Aufsätze
Brentano
Er sah keine Zukunft mehr vor sich, und die Vergangenheit glich, wie sehr er
sich auch bemühte, sie erklärlich zu finden, etwas Unverständlichem. Die
Rechtfertigungen zerstoben, und das Gefühl der Wollust schien immer mehr zu
verschwinden. Reisen und Wanderungen, ehemals seine geheimnisvolle Freude,
waren ihm seltsam zuwider geworden; er fürchtete sich, einen Schritt zu tun, und
er erbebte wie vor etwas Ungeheuerlichem vor dem Wechsel des
Aufenthaltsortes. Er war weder ehrlich heimatlos noch auch redlich und
natürlich irgendwo in der Welt zu Hause. Er hätte so gern ein Orgelmann oder
ein Bettler oder ein Krüppel sein mögen, damit er Ursache hätte, um das Mitleid
und um das Almosen der Menschen zu flehen, aber noch inbrünstiger wünschte
er zu sterben. Er war nicht tot und doch tot, nicht bettelarm und doch solch ein
Bettler, aber er bettelte nicht, er trug sich auch jetzt noch elegant, machte auch
jetzt noch, ähnlich einer langweiligen Maschine, seine Verbeugungen und
machte Phrasen und entrüstete und entsetzte sich darüber. Wie qualvoll kam ihm
sein eigenes Leben vor, wie lügenhaft seine Seele, wie tot sein elender Körper,
wie fremd die Welt, wie leer die Bewegungen, Dinge und Geschehnisse, die ihn
umgaben. Er hätte sich in einen Abgrund hinunterstürzen mögen, er hätte einen
Glasberg hinanklimmen mögen, er hätte sich auf die Folter spannen lassen
mögen, und mit Wollust würde er sich als ein Ketzer haben mögen langsam
verbrennen lassen. Die Natur glich einer Gemäldeausstellung, durch deren
Räumlichkeiten er mit geschlossenen Augen wanderte, ohne sich gelockt zu
fühlen, die Augen zu öffnen, da er doch alles mit den Augen schon längst
durchschaut hatte. Es war ihm, als sähe er den Menschen durch die Körper
mitten durch die elendiglichen Eingeweide, es war ihm, als höre er sie denken
und wissen, als sähe er sie Irrtümer und Albernheiten begehen, als könne er es
einatmen, wie unzuverlässig, dumm, feig und treulos sie seien, und es war ihm
zu guter Letzt, als sei er selber das Unzuverlässigste, Lüsternste und Treuloseste,
was es gebe auf der Erde, und er hätte laut aufschreien, laut um Hilfe rufen, in
die Knie sinken und laut weinen, tage-, wochenlang schluchzen mögen. Dessen aber war er nicht fähig, er war leer, hart und frostig, und vor der Härte, die ihn
erfüllte, schauderte es ihn. Wo waren die Schmelzungen, die Bezauberungen, die
er empfand, wo die Liebe, die ihn beseligte, die Güte, die ihn durchglühte, das
endlose meergleiche Vertrauen, an das er glaubte, der Gott, der ihn
durchentzückte, das Leben, das er umarmte, die Wonnen und die
Verherrlichungen, die ihn umarmten, die Wälder, die er durchwandert, das Grün,
das sein Auge erfrischte, der Himmel, in dessen Anblick er sich verloren? Er
wußte es nicht, so wenig wie er noch wußte, was er sollte und wohinaus es mit
ihm mußte. O, seine Person. Abreißen von seinem Wesen, das noch immer gut
war, hätte er sie mögen. Die eine Hälfte des Selbst töten, damit die andere nicht
zugrunde gehe, damit der Mensch nicht zugrunde gehe, damit der Gott in ihm
nicht völlig sich verlöre. Es war ihm alles noch schön und doch zugleich so
furchtbar, noch so lieb und gut und doch so zerrissen, und nächtlich war alles,
und wüst und er selber war seine eigene Wüste. Oftmals, beim Anhören eines
Tones meinte er zurücksterben zu können in die vorigen heißen,
empfindungsvollen Sicherheiten, in die bewegliche reiche warme Stärke von
früher. Wie gespießt auf einen Eisberggipfel kam er sich vor, schrecklich,
schrecklich. – – –
Beim Gehen schwankte er wie ein Fiebernder oder wie ein Betrunkener, und
er hatte das Gefühl, als müßten die Häuser über ihn umstürzen. Die Gärten, so
gepflegt sie auch sein mochten, schienen ihm traurig und unordentlich
dazuliegen, er glaubte an keinen Stolz, an keine Ehre, an kein Vergnügen, an
keinen wahren, echten Jammer und an keine wahre, echte Freude mehr. Wie ein
Kartenhaus erschien ihm das bisher feste üppige Weltgebäude: nur ein Hauch,
ein Schritt, eine leichte Rührung oder Bewegung, und es bricht in dünne
papierne Platten zusammen. Wie dumm, und wie fürchterlich – –
In die Gesellschaft der Menschen wagte er nicht zu gehen, aus panikartiger
Furcht, man könnte merken, wie schlimm, wie trostlos es mit ihm stand; zu
Freunden zu gehen und sich auszusprechen: dieser bloße Gedanke peinigte ihn
aufs ärgste. Kleist war unzugänglich, ein elender grandioser Glücklicher, aus
dem kein Wort mehr herauszubringen war. Der glich einem Maulwurf, einem
Lebendigbegrabenen. Die andern waren ihm so schrecklich, so greulich
zuversichtlich, und die Frauen? Brentano lächelte. Es war ein Gemisch von
Kinderlächeln und Teufelslächeln. Und er machte eine abwehrende furchtsame
Handbewegung. Und dann seine vielen, vielen Erinnerungen, wie sie ihn töteten,
wie sie ihn marterten. Die Abende voller Melodien, die Morgen mit dem Blau
und Tau, die heißen, tollen, schwülen, wunderbaren Mittagsstunden, der Winter,
den er über alles liebte, der Herbst – – nur nicht denken. Es soll alles
auseinandergehen, wie gelbe Blätter. Nichts soll stehen, nichts soll einen Wert haben, nichts, nichts soll bleiben.
Ein Mädchen aus guten Kreisen, das ebenso klar-vernünftig wie schön
dachte, sagte ihm eines Tages folgendes: »Brentano, sagen Sie, fürchten Sie sich
denn nicht vor sich selber, so ohne einen höheren Wert und so ohne Inhalt Ihr
Leben dahinzuleben? Mußte es mit einem Menschen, den man lieben, ehren und
bewundern möchte, so weit kommen, daß man ihn beinahe verabscheuen
möchte? Kann ein Mensch, der so viel und so schön fühlt, zugleich so
gefühlsarm sein, kann es Sie denn wirklich immer, immer wieder hinreißen, sich
zu zerstreuen und Ihre Kräfte zu zersplittern? Fangen, fesseln Sie sich doch. Sie
sagen, daß Sie mich lieben? Und daß Sie durch mich glücklich und wahr und
aufrichtig würden? Ich aber, o des Grauens, Brentano, kann nicht glauben an das,
was Sie sagen. Sie sind ein Unmensch, Sie sind ein lieber Mensch, und doch ein
Unmensch, Sie sollten sich hassen, und ich weiß, daß Sie das tun, ich weiß, daß
Sie sich hassen. Sonst verschwendete ich kein so warmes Wort an Sie. Bitte,
verlassen Sie mich.«
Er geht und kommt wieder, er schüttet ihr sein Herz aus, er fühlt etwas
Wunderbares in ihrer Nähe in sich aufquellen, er spricht ihr immer wieder von
seiner Verlassenheit und von seiner Liebe, sie aber bleibt stark und starr und
erklärt ihm, daß sie seine Freundin sei, daß es aber dabei bleibe, und daß sie nie
seine Frau werden kann noch will noch darf und ersucht ihn, aufzuhören zu
hoffen, daß das je geschehen könne. Er verzweifelt, sie aber glaubt nicht an die
Tiefe und an die Wahrhaftigkeit seiner Verzweiflung. Sie bittet ihn eines Abends
in einer Gesellschaft von sehr vielen feinen und angesehenen Leuten, er möchte
ein paar seiner schönen Gedichte vortragen, er tut es und erntet großen Beifall.
Jedermann ist entzückt über den Wohllaut und über die überquellende
Lebendigkeit dieser Poesien.
Ein Jahr oder auch zwei Jahre vergehen. Er mag nicht mehr leben, und so
entschließt er sich denn, sich selber gleichsam das Leben, das ihm lästig ist, zu
nehmen, und er begibt sich dorthin, wo er weiß, daß sich eine tiefe Höhle
befindet. Freilich schaudert er davor zurück, hinunterzugehen, aber er besinnt
sich mit einer Art von Entzücken, daß er nichts mehr zu hoffen hat, und daß es
für ihn keinen Besitz und keine Sehnsucht, etwas zu besitzen, mehr gibt, und er
tritt durch das finstere große Tor und steigt Stufe um Stufe hinunter, immer
tiefer, ihm ist nach den ersten Schritten, als wandere er schon tagelang, und
kommt endlich unten, ganz zu unterst, in der stillen kühlen tiefverborgenen Gruft
an. Eine Lampe brennt hier, und Brentano klopft an eine Türe. Hier muß er
lange, lange warten, bis endlich, nach so langer, langer Zeit des Harrens und
Bangens, ihm der Bescheid und der grausige Befehl erteilt wird, einzutreten, und
er tritt mit einer Schüchternheit, die ihn an seine Kindheit erinnert, ein, und da steht er vor einem Mann, und dieser Mann, dessen Gesicht mit einer Maske
verhüllt ist, ersucht ihn schroff, ihm zu folgen. »Du willst ein Diener der
katholischen Kirche werden? Hier durch geht es.« So spricht die düstere Gestalt.
Und von da an weiß man nichts mehr von Brentano.