Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 21 von 49

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Wanda

 

Als ganz junger Mensch schon, zu der Zeit, da ich Volksbanklehrling war,

fühlte ich mich auf das entschiedenste als Dramatiker geboren. Was für einen

wackern Schaffensdrang und -mut ich entwickelte, mag daraus hervorgehen, daß

ich oben in einer staubigen Dachstube an einem Stehpult stand, das meinem

ältern Bruder, der Student war und der ebenfalls in großen Linien drauflos

dramatisierte, von einer Verehrerin und Gönnerin zum Geschenk gemacht

worden war. Mein Bruder wälzte sich an einem historischen Stoff herum, der

den Titel trug: »Der Bürgermeister von Zürich«. Ich aber, indem ich mich in das

Polentum verliebte, hatte mich in den polnischen Freiheitskampf geworfen, und

der Gegenstand meiner leidenschaftlichen dichterischen Bestrebungen hieß:

»Wanda, die Polenfürstin«. O Gott, wie schwelgte ich am Genuß dieses

hochherzigen Heldenkindes. Andrerseits aber träumten wir beide, mein

produktiver Bruder und ich, der ich mir nicht minder produktiv erschien, von

rauschendem Applaus, von Lorbeerkränzen und von mehr-, ja, vielleicht

hundertfach wiederholten Aufführungen, hervorgerufen durch allseitiges

stürmisches Verlangen, unsre bezaubernden Werke immer von neuem wieder zu

sehen. Es war im Sommer, und in der Dichterdachkammer herrschte eine

versengende, brütende Hitze, und den beiden jungen hoffnungsvollen

Theatralikern lief der Schweiß von den erfinderischen und schöngeistigen

Stirnen herunter. Meine Polen schienen das Leben, das doch so amüsant sein

kann, nicht sonderlich hochzuschätzen, sondern sie warfen es, erfüllt, wie sie

waren, von glühender Vaterlandsliebe, weg, als tauge es keinen Pfifferling, oder

als tauge es nur angesichts des Todes etwas. Ich erschrecke heute, wo aus mir ein

Genüßling und Lüstling geworden ist, der die Teller leckt und den üppigen

Frauen bereitwilligst den Hof macht, über den vormaligen dramatischen

Heldenmut, womit ich umging, als sei ich nicht meiner lieben Mutter, sondern

einer Löwin Sohn, bestimmt für die Schlacht und für den grausigen

Kanonendonner. »Wanda« ist indessen nie als Buch erschienen, und

ebensowenig habe ich erfahren, daß dieses herrliche Stück je seine Aufführung erlebte.