Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 34 von 49

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Brentano

 

 

Er sah keine Zukunft mehr vor sich, und die Vergangenheit glich, wie sehr er

sich auch bemühte, sie erklärlich zu finden, etwas Unverständlichem. Die

Rechtfertigungen zerstoben, und das Gefühl der Wollust schien immer mehr zu

verschwinden. Reisen und Wanderungen, ehemals seine geheimnisvolle Freude,

waren ihm seltsam zuwider geworden; er fürchtete sich, einen Schritt zu tun, und

er erbebte wie vor etwas Ungeheuerlichem vor dem Wechsel des

Aufenthaltsortes. Er war weder ehrlich heimatlos noch auch redlich und

natürlich irgendwo in der Welt zu Hause. Er hätte so gern ein Orgelmann oder

ein Bettler oder ein Krüppel sein mögen, damit er Ursache hätte, um das Mitleid

und um das Almosen der Menschen zu flehen, aber noch inbrünstiger wünschte

er zu sterben. Er war nicht tot und doch tot, nicht bettelarm und doch solch ein

Bettler, aber er bettelte nicht, er trug sich auch jetzt noch elegant, machte auch

jetzt noch, ähnlich einer langweiligen Maschine, seine Verbeugungen und

machte Phrasen und entrüstete und entsetzte sich darüber. Wie qualvoll kam ihm

sein eigenes Leben vor, wie lügenhaft seine Seele, wie tot sein elender Körper,

wie fremd die Welt, wie leer die Bewegungen, Dinge und Geschehnisse, die ihn

umgaben. Er hätte sich in einen Abgrund hinunterstürzen mögen, er hätte einen

Glasberg hinanklimmen mögen, er hätte sich auf die Folter spannen lassen

mögen, und mit Wollust würde er sich als ein Ketzer haben mögen langsam

verbrennen lassen. Die Natur glich einer Gemäldeausstellung, durch deren

Räumlichkeiten er mit geschlossenen Augen wanderte, ohne sich gelockt zu

fühlen, die Augen zu öffnen, da er doch alles mit den Augen schon längst

durchschaut hatte. Es war ihm, als sähe er den Menschen durch die Körper

mitten durch die elendiglichen Eingeweide, es war ihm, als höre er sie denken

und wissen, als sähe er sie Irrtümer und Albernheiten begehen, als könne er es

einatmen, wie unzuverlässig, dumm, feig und treulos sie seien, und es war ihm

zu guter Letzt, als sei er selber das Unzuverlässigste, Lüsternste und Treuloseste,

was es gebe auf der Erde, und er hätte laut aufschreien, laut um Hilfe rufen, in

die Knie sinken und laut weinen, tage-, wochenlang schluchzen mögen. Dessen aber war er nicht fähig, er war leer, hart und frostig, und vor der Härte, die ihn

erfüllte, schauderte es ihn. Wo waren die Schmelzungen, die Bezauberungen, die

er empfand, wo die Liebe, die ihn beseligte, die Güte, die ihn durchglühte, das

endlose meergleiche Vertrauen, an das er glaubte, der Gott, der ihn

durchentzückte, das Leben, das er umarmte, die Wonnen und die

Verherrlichungen, die ihn umarmten, die Wälder, die er durchwandert, das Grün,

das sein Auge erfrischte, der Himmel, in dessen Anblick er sich verloren? Er

wußte es nicht, so wenig wie er noch wußte, was er sollte und wohinaus es mit

ihm mußte. O, seine Person. Abreißen von seinem Wesen, das noch immer gut

war, hätte er sie mögen. Die eine Hälfte des Selbst töten, damit die andere nicht

zugrunde gehe, damit der Mensch nicht zugrunde gehe, damit der Gott in ihm

nicht völlig sich verlöre. Es war ihm alles noch schön und doch zugleich so

furchtbar, noch so lieb und gut und doch so zerrissen, und nächtlich war alles,

und wüst und er selber war seine eigene Wüste. Oftmals, beim Anhören eines

Tones meinte er zurücksterben zu können in die vorigen heißen,

empfindungsvollen Sicherheiten, in die bewegliche reiche warme Stärke von

früher. Wie gespießt auf einen Eisberggipfel kam er sich vor, schrecklich,

schrecklich. – – –

Beim Gehen schwankte er wie ein Fiebernder oder wie ein Betrunkener, und

er hatte das Gefühl, als müßten die Häuser über ihn umstürzen. Die Gärten, so

gepflegt sie auch sein mochten, schienen ihm traurig und unordentlich

dazuliegen, er glaubte an keinen Stolz, an keine Ehre, an kein Vergnügen, an

keinen wahren, echten Jammer und an keine wahre, echte Freude mehr. Wie ein

Kartenhaus erschien ihm das bisher feste üppige Weltgebäude: nur ein Hauch,

ein Schritt, eine leichte Rührung oder Bewegung, und es bricht in dünne

papierne Platten zusammen. Wie dumm, und wie fürchterlich – –

In die Gesellschaft der Menschen wagte er nicht zu gehen, aus panikartiger

Furcht, man könnte merken, wie schlimm, wie trostlos es mit ihm stand; zu

Freunden zu gehen und sich auszusprechen: dieser bloße Gedanke peinigte ihn

aufs ärgste. Kleist war unzugänglich, ein elender grandioser Glücklicher, aus

dem kein Wort mehr herauszubringen war. Der glich einem Maulwurf, einem

Lebendigbegrabenen. Die andern waren ihm so schrecklich, so greulich

zuversichtlich, und die Frauen? Brentano lächelte. Es war ein Gemisch von

Kinderlächeln und Teufelslächeln. Und er machte eine abwehrende furchtsame

Handbewegung. Und dann seine vielen, vielen Erinnerungen, wie sie ihn töteten,

wie sie ihn marterten. Die Abende voller Melodien, die Morgen mit dem Blau

und Tau, die heißen, tollen, schwülen, wunderbaren Mittagsstunden, der Winter,

den er über alles liebte, der Herbst – – nur nicht denken. Es soll alles

auseinandergehen, wie gelbe Blätter. Nichts soll stehen, nichts soll einen Wert haben, nichts, nichts soll bleiben.

Ein Mädchen aus guten Kreisen, das ebenso klar-vernünftig wie schön

dachte, sagte ihm eines Tages folgendes: »Brentano, sagen Sie, fürchten Sie sich

denn nicht vor sich selber, so ohne einen höheren Wert und so ohne Inhalt Ihr

Leben dahinzuleben? Mußte es mit einem Menschen, den man lieben, ehren und

bewundern möchte, so weit kommen, daß man ihn beinahe verabscheuen

möchte? Kann ein Mensch, der so viel und so schön fühlt, zugleich so

gefühlsarm sein, kann es Sie denn wirklich immer, immer wieder hinreißen, sich

zu zerstreuen und Ihre Kräfte zu zersplittern? Fangen, fesseln Sie sich doch. Sie

sagen, daß Sie mich lieben? Und daß Sie durch mich glücklich und wahr und

aufrichtig würden? Ich aber, o des Grauens, Brentano, kann nicht glauben an das,

was Sie sagen. Sie sind ein Unmensch, Sie sind ein lieber Mensch, und doch ein

Unmensch, Sie sollten sich hassen, und ich weiß, daß Sie das tun, ich weiß, daß

Sie sich hassen. Sonst verschwendete ich kein so warmes Wort an Sie. Bitte,

verlassen Sie mich.«

Er geht und kommt wieder, er schüttet ihr sein Herz aus, er fühlt etwas

Wunderbares in ihrer Nähe in sich aufquellen, er spricht ihr immer wieder von

seiner Verlassenheit und von seiner Liebe, sie aber bleibt stark und starr und

erklärt ihm, daß sie seine Freundin sei, daß es aber dabei bleibe, und daß sie nie

seine Frau werden kann noch will noch darf und ersucht ihn, aufzuhören zu

hoffen, daß das je geschehen könne. Er verzweifelt, sie aber glaubt nicht an die

Tiefe und an die Wahrhaftigkeit seiner Verzweiflung. Sie bittet ihn eines Abends

in einer Gesellschaft von sehr vielen feinen und angesehenen Leuten, er möchte

ein paar seiner schönen Gedichte vortragen, er tut es und erntet großen Beifall.

Jedermann ist entzückt über den Wohllaut und über die überquellende

Lebendigkeit dieser Poesien.

Ein Jahr oder auch zwei Jahre vergehen. Er mag nicht mehr leben, und so

entschließt er sich denn, sich selber gleichsam das Leben, das ihm lästig ist, zu

nehmen, und er begibt sich dorthin, wo er weiß, daß sich eine tiefe Höhle

befindet. Freilich schaudert er davor zurück, hinunterzugehen, aber er besinnt

sich mit einer Art von Entzücken, daß er nichts mehr zu hoffen hat, und daß es

für ihn keinen Besitz und keine Sehnsucht, etwas zu besitzen, mehr gibt, und er

tritt durch das finstere große Tor und steigt Stufe um Stufe hinunter, immer

tiefer, ihm ist nach den ersten Schritten, als wandere er schon tagelang, und

kommt endlich unten, ganz zu unterst, in der stillen kühlen tiefverborgenen Gruft

an. Eine Lampe brennt hier, und Brentano klopft an eine Türe. Hier muß er

lange, lange warten, bis endlich, nach so langer, langer Zeit des Harrens und

Bangens, ihm der Bescheid und der grausige Befehl erteilt wird, einzutreten, und

er tritt mit einer Schüchternheit, die ihn an seine Kindheit erinnert, ein, und da steht er vor einem Mann, und dieser Mann, dessen Gesicht mit einer Maske

verhüllt ist, ersucht ihn schroff, ihm zu folgen. »Du willst ein Diener der

katholischen Kirche werden? Hier durch geht es.« So spricht die düstere Gestalt.

Und von da an weiß man nichts mehr von Brentano.