Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 47 von 49

PDF-Seiten

Aufsätze

Der fremde Geselle

 

Das sind große Unterlassungssünden. Ich bin ein bedeutender Schurke gegen

mich selber. An mir sehe ich, wie die Menschen durch Trägheit sündigen. Ich

warte immer auf etwas, das mir entgegenzutreten habe. Wie nun, wenn alle

Menschen das tun; wenn jeder so wartet auf das, was da kommen soll? Es

kommt nie etwas. Es kommt demnach für niemand das betreffende Etwas. Was

einer so erwartet und erwartet, kommt nie. Was also alle erwarten, erscheint

allen nie. Hier ist die große Sünde. Anstatt daß ich gehe und jemand

entgegengehe, warte ich, bis jemand mir gefällig entgegentritt, das ist die rechte

Trägheit, der rechte ungerechtfertigte Stolz. Gestern abend schaute ein

sonderbarer wildfremder Geselle, der irgend etwas zu suchen schien, zu mir

hinauf. Ich stand am offenen Fenster. Ich schaute ihn an, der zu mir

hinaufschaute, so, als sei er eines kleinen Zeichens gewärtig. Ich hätte nur zu

nicken brauchen mit dem Kopf, und eine seltsame, ungewöhnliche

Menschenverbindung wäre vielleicht schon angebahnt gewesen. Vielleicht auch

nicht. Wer vermag es zu wissen. Etwas Ungewisses vermag man nicht zu wissen,

aber gleichviel. Ich hätte der dunklen, ungewissen, vom zauberischen Abendlicht

umflossenen Menschengestalt ein Zeichen geben sollen. Es sah aus, als sei der

fremde Mensch einsam, arm und einsam. Doch sah es zur selben Zeit aus, als

wisse er viel und vermöge manches, das wert sei, vernommen zu werden, zu

erzählen, als sei alles das, was er zu sagen habe, angetan, zu Herzen genommen

zu werden. Und warum bin ich ihm nun gar nicht entgegengekommen? Ich

begreife mein Benehmen kaum; auf solche Art und Weise kommen sich

Menschen in die Nähe und gehen, ohne Spuren zu hinterlassen, wieder

voneinander weg. Das ist nicht gut. Das ist eigentlich recht schlecht. Es ist eine

rechte Sünde. Nun will ich natürlich eine Ausrede suchen und mir vorsagen, daß

an dem Fremdling möglicherweise nichts gelegen sei. Möglicherweise? Da bin

ich schon gefangen; denn ich gebe ja zu, daß, auf der andern Seite, d. h. bei

anderem Licht besehen, irgend etwas ist an ihm. Ich bin demnach also

keineswegs zu entschuldigen. Kalt habe ich den Gesellen, der mir vielleicht ein Freund hätte werden, und dem auch ich ein Freund hätte werden können,

abziehen lassen. Seltsam, seltsam. Ich bin erstaunt, nein, ich bin mehr als

erstaunt, ich bin ergriffen, und Trauer schleicht sich mir in das Herz.

Ich komme mir ganz unverantwortlich vor, und ich könnte sagen, daß ich

unglücklich sei. Doch ich liebe die Worte Glück und Unglück nicht; sie sagen

nicht das Rechte. Ich habe bereits dem unbekannten Menschen, der zu mir

hinaufgeschaut hat, einen Namen gegeben. Ich nenne ihn, wenn ich an ihn

denke, Tobold. Mir ist dieser Name zwischen Schlafen und Wachen eingefallen.

Wo ist er jetzt, und an was denkt er? Ob es mir wohl möglich sein wird, seine

Gedanken zu denken, zu erraten, was er denkt, und das gleiche, wie er, zu

denken? Meine Gedanken sind bei ihm, der mich suchte. Offenbar hat er mich

gesucht, und ich habe ihn nicht eingeladen, zu mir zu kommen, und er ist dann

wieder gegangen. An der Ecke des Hauses hat er sich nochmals umgedreht, dann

verschwand er. Ist er nun für immer verschwunden?