Aufsätze
Wanda
Als ganz junger Mensch schon, zu der Zeit, da ich Volksbanklehrling war,
fühlte ich mich auf das entschiedenste als Dramatiker geboren. Was für einen
wackern Schaffensdrang und -mut ich entwickelte, mag daraus hervorgehen, daß
ich oben in einer staubigen Dachstube an einem Stehpult stand, das meinem
ältern Bruder, der Student war und der ebenfalls in großen Linien drauflos
dramatisierte, von einer Verehrerin und Gönnerin zum Geschenk gemacht
worden war. Mein Bruder wälzte sich an einem historischen Stoff herum, der
den Titel trug: »Der Bürgermeister von Zürich«. Ich aber, indem ich mich in das
Polentum verliebte, hatte mich in den polnischen Freiheitskampf geworfen, und
der Gegenstand meiner leidenschaftlichen dichterischen Bestrebungen hieß:
»Wanda, die Polenfürstin«. O Gott, wie schwelgte ich am Genuß dieses
hochherzigen Heldenkindes. Andrerseits aber träumten wir beide, mein
produktiver Bruder und ich, der ich mir nicht minder produktiv erschien, von
rauschendem Applaus, von Lorbeerkränzen und von mehr-, ja, vielleicht
hundertfach wiederholten Aufführungen, hervorgerufen durch allseitiges
stürmisches Verlangen, unsre bezaubernden Werke immer von neuem wieder zu
sehen. Es war im Sommer, und in der Dichterdachkammer herrschte eine
versengende, brütende Hitze, und den beiden jungen hoffnungsvollen
Theatralikern lief der Schweiß von den erfinderischen und schöngeistigen
Stirnen herunter. Meine Polen schienen das Leben, das doch so amüsant sein
kann, nicht sonderlich hochzuschätzen, sondern sie warfen es, erfüllt, wie sie
waren, von glühender Vaterlandsliebe, weg, als tauge es keinen Pfifferling, oder
als tauge es nur angesichts des Todes etwas. Ich erschrecke heute, wo aus mir ein
Genüßling und Lüstling geworden ist, der die Teller leckt und den üppigen
Frauen bereitwilligst den Hof macht, über den vormaligen dramatischen
Heldenmut, womit ich umging, als sei ich nicht meiner lieben Mutter, sondern
einer Löwin Sohn, bestimmt für die Schlacht und für den grausigen
Kanonendonner. »Wanda« ist indessen nie als Buch erschienen, und
ebensowenig habe ich erfahren, daß dieses herrliche Stück je seine Aufführung erlebte.