Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 22 von 49

PDF-Seiten

Aufsätze

Fanny

 

Meine bescheidene Wenigkeit war im elterlichen Hause, als kleiner Junge,

der noch unglaublich grün und noch ziemlich naß hinter den Ohren war, der

bevorzugte Inszeneur, Theaterspieler, Dramaturg, Regisseur und

Geschichtenmacher meiner jüngern Schwester, der ich eine Zeitlang immer

Geschichten, nicht etwa nur erzählen, nein, machen mußte, wessen ich mich

heute glücklicherweise noch deutlich erinnere, da ich sonst diesen interessanten

Aufsatz ja gar nicht schreiben könnte. Fanny, so, meine ich, hieß die entsetzliche

kindliche Tyrannin, die gebieterisch von mir verlangte, ich solle ein

dichterisches Genie sein, um sie mit Vorgängen zu erbauen und mit Geschichten

zu unterhalten, wobei sie mir stets, und das war das Schreckliche, drohte, zu

Mama zu gehen und mich als Bösewicht zu verklagen, wenn ich mich von Zeit

zu Zeit eines so ermüdenden und geistig so aufreibenden Geschäftes, wie das

edle Dramatisieren ist, ein wenig entziehen wollte. Stundenlang dauerte das

Theater; und die Geschichten, die ich machte und in Szene setzte, wollten schon,

aber durften nicht enden, da sonst mein gestrenges Publikum, das heißt: meine

liebe Schwester, indem sie eine mir nur zu wohlbekannte zürnende Miene

aufsetzte, sogleich sagte: »Du scheinst heute keine besondere Lust zu haben, mir

eine Geschichte zu machen, an welcher ich mich ergötzen könnte. Ich rate dir,

habe nur Lust, sonst geh ich zu Mama und sage ihr, daß du mich immer ärgerst,

und dann bekommst du Prügel, das weißt du. Nimm nur deine Phantasie mit

aller Kraft zusammen und gib mir stets nur das Beste von deinem Können. Ich

weiß, daß du kannst, wenn du willst, und ich will keinerlei Entschuldigungen

anhören, wie die, daß dir der Geist erlahme. Umsonst sind alle deine

Bemühungen, die du machst, um dich deiner Aufgabe, einer Aufgabe, zu deren

Lösung du verpflichtet bist, zu entziehen. Du mußt, du mußt spielen. Sonst

werde ich erbärmlich zu weinen anfangen, was Mama haßt, und was das für

unausbleibliche peinliche Folgen für dich hat, das kann dir dein

Geschichtenmacherkopf erzählen, den schon so mancher Schlag von Mamas

Hand getroffen hat.« So oder ähnlich redete eine schauderhafte Unterdrückerin zum erbarmungswürdigen, armseligen Gedrückten, Gepreßten, Verkauften und

Unterdrückten. Machte ich meine Sache gut und war Schwesterchen zufrieden

mit der Kunst, die ich ausübte, so belohnte ein reizendes, gnädiges, wenngleich

etwas höhnisches Lächeln den Angstschweiß, mit dem ich gekämpft hatte. Wenn

ich aber der Tyrannin trotzte und mich den schwesterlichen Befehlen nicht fügen

wollte, so kam es heran, das Ungeheure, und ich erhielt Hiebe auf meinen

phantasielosen Schädel, eine Maßregel, die ich natürlicherweise im höchsten

Grade verabscheute. Und da mir Mamas Zorn stets mindestens ebenso weh tat

wie die Ohrfeige, die sie mir versetzte, so suchte ich im allgemeinen meines

geehrten Publikums Gunst zu erwerben und Mißfallen zu vermeiden, und bald

kam ja dann die Zeit, wo die lästige Geschichtenmacherei und dramatische

Kunst überhaupt aufhörte.