Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 14 von 49

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Gebirgshallen

 

Kennen Sie die Gebirgshallen unter den Linden? Vielleicht probieren Sie

einmal einen Gang dorthin. Der Eintritt kostet nur dreißig Pfennige. Wenn Sie

die Kassiererin auch Brot oder Wurst essen sehen, so müssen Sie nicht

degoutiert umkehren, sondern sogleich bedenken, daß es Abendbrot ist, welches

da verzehrt wird. Die Natur fordert überall ihre Rechte. Wo Natur ist, da ist

Bedeutung. Und nun werden Sie eintreten, ins Gebirge. Und da wird Ihnen eine

große Figur, eine Art Rübezahl, begegnen, es ist der Wirt des Lokals, und Sie

werden gut tun, ihm durch Hutlüften zu salutieren. Er sieht das gern, und er wird

Ihnen artig für Ihre Höflichkeit danken, dadurch, daß er sich halb vom Stuhl, auf

dem er sitzt, hochhebt. In der Seele geschmeichelt, treten Sie näher an den

Gletscher heran, es ist dies die Bühne, eine geologische, geographische und

architektonische Merkwürdigkeit. Sowie Sie sich gesetzt haben, bekommen Sie

Trinkofferten von einer vielleicht leidlich hübschen Kellnerin. Man muß vorlieb

nehmen mit dem, was da ist. Es strotzt auch an Kammerspielabenden vielleicht

nicht einmal von fraulichen Finessen. Geben Sie acht, daß sich nicht allzu viele

geschlagen und geworfen volle Apfelweingläser um Ihre Zahlperson herum

gruppieren. Die Mädchen machen sich zu gern an solche Herren ran, die Mitleid

mit ihnen haben. Mitleid ist unschicklich bei Kunstgenüssen. Haben Sie jetzt auf

diese Tänzerin acht gegeben? Kleist hat auch jahrelang auf Anerkennung lauern

müssen. Klatschen Sie nur tapfer in die Hände, auch wenn es Ihnen beinahe

mißfallen hat. Wo haben Sie Ihren Bergstock? Zu Hause gelassen? Das nächste

Mal müssen Sie wohl oder übel sportmäßig ausgerüstet im Gebirge erscheinen,

für alle Fälle. Besser ist besser. Was trippelt da für eine reizende Sennhütten-

Prinzessin auf Sie zu? Das ist die Kleine. Die will ein geschmettert Volles für

fünfzig Pfennig von Ihnen. Werden Sie diesen Lippen, diesen Augen, dieser

süßen, dummen Bitte widerstehen können? Sie wären zu beklagen, wenn Sie das

könnten. Nun öffnet sich Ihnen wieder der Bühnen-Gletscherspalt, und eine

dänische Liedersängerin wirft Sie mit Tönen und Anmutsschneeflocken an. Sie

nehmen gerade einen Schluck von Ihrer kuhwarmen Gebirgsmilch. Der Wirt macht die aufpassende Rausschmeißrunde durch das Lokal. Er sorgt für den

Anstand und für das gute Betragen. Gehen Sie doch mal hin, ich kann Ihnen

sagen, na! Vielleicht treffen Sie dort auch mich wieder einmal an. Ich aber werde

Sie gar nicht kennen, ich pflege dort, von Zaubereien gebannt, stillzusitzen. Ich

lösche dort meine Dürste, Melodien wiegen mich ein, ich träume.