Aufsätze
Aus Stendhal
Stendhal erzählt in seinem schönen Buch von der Liebe eine ebenso einfache
wie schauervolle und tragische Geschichte, die von einer Gräfin und von einem
jungen Pagen handelt, die sich lieben, weil sie ein süßes Gefallen aneinander
finden. Der Graf ist eine finstere, schrecknisversprechende Figur. Die
Liebesgeschichte spielt in Südfrankreich. Ich stelle mir Südfrankreich reich an
mittelalterlichen Burgen, Kastellen und Schlössern vor, und die Luft träumt und
lispelt dort von holder, heimlicher, schwermütiger Liebe. Es ist ziemlich lange
her, daß ich die Geschichte gelesen habe, die in einem sonderbaren altmodischen
naiven Französisch geschrieben ist, welches rauh und lieblich zugleich klingt.
Auch die Sitten müssen damals rauh und dennoch schön gewesen sein. Da sehen
sie sich also an, die Frau und der Edelknabe, und so gewöhnen sich ihre Augen
aneinander. Sie lächeln, wenn sich ihre Blicke begegnen, und doch kennen beide
wohl die grausame barbarische Gefahr, in die sie sich begeben, wenn sie
glücklich sind im gegenseitigen Wohlgefallen. Der junge Mann singt so schön,
da bittet sie ihn, etwas zu singen, und er tut es, er greift zum Instrument, das er
mit Grazie zu handhaben weiß, und singt ein Liebeslied dazu, und sie lauscht
ihm, sie lauscht seinen Tönen. Ihr Gatte ist ein Liebhaber der Jagd und der
wilden Raufereien. Händel und Krieg interessieren ihn mehr als die Lippen der
Frau, die der milden wonnigen Mainacht an Schönheit gleicht. So begegnen sich
denn eines Tages, zu gegebener Stunde, die Lippen des jungen Edelknechtes und
der schönen Frau, und das Ergebnis dieser reizenden Begegnung ist ein langer,
heißer, wilder, süßer, herrlicher Kuß, an dessen Wonne die beiden zu sterben
wünschen. Das Gesicht der Gräfin ist mit einer heiligen, entsetzlichen Blässe
bedeckt, und in ihren großen dunklen Augen flammt und lodert ein verzehrendes
Feuer, das mit dem Himmel und mit der Hölle verwandt ist. Doch sie lächelt ein
seliges, überglückliches Lächeln, das einer duftenden, träumerischen Blüte
gleicht. Zu bedenken ist, daß diese Frau, indem sie am Kusse hängt, zum Tode
entschlossen ist, da der Graf, ihr Gemahl, ein schrecklicher Mann ist, von dem
sie weiß, daß er tötet, wenn er in Zorn gerät. Auf wie hohe Art liebt sie, wenn sie liebt, wo sie weiß, daß die Liebe ihr das Leben kostet, wenn es auskommt, was
nicht auskommen soll, was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des
Geliebten hängt an einem Haar, wo er sich dem Vergnügen des Kusses hingibt,
woraus notwendig folgt, daß es ein Vergnügen hoher Art ist, das er kostet. Der
Liebende und die Liebende sind beide gleich kühn, gleich entschlossen zum
Äußersten, aber sie genießen dafür auch das Höchste. Sie erleben den Gipfel des
Lebens, da sie spielen mit ihrem Leben, und nur so ist es möglich, den Gipfel zu
erreichen. Wo das Leben nie in Gefahr ist, gibt es nie eine Beseligung eben
dieses Lebens.