Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 39 von 49

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Aufsätze

Lenz

 

Sesenheim. Stube

 

Friederike: Warum sind Sie traurig, lieber Herr Lenz? Machen Sie doch eine

muntere Miene. Sehen Sie: ich bin so fröhlich. Kann ich denn etwas dafür, daß

ich guter Laune bin? Nehmen Sie mir das übel? Nehmen Sie mir übel, daß ich

nicht trüb und mißgestimmt sein mag? Wie kommt mir nur heute die Welt so

schön vor. Ihnen nicht?

Lenz: Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muß hinaus. Schnell. Sie sind

glücklich, Sie sind göttlich. Um so elender bin ich. Wenn ich Sie so schön sehe,

muß ich Sie beim Kopf nehmen und küssen, und das wollen Sie nicht, das

werden Sie nie wollen, nie wünschen. Wir sind nicht für einander. Ich bin für

nichts auf der Welt.

Friederike: Warum nur gleich so den ganzen Mut sinken lassen. Sie können

mir recht weh tun. Sie könnten mir eine wahre Lust schenken, wenn Sie sich ein

wenig wohlbefinden wollten, aber das wollen Sie nicht.

Lenz: Ich kann nicht.

Friederike: Ja, gehen Sie. Gehen Sie hinaus. Lassen Sie mich. Es ist besser.

Lenz: Wissen Sie, wie ich Sie liebe? Wie ich Sie vergöttere?

Friederike: Das hätten Sie nicht nötig gehabt zu sagen. Hier kommt Goethe.

Weiß Gott, es nimmt mich, es reißt mich, wie ich diesen lieben Menschen sehe.

 

Friederikens Kammer. Dämmerung

 

Lenz: Leise, leise. Daß nur ja kein Mensch mich sieht. Wie bin ich

abscheulich. Aber es ist besser, abscheulich und häßlich sein als so trostlos. Mag

denn ein Elender auch seine Freude haben. Warum muß einem Menschen gar

nichts, gar nichts und einem andern alles, was es Schönes gibt, gegönnt sein?

Lieber verworfen sein als gar nichts sein. O Natur. Wie himmlisch bist du. Selbst

denen, die dich entstellen, wirfst du Wonnen und Seligkeiten vor die Seele. Hier

sind ihre Strümpfe. (Küßt sie.) Ich bin wahnsinnig. Wie ich zittre. So zittert der Verbrecher. Wie heilig mir diese Gegenstände sind. Wie's mir über den Kopf

kommt. Wenn jemand käme. Fort. Ich wäre auf immer zuschanden.

 

Straßburg. Auf dem Münster

 

Goethe: Wie herrlich dieser Blick ist. Studium und Genuß sind nie besser

verbunden als an einem solchen erhabenen Ort. Indem man Lust hat, immer

weiter mit dem Auge zu schweifen, wird die schöne weite Aussicht immer

lehrreicher. Dort der Fluß im breiten, wohlwollenden Land, wie er schimmert.

Wie eine Sage, wie eine alte, gute Wahrheit schlängelt er sich durch die

ausgedehnte Ebene. Dort hinten in der Ferne die Berge. Man kann alles auf

einmal sehen und sich doch nicht satt sehen. Unser Auge ist eine seltsame

Maschine. Es greift und läßt alles wieder fahren. Da unten in den alten, lieben

Gassen: wie sie treten, gehen und tagewerken, die traumhaft befangenen

Menschen. Man kann von hier oben herab so recht sehen, wie wohltätig und wie

rechtschaffen wir sind ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist

nicht Ordnung immer wieder das Schöne?

Lenz: In unsere deutsche Literatur muß der Sturm fahren, daß das alte,

morsche Haus in seinen Gebalken, Wänden und Gliedern zittert. Wenn die Kerls

doch einmal natürlich von der Leber weg reden wollten. Mein »Hofmeister« soll

sie in eine gelinde Angst jagen. Jagen, stürmen. Man muß klettern. Man muß

wagen. In der Natur ist es wie in Rauschen und Flüstern von Blut. Blut muß sie

in ihre aschgrauen, blassen, alten Backen bekommen, die schöne Literatur. Was:

schön. Schön ist nur das Wogende, das Frische. Ah, ich wollte Hämmer nehmen

und drauflos hämmern. Der Funke, Goethe, der Funke. Die »Soldaten«, bilde ich

mir ein, müssen so etwas wie ein Blitz werden, daß es zündet.

Goethe (schaut ihn an, lächelt).

 

Gasse. Es regnet

 

Lenz: Es wird mir hier alles barbarisch. Ich verkomme. Kein Fingerzeig. Die

Illusionen schwinden. Kein Traum mehr. Und wie tot, wie schwül ist alles. Muß

es denn gerade jetzt regnen? Wozu ist überhaupt der Regen? Der Regen ist dazu

da, daß es Regenschirme und nasse Straßen in der Welt gibt. Unter meinen

Augen ist es mir siedend heiß. Am liebsten möchte ich jetzt kriechen. Dieses

ewige Gehen. Was man sich doch für dumme Mühe macht ...

 

Weimar. Saal im Schloß

 

Die Herzogin: Also so sehen Sie aus? Treten Sie ungescheut näher. Wie man Sie willkommen heißt, dürfen Sie auch ein Zutrauen haben. Ihre dramatischen

Arbeiten sehen Ihnen ähnlich. Es ist etwas Schüchternes und etwas Wildes an

beiden. Legen Sie beides ein wenig ab, so werden Sie mehr Genuß an Ihrem

Dichterfeuer und an Ihnen selbst haben. Es freut mich aber wirklich sehr, daß Sie

Neigung gefunden haben, zu uns zu kommen, und hoffentlich wird es Ihnen bald

auch bei uns einigermaßen behagen. Das Leben will eine gewisse behagliche

Wärme und auch eine gewisse schickliche Breite haben. Doch ich tu' ja, als

wenn ich Ihnen einen Vortrag halten wollte. Das will ich und soll ich nicht; ich

soll mich nur sehr von Herzen freuen, daß Sie hier sind, und das tu' ich, glauben

Sie es mir. Haben Sie auch schon eine günstige Wohnung gefunden? Ja? Das ist

gut. Unser Weimar kann Ihnen sicher heimisch werden, es bietet mancherlei.

Nur müssen Sie es eben, wie es ist, auch zu nehmen und zu genießen wissen.

Sieht man Sie so, so glaubt man, Sie ein bischen schulmeistern zu dürfen.

Verübeln Sie, daß ich warm mit Ihnen rede? Nicht? Um so besser. Aber ich

schwatze, und der Herzog wartet auf mich.

Lenz (errötend; sehr unsicher, will etwas sagen).

Herzogin: Ach, nur keine sonderlichen Danksagungen. Sagen Sie sie mir ein

andres Mal. Oder lieber gar nicht. Ihr Gesicht gefällt mir. Das genügt. Es hat alle

Artigkeiten und Höflichkeiten schon längst ausgesprochen. Ich werde sorgen,

daß wir uns wiedersehen. (Ab.)

Lenz: Schweb' ich? Wo bin ich?

 

Terrasse. Ausblick in den Park

 

Lenz: Ich dichte, schaffe nichts. Dieses ewige Knixen und Schöntun. Dieser

Frost, diese nichtssagenden Förmlichkeiten. Bin ich noch ein Mensch? Warum

bin ich enttäuscht? Warum will ich mich nur gar nirgends in der Welt

anschmiegen? Da war's doch in Straßburg anders. War's denn etwa dort besser?

Ich weiß nicht. Kann ich nirgends Fuß fassen? Kann ich mich nirgends

behaupten? Ich fürchte mich. Ich bin grauenhaft.

 

Nacht. Zimmer der Hofdame Gräfin so und so

 

Gräfin: Was soll das heißen?

Lenz: Lassen, lassen Sie mich. Vergönnen Sie mir den Genuß, zu Ihren

Füßen liegen zu dürfen. Wie schön, wie trostreich für die verdurstende,

schrecklich gepeinigte Seele ist dieser Moment. O, klingeln Sie nicht, rufen Sie

nicht Ihre Leute. Bin ich denn ein Räuber, ein Einbrecher? Freilich bin ich

unangemeldet hergestürzt. Wo man liebt: soll man sich da erst noch lange um die hergebrachte Sitte kümmern müssen? Wie sind Sie schön, und wie bin ich

glücklich, und wie feurig, wie innig wünsche ich, nicht Ihr Mißfallen zu erregen.

Können Worte, die aus der Brust eines Menschen kommen, der Sie anbetet, Sie

beleidigen? Gewiß ist das ja möglich, gewiß, gewiß. Ich Sie beleidigen, ich Sie

auch nur mit einem Hauch beunruhigen? Wie wäre das möglich? Schauen,

schauen Sie mich nicht so hart an. Ihre Augen, die so schön sind, haben nicht

verdient, daß sie so kalt, so unfreundlich, so ungütig blicken müssen. Retten Sie

mich. Ich bin dem Verderben preisgegeben, wenn Sie kein Gefühl für mich

haben. Haben Sie kein Gefühl? Dürfen Sie keins haben? Bin ich denn jetzt

zerschmettert? Bin ich verloren mit allen meinen himmlisch-schönen Träumen?

Wissen Sie, wie süß, wie schön ich träumte? Doch ich weiß nicht mehr, was ich

sagen soll. Ich soll schweigen, ich soll jetzt wohl einsehen, daß ich die höchste

aller Unziemlichkeiten begangen habe, ich soll fühlen, daß alles kalt ist, und daß

alles zu Ende ist.

Gräfin: Ich bin sprachlos.

Lenz: Wie schön du bist. Dieser Busen, diese Arme, dieser Körper. Können

so viele Herrlichkeiten sich anders als sanft gebärden?

Gräfin: Entfernen Sie sich auf der Stelle. Soll ich Ihnen erst noch sagen, daß

Sie bewiesen haben, wie verzweifelt und wie unmöglich Sie sind. Sind Sie um

die gesunde Vernunft gekommen? Ich muß es glauben.

 

Arbeitskabinett des Herzogs

 

Goethe: Er ist ein Esel.

Herzog: Ein unglückliches Kind. Was er getan hat, wäre sonst unbegreiflich.

Man schaffe ihn auf eine sanfte Manier fort. Mein Hof kann dergleichen nicht

dulden.