Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 26 von 49

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Aschinger

 

Ein Helles bitte! Der Biereingießer kennt mich schon seit geraumer Zeit. Ich

schaue das gefüllte Glas einen Moment an, nehme es mit zwei Fingern an

seinem Henkel und trage es nachlässig zu einem der runden Tische, die mit

Gabeln, Messern, Brötchen, Essig und Öl versehen sind. Ich stelle das nässende

Glas ordnungsgemäß auf den Filzuntersatz und überlege, ob ich mir etwas zu

essen holen soll, oder nicht. Der Eßgedanke treibt mich zu dem blauweiß

gestreiften Schnittwaren-Fräulein. Von dieser Dame lasse ich mir eine Auswahl

Belegtes auf einem Teller verabreichen, derart bereichert trabe ich ordentlich

träge an meinen Platz zurück. Ich gebrauche weder Gabel noch Messer, nur das

Senflöffelchen, mit dem ich meine Schnitten braun anstreiche, worauf ich

dieselben gemütvoll in den Mund hineinschiebe, daß es die Seelenruhe selber ist,

die mir jetzt unter Umständen zuschauen darf. Bitte, noch ein Helles. Bei

Aschinger gewöhnt man sich rasch einen Eß- und Trink-Vertraulichkeitston an,

man spricht dort nach einiger Zeit fast nur noch wie Waßmann im deutschen

Theater. Mit dem zweiten oder dritten Glas Hellem in der Faust treibt's einen

dann gewöhnlich an, allerlei Beobachtungen zu machen. Man will gern recht

exakt notiert haben, wie die Berliner essen. Sie stehen dabei, aber sie nehmen

sich ganz nett Zeit dazu. Es ist ein Märchen, zu glauben, in Berlin haste, zische

oder trabe man nur. Man versteht hier geradezu drollig, Zeit dahinfließen zu

lassen, man ist eben auch Mensch. Es ist eine innige Freude, zu sehen, wie hier

nach Wurstbrötchen und italienischen Salaten geangelt wird. Die Gelder werden

meistens aus Westentaschen hervorgezogen, es handelt sich ja doch beinahe

regelmäßig nur um einen Groschen. Jetzt habe ich mir eine Zigarette gedreht und

nehme am Selbstbrenner, der unter grünem Glas steckt, Feuer. Wie gut ich dieses

Glas kenne und die Messingkette zum Anziehen. Immer wimmelt es ein und aus

von eßlustigen und satten Menschen. Die Unbefriedigten finden rasch an der

Bierquelle und am warmen Wurstturm Befriedigung, und die Satten springen

wieder an die Geschäftsluft hinaus, gewöhnlich eine Mappe unter dem Arm,

einen Brief in der Tasche, einen Auftrag im Gehirn, einen festen Plan im Schädel, eine Uhr in der offenen Hand, die sagt, daß es jetzt Zeit ist. Im runden

Turm in der Mitte des Gemaches thront eine junge Königin, es ist die

Beherrscherin der Würste und des Kartoffelsalates, sie langweilt sich ein wenig

in ihrer köcherlichen Umgebung. Eine feine Dame tritt ein und spießt ein

Kaviarbrötchen an zwei Fingern auf, sofort mache ich mich ihr bemerkbar, aber

so, als ob mir das Bemerktwerden Wurst wäre. Ich habe inzwischen Zeit

gefunden, mich an einem neuen Hellen festzuhalten. Die feine Frau geniert sich

ein bischen, in die Kaviarherrlichkeit hineinzubeißen, ich bilde mir natürlich

sogleich ein, das sei ich und kein anderer, wegen dem sie ihrer Zubeißesinne

nicht so ganz völlig mächtig wäre. Man täuscht sich so leicht und so gern.

Draußen auf dem Platz ist ein Lärm, den man eigentlich gar nicht hört, ein

Durcheinander von Wagen, Menschen, Autos, Zeitungsverkäufern, Elektrischen,

Handwagen und Fahrrädern, das man eigentlich auch gar nicht mal sieht. Es ist

beinahe unpassend, zu denken, man wolle das hören und sehen, man ist doch

kein Zugereister. Die elegant-geschweifte Taille, die soeben noch Brot

geknuspert hat, verläßt jetzt Aschinger. Wie lange habe eigentlich denn ich im

Sinn, dazubleiben? Die Bierburschen haben momentan ein wenig Ruhe, aber

nicht lange, denn es wälzt sich wieder von draußen herein und wirft sich durstig

an die sprudelnde Quelle. Menschen, die essen, betrachten andere, die ebenfalls

mit den Zähnen arbeiten. Wenn einer den Mund gerade voll hat, so sehen zu

gleicher Zeit seine Augen einen, der mit Hereinschieben betätigt ist, an. Und die

Leute lachen nicht einmal, auch ich nicht. Seit ich in Berlin bin, habe ich mir

abgewöhnt, das Menschheitliche lächerlich zu finden. Übrigens lasse ich mir in

diesem Augenblick selber ein neues Eßzauberstück geben, es ist dies ein

Brotbrett mit einer schlafenden Sardine darauf, sie liegt auf einem Butterlaken,

dies gewährt einen so reizenden Anblick, daß ich das ganze Schauspiel beinahe

auf einen Ruck in den offenen Drehbühnen-Rachen hinunterwerfe. Ist so etwas

lächerlich? Keineswegs. Nun also. Was an mir nicht lächerlich ist, kann es an

den andern noch weniger sein, denn man hat die Pflicht, andere unter allen

Umständen höher zu achten, als sich selber, eine Weltanschauung, die zu dem

Ernst, mit dem ich jetzt an den ruckweisen Untergang meines

Sardinennachtlagers denke, prächtig paßt. Einige von den Menschen, die mich

umgeben, unterhalten sich essend. Die Gewichtigkeit, mit der sie solches tun, ist

ansprechend. Wenn man schon dabei ist, etwas zu unternehmen, unternehme

man es würdig und sachlich. Würde und Selbstbewußtsein wirken behaglich, auf

mich wenigstens, und deshalb stehe ich so gern in irgendeinem von unsern

Aschingerhäusern, wo die Menschen zu gleicher Zeit trinken, essen, reden und

denken. Wie viele Geschäfte sind hier schon ersonnen worden. Und das

Schönste ist: man kann stundenlang am Fleck stehen, das verletzt niemanden, das findet kein einziger von all denen, die kommen und gehen, auffällig. Wer

hier an der Bescheidenheit Geschmack findet, der kann auskommen, er kann

leben, es hindert ihn niemand. Wer keine gar so besondere Herzlichkeit

beansprucht, der darf ein Herz haben, man erlaubt ihm das.