Aufsätze
Lenz
Sesenheim. Stube
Friederike: Warum sind Sie traurig, lieber Herr Lenz? Machen Sie doch eine
muntere Miene. Sehen Sie: ich bin so fröhlich. Kann ich denn etwas dafür, daß
ich guter Laune bin? Nehmen Sie mir das übel? Nehmen Sie mir übel, daß ich
nicht trüb und mißgestimmt sein mag? Wie kommt mir nur heute die Welt so
schön vor. Ihnen nicht?
Lenz: Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muß hinaus. Schnell. Sie sind
glücklich, Sie sind göttlich. Um so elender bin ich. Wenn ich Sie so schön sehe,
muß ich Sie beim Kopf nehmen und küssen, und das wollen Sie nicht, das
werden Sie nie wollen, nie wünschen. Wir sind nicht für einander. Ich bin für
nichts auf der Welt.
Friederike: Warum nur gleich so den ganzen Mut sinken lassen. Sie können
mir recht weh tun. Sie könnten mir eine wahre Lust schenken, wenn Sie sich ein
wenig wohlbefinden wollten, aber das wollen Sie nicht.
Lenz: Ich kann nicht.
Friederike: Ja, gehen Sie. Gehen Sie hinaus. Lassen Sie mich. Es ist besser.
Lenz: Wissen Sie, wie ich Sie liebe? Wie ich Sie vergöttere?
Friederike: Das hätten Sie nicht nötig gehabt zu sagen. Hier kommt Goethe.
Weiß Gott, es nimmt mich, es reißt mich, wie ich diesen lieben Menschen sehe.
Friederikens Kammer. Dämmerung
Lenz: Leise, leise. Daß nur ja kein Mensch mich sieht. Wie bin ich
abscheulich. Aber es ist besser, abscheulich und häßlich sein als so trostlos. Mag
denn ein Elender auch seine Freude haben. Warum muß einem Menschen gar
nichts, gar nichts und einem andern alles, was es Schönes gibt, gegönnt sein?
Lieber verworfen sein als gar nichts sein. O Natur. Wie himmlisch bist du. Selbst
denen, die dich entstellen, wirfst du Wonnen und Seligkeiten vor die Seele. Hier
sind ihre Strümpfe. (Küßt sie.) Ich bin wahnsinnig. Wie ich zittre. So zittert der Verbrecher. Wie heilig mir diese Gegenstände sind. Wie's mir über den Kopf
kommt. Wenn jemand käme. Fort. Ich wäre auf immer zuschanden.
Straßburg. Auf dem Münster
Goethe: Wie herrlich dieser Blick ist. Studium und Genuß sind nie besser
verbunden als an einem solchen erhabenen Ort. Indem man Lust hat, immer
weiter mit dem Auge zu schweifen, wird die schöne weite Aussicht immer
lehrreicher. Dort der Fluß im breiten, wohlwollenden Land, wie er schimmert.
Wie eine Sage, wie eine alte, gute Wahrheit schlängelt er sich durch die
ausgedehnte Ebene. Dort hinten in der Ferne die Berge. Man kann alles auf
einmal sehen und sich doch nicht satt sehen. Unser Auge ist eine seltsame
Maschine. Es greift und läßt alles wieder fahren. Da unten in den alten, lieben
Gassen: wie sie treten, gehen und tagewerken, die traumhaft befangenen
Menschen. Man kann von hier oben herab so recht sehen, wie wohltätig und wie
rechtschaffen wir sind ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist
nicht Ordnung immer wieder das Schöne?
Lenz: In unsere deutsche Literatur muß der Sturm fahren, daß das alte,
morsche Haus in seinen Gebalken, Wänden und Gliedern zittert. Wenn die Kerls
doch einmal natürlich von der Leber weg reden wollten. Mein »Hofmeister« soll
sie in eine gelinde Angst jagen. Jagen, stürmen. Man muß klettern. Man muß
wagen. In der Natur ist es wie in Rauschen und Flüstern von Blut. Blut muß sie
in ihre aschgrauen, blassen, alten Backen bekommen, die schöne Literatur. Was:
schön. Schön ist nur das Wogende, das Frische. Ah, ich wollte Hämmer nehmen
und drauflos hämmern. Der Funke, Goethe, der Funke. Die »Soldaten«, bilde ich
mir ein, müssen so etwas wie ein Blitz werden, daß es zündet.
Goethe (schaut ihn an, lächelt).
Gasse. Es regnet
Lenz: Es wird mir hier alles barbarisch. Ich verkomme. Kein Fingerzeig. Die
Illusionen schwinden. Kein Traum mehr. Und wie tot, wie schwül ist alles. Muß
es denn gerade jetzt regnen? Wozu ist überhaupt der Regen? Der Regen ist dazu
da, daß es Regenschirme und nasse Straßen in der Welt gibt. Unter meinen
Augen ist es mir siedend heiß. Am liebsten möchte ich jetzt kriechen. Dieses
ewige Gehen. Was man sich doch für dumme Mühe macht ...
Weimar. Saal im Schloß
Die Herzogin: Also so sehen Sie aus? Treten Sie ungescheut näher. Wie man Sie willkommen heißt, dürfen Sie auch ein Zutrauen haben. Ihre dramatischen
Arbeiten sehen Ihnen ähnlich. Es ist etwas Schüchternes und etwas Wildes an
beiden. Legen Sie beides ein wenig ab, so werden Sie mehr Genuß an Ihrem
Dichterfeuer und an Ihnen selbst haben. Es freut mich aber wirklich sehr, daß Sie
Neigung gefunden haben, zu uns zu kommen, und hoffentlich wird es Ihnen bald
auch bei uns einigermaßen behagen. Das Leben will eine gewisse behagliche
Wärme und auch eine gewisse schickliche Breite haben. Doch ich tu' ja, als
wenn ich Ihnen einen Vortrag halten wollte. Das will ich und soll ich nicht; ich
soll mich nur sehr von Herzen freuen, daß Sie hier sind, und das tu' ich, glauben
Sie es mir. Haben Sie auch schon eine günstige Wohnung gefunden? Ja? Das ist
gut. Unser Weimar kann Ihnen sicher heimisch werden, es bietet mancherlei.
Nur müssen Sie es eben, wie es ist, auch zu nehmen und zu genießen wissen.
Sieht man Sie so, so glaubt man, Sie ein bischen schulmeistern zu dürfen.
Verübeln Sie, daß ich warm mit Ihnen rede? Nicht? Um so besser. Aber ich
schwatze, und der Herzog wartet auf mich.
Lenz (errötend; sehr unsicher, will etwas sagen).
Herzogin: Ach, nur keine sonderlichen Danksagungen. Sagen Sie sie mir ein
andres Mal. Oder lieber gar nicht. Ihr Gesicht gefällt mir. Das genügt. Es hat alle
Artigkeiten und Höflichkeiten schon längst ausgesprochen. Ich werde sorgen,
daß wir uns wiedersehen. (Ab.)
Lenz: Schweb' ich? Wo bin ich?
Terrasse. Ausblick in den Park
Lenz: Ich dichte, schaffe nichts. Dieses ewige Knixen und Schöntun. Dieser
Frost, diese nichtssagenden Förmlichkeiten. Bin ich noch ein Mensch? Warum
bin ich enttäuscht? Warum will ich mich nur gar nirgends in der Welt
anschmiegen? Da war's doch in Straßburg anders. War's denn etwa dort besser?
Ich weiß nicht. Kann ich nirgends Fuß fassen? Kann ich mich nirgends
behaupten? Ich fürchte mich. Ich bin grauenhaft.
Nacht. Zimmer der Hofdame Gräfin so und so
Gräfin: Was soll das heißen?
Lenz: Lassen, lassen Sie mich. Vergönnen Sie mir den Genuß, zu Ihren
Füßen liegen zu dürfen. Wie schön, wie trostreich für die verdurstende,
schrecklich gepeinigte Seele ist dieser Moment. O, klingeln Sie nicht, rufen Sie
nicht Ihre Leute. Bin ich denn ein Räuber, ein Einbrecher? Freilich bin ich
unangemeldet hergestürzt. Wo man liebt: soll man sich da erst noch lange um die hergebrachte Sitte kümmern müssen? Wie sind Sie schön, und wie bin ich
glücklich, und wie feurig, wie innig wünsche ich, nicht Ihr Mißfallen zu erregen.
Können Worte, die aus der Brust eines Menschen kommen, der Sie anbetet, Sie
beleidigen? Gewiß ist das ja möglich, gewiß, gewiß. Ich Sie beleidigen, ich Sie
auch nur mit einem Hauch beunruhigen? Wie wäre das möglich? Schauen,
schauen Sie mich nicht so hart an. Ihre Augen, die so schön sind, haben nicht
verdient, daß sie so kalt, so unfreundlich, so ungütig blicken müssen. Retten Sie
mich. Ich bin dem Verderben preisgegeben, wenn Sie kein Gefühl für mich
haben. Haben Sie kein Gefühl? Dürfen Sie keins haben? Bin ich denn jetzt
zerschmettert? Bin ich verloren mit allen meinen himmlisch-schönen Träumen?
Wissen Sie, wie süß, wie schön ich träumte? Doch ich weiß nicht mehr, was ich
sagen soll. Ich soll schweigen, ich soll jetzt wohl einsehen, daß ich die höchste
aller Unziemlichkeiten begangen habe, ich soll fühlen, daß alles kalt ist, und daß
alles zu Ende ist.
Gräfin: Ich bin sprachlos.
Lenz: Wie schön du bist. Dieser Busen, diese Arme, dieser Körper. Können
so viele Herrlichkeiten sich anders als sanft gebärden?
Gräfin: Entfernen Sie sich auf der Stelle. Soll ich Ihnen erst noch sagen, daß
Sie bewiesen haben, wie verzweifelt und wie unmöglich Sie sind. Sind Sie um
die gesunde Vernunft gekommen? Ich muß es glauben.
Arbeitskabinett des Herzogs
Goethe: Er ist ein Esel.
Herzog: Ein unglückliches Kind. Was er getan hat, wäre sonst unbegreiflich.
Man schaffe ihn auf eine sanfte Manier fort. Mein Hof kann dergleichen nicht
dulden.