Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 35 von 49

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Aufsätze

Aus Stendhal

 

Stendhal erzählt in seinem schönen Buch von der Liebe eine ebenso einfache

wie schauervolle und tragische Geschichte, die von einer Gräfin und von einem

jungen Pagen handelt, die sich lieben, weil sie ein süßes Gefallen aneinander

finden. Der Graf ist eine finstere, schrecknisversprechende Figur. Die

Liebesgeschichte spielt in Südfrankreich. Ich stelle mir Südfrankreich reich an

mittelalterlichen Burgen, Kastellen und Schlössern vor, und die Luft träumt und

lispelt dort von holder, heimlicher, schwermütiger Liebe. Es ist ziemlich lange

her, daß ich die Geschichte gelesen habe, die in einem sonderbaren altmodischen

naiven Französisch geschrieben ist, welches rauh und lieblich zugleich klingt.

Auch die Sitten müssen damals rauh und dennoch schön gewesen sein. Da sehen

sie sich also an, die Frau und der Edelknabe, und so gewöhnen sich ihre Augen

aneinander. Sie lächeln, wenn sich ihre Blicke begegnen, und doch kennen beide

wohl die grausame barbarische Gefahr, in die sie sich begeben, wenn sie

glücklich sind im gegenseitigen Wohlgefallen. Der junge Mann singt so schön,

da bittet sie ihn, etwas zu singen, und er tut es, er greift zum Instrument, das er

mit Grazie zu handhaben weiß, und singt ein Liebeslied dazu, und sie lauscht

ihm, sie lauscht seinen Tönen. Ihr Gatte ist ein Liebhaber der Jagd und der

wilden Raufereien. Händel und Krieg interessieren ihn mehr als die Lippen der

Frau, die der milden wonnigen Mainacht an Schönheit gleicht. So begegnen sich

denn eines Tages, zu gegebener Stunde, die Lippen des jungen Edelknechtes und

der schönen Frau, und das Ergebnis dieser reizenden Begegnung ist ein langer,

heißer, wilder, süßer, herrlicher Kuß, an dessen Wonne die beiden zu sterben

wünschen. Das Gesicht der Gräfin ist mit einer heiligen, entsetzlichen Blässe

bedeckt, und in ihren großen dunklen Augen flammt und lodert ein verzehrendes

Feuer, das mit dem Himmel und mit der Hölle verwandt ist. Doch sie lächelt ein

seliges, überglückliches Lächeln, das einer duftenden, träumerischen Blüte

gleicht. Zu bedenken ist, daß diese Frau, indem sie am Kusse hängt, zum Tode

entschlossen ist, da der Graf, ihr Gemahl, ein schrecklicher Mann ist, von dem

sie weiß, daß er tötet, wenn er in Zorn gerät. Auf wie hohe Art liebt sie, wenn sie liebt, wo sie weiß, daß die Liebe ihr das Leben kostet, wenn es auskommt, was

nicht auskommen soll, was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des

Geliebten hängt an einem Haar, wo er sich dem Vergnügen des Kusses hingibt,

woraus notwendig folgt, daß es ein Vergnügen hoher Art ist, das er kostet. Der

Liebende und die Liebende sind beide gleich kühn, gleich entschlossen zum

Äußersten, aber sie genießen dafür auch das Höchste. Sie erleben den Gipfel des

Lebens, da sie spielen mit ihrem Leben, und nur so ist es möglich, den Gipfel zu

erreichen. Wo das Leben nie in Gefahr ist, gibt es nie eine Beseligung eben

dieses Lebens.