Aufsätze
Ovation
Stelle dir, lieber Leser, vor, wie schön, wie zauberhaft das ist, wenn eine
Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin durch ihr Können und durch die
Wirkung desselben ein ganzes Theaterpublikum zu stürmischem Jubel hinreißt,
daß alle Hände in Bewegung gesetzt werden und der schönste Beifall durch das
Haus braust. Stelle dir vor, daß du selber mit hingerissen seiest, der
Glanzleistung deine Huldigung darzubringen. Von der umdunkelten,
dichtbevölkerten Galerie herab hallen, Hagelschauern ähnlich,
Beifallskundgebungen herab, und gleich dem rieselnden Regen regnet es
Blumen über die Köpfe der Leute auf die Bühne, von denen einige von der
Künstlerin aufgehoben und, glücklich lächelnd, an die Lippen gedrückt werden.
Die beglückte, vom Beifall wie von einer Wolke in die Höhe gehobene
Künstlerin wirft dem Publikum, als wenn es ein kleines, liebes, artiges Kind sei,
Kußhand und Dankesgeste zu, und das große und doch kleine Kind freut sich
über diese süße Gebärde, wie eben nur immer Kinder wieder sich freuen können.
Das Rauschen bricht bald in Toben aus, welches sich wieder ein wenig zur Ruhe
legt, um gleich darauf von neuem wieder auszubrechen. Stelle dir die goldene,
wenn nicht diamantene Jubelstimmung vor, die wie ein sichtbarer göttlicher
Nebelhauch den Raum erfüllt. Kränze werden geworfen, Buketts; und ein
schwärmerischer Baron ist vielleicht da, der ganz dicht am Rand der Bühne
steht, den Schwärmerkopf bei der Künstlerin kleinen, kostbaren Füßen. Nun, und
dieser adlige Begeisterungsfähige legt vielleicht dem umschwärmten und
umjubelten Kinde eine Tausendmarknote unter das bestrickende Füßchen. »Du
Einfaltspinsel, der du bist, behalte du doch deine Reichtümer.« Mit solchem
Wort bückt sich das Mädchen, nimmt die Banknote und wirft sie verächtlich
lächelnd dem Geber wieder zurück, den die Scham beinahe erdrückt. Stelle dir
das und andres recht lebhaft vor, unter anderm die Klänge des Orchesters, lieber
Leser, und du wirst gestehen müssen, daß eine Ovation etwas Herrliches ist. Die
Wangen glühen, die Augen leuchten, die Herzen zittern, und die Seelen fliegen
in süßer Freiheit, als Duft, im Zuschauerraum umher, und immer wieder muß der Vorhangmann fleißig den Vorhang hinaufziehen und herunterfallen lassen, und
immer wieder muß sie hervortreten, die Frau, die es verstanden hat, das ganze
Haus im Sturm für sich zu gewinnen. Endlich tritt Stille ein, und das Stück kann
zu Ende gespielt werden.