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Robert Walser · Kapitel 24 von 49

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Ovation

 

Stelle dir, lieber Leser, vor, wie schön, wie zauberhaft das ist, wenn eine

Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin durch ihr Können und durch die

Wirkung desselben ein ganzes Theaterpublikum zu stürmischem Jubel hinreißt,

daß alle Hände in Bewegung gesetzt werden und der schönste Beifall durch das

Haus braust. Stelle dir vor, daß du selber mit hingerissen seiest, der

Glanzleistung deine Huldigung darzubringen. Von der umdunkelten,

dichtbevölkerten Galerie herab hallen, Hagelschauern ähnlich,

Beifallskundgebungen herab, und gleich dem rieselnden Regen regnet es

Blumen über die Köpfe der Leute auf die Bühne, von denen einige von der

Künstlerin aufgehoben und, glücklich lächelnd, an die Lippen gedrückt werden.

Die beglückte, vom Beifall wie von einer Wolke in die Höhe gehobene

Künstlerin wirft dem Publikum, als wenn es ein kleines, liebes, artiges Kind sei,

Kußhand und Dankesgeste zu, und das große und doch kleine Kind freut sich

über diese süße Gebärde, wie eben nur immer Kinder wieder sich freuen können.

Das Rauschen bricht bald in Toben aus, welches sich wieder ein wenig zur Ruhe

legt, um gleich darauf von neuem wieder auszubrechen. Stelle dir die goldene,

wenn nicht diamantene Jubelstimmung vor, die wie ein sichtbarer göttlicher

Nebelhauch den Raum erfüllt. Kränze werden geworfen, Buketts; und ein

schwärmerischer Baron ist vielleicht da, der ganz dicht am Rand der Bühne

steht, den Schwärmerkopf bei der Künstlerin kleinen, kostbaren Füßen. Nun, und

dieser adlige Begeisterungsfähige legt vielleicht dem umschwärmten und

umjubelten Kinde eine Tausendmarknote unter das bestrickende Füßchen. »Du

Einfaltspinsel, der du bist, behalte du doch deine Reichtümer.« Mit solchem

Wort bückt sich das Mädchen, nimmt die Banknote und wirft sie verächtlich

lächelnd dem Geber wieder zurück, den die Scham beinahe erdrückt. Stelle dir

das und andres recht lebhaft vor, unter anderm die Klänge des Orchesters, lieber

Leser, und du wirst gestehen müssen, daß eine Ovation etwas Herrliches ist. Die

Wangen glühen, die Augen leuchten, die Herzen zittern, und die Seelen fliegen

in süßer Freiheit, als Duft, im Zuschauerraum umher, und immer wieder muß der Vorhangmann fleißig den Vorhang hinaufziehen und herunterfallen lassen, und

immer wieder muß sie hervortreten, die Frau, die es verstanden hat, das ganze

Haus im Sturm für sich zu gewinnen. Endlich tritt Stille ein, und das Stück kann

zu Ende gespielt werden.