastliche Pforte. Gastliche

Pforte? Ein etwas feuilletonistischer Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil

kleiner Tagesware zu bewegen. Ich gebe mit so viel Manier, als ich kann, Hut

und Mantel ab, streiche mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch ein

wenig glätter, trete ein, stürze mich dicht vor die Herrin des Hauses, möchte ihr

die Hand gleich küssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnüge mich

damit, eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht,

vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung und übe

mich in den Tönen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am besten zu

passen scheinen. »Zum Essen, Kinder«, ruft die Hausfrau aus. Schon will ich

rennen, ich erinnere mich aber rasch, daß man so etwas nicht tun soll, und ich

zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen, stolzen, bescheidenen, gelassenen,

geduldigen, lächelnden, flüsternden und schicklichen Gangart. Es geht

vortrefflich. Entzückend sieht mir da wieder einmal die Tafel aus. Man setzt

sich, mit und ohne Dame. Ich prüfe das Arrangement und nenne es im stillen ein

schönes. Wäre noch schöner, wenn einer wie ich irgend was an der Dekoration

auszusetzen hätte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, indem ich jetzt

zugreife, zugable und messere und löffle und esse. Wunderbar schmecken einem

gesunden Menschen solch zartsinnig zubereitete Speisen, und das Besteck, wie

es glänzt, die Gläser, wie sie beinahe duften, die Blumen, wie sie freundlich

grüßen und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits eine ziemlich

ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber wunder, wo und wie

ich's hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum Mund führen, und

dazwischen parlieren zu können. Wie doch die Gesichter purpurn anlaufen, je

mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon könnte man satt sein,

wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in erster Linie aus

Schicklichkeitsgründen. Man hat weiter zu danken und weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Sünde an so reichbesetzten Tischen. Ich gieße immer

mehr flüssige und leuchtende Laune in die allezeit, wie es scheint, durstige

Kehle hinunter. Wie das anhumort. Jetzt schenkt der Diener auch noch aus

dicken Flaschen schäumende Begeisterung ein, in Gläser, breitgeformte, in

denen das holde Wasser wie in schönen Seebecken ruhen und glänzen kann. Und

nun prosten alle, Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich

geborner Nachahmer. Aber stützt sich denn nicht alles, was in der Gesellschaft

taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer sind in

der Regel glückliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz glücklich, schicklich

und unauffällig sein zu dürfen. Und jetzt erhebt sich der leichte Witz, die Zunge

wird lose, das lachende Wort will jedesmal an die sorglose, süße Ungezogenheit

streifen. Es lebe, es lebe! Wie dumm! Aber das Schöne und Reiche ist immer ein

ganz klein wenig dumm. Es gibt Menschen, die plötzlich lachen müssen beim

Küssen. Das Glück ist ein Kind, das »heute« wieder gottlob einmal nicht zur

Schule zu gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von

unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschüttet. Ich schütte

geradezu unedel hinunter. Aber die silbernen Flügel hübschen Anstandes

rauschen um mich und zwicken mich öfters mahnend an die Wangen.

Hinwiederum verpflichten die Weine und die Schönheit der Frauen zu leisen,

feinen Unverschämtheiten. Die Verzeihung dazu ist der Kirschkuchen, der jetzt

galant serviert wird. O, ich freue mich über das alles, ich Proletarier, was ich bin.

Mein Gesicht ist ein wahres, hochrotes Eßgesicht, aber essen Aristokraten etwa

nicht auch? Es ist dumm, allzufein sein zu wollen. Die Eß- und Trinklust hat

vielleicht einen ganz aparten feinen Ton des Umganges. Das Wohlbefinden

bewegt sich möglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so. Was? Auch

noch Käse? Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See voll Sekt? Und nun

steht man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch

die Räume. Welche Weltsicherheit. In reizenden kleinen Nischen setzt man sich

ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht ganz zu

verlernen, schritthüpft man zu den Likörtischen, um sich in Wolken von

Genüssen von neuem einzuhüllen. Der Herr des Hauses scheint fröhlich. Das

genügt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lässig und witzig redet

man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer zündet man sich neue

Zigarettenstangen an. Das Vergnügen, einen neuen Menschen kennen zu lernen,

tippt einen an die Stirne, kurz, es ist ein beständiges, gutes, dummes, behagliches

Lachen um einen herum. Nichts kann mehr aufregend sein. Gewöhnt an das

Schwelgen, bewegt man sich mit einer behäbigen Sicherheit und mit dem

Mindestmaß an Formen im Glanz und im Menschenkranz einher, daß man leise

und glücklich staunen muß, es im Leben so weit gebracht zu haben. Spät sagt man gute Nacht, und dem Diener drückt man mit Gewicht sein in mancherlei

Beziehung redlich verdientes Trinkgeld in die Hand.