Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 9 von 49

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Vier Späße

 

1.

 

Bei Wertheim, zu oberst, dort, wo man Kaffee trinkt, ist gegenwärtig etwas

Köstliches zu sehen, nämlich der dramatische Dichter Seltmann. Er hockt auf

einem kleinen Rohrstuhl auf erhöhtem Gestell, allen Blicken eine leichte

Zielscheibe, hämmert und nagelt und klopft in einem fort und schustert, wie es

denen vorkommt, die ihn betrachten, Blankverse. Das kleine, viereckige Gestell

ist mit dunkelgrünen Tannenzweigen geschmackvoll bekränzt. Der Dichter ist

anständig angezogen worden, Frack, Lackschuh und weiße Binde, das alles ist

da, und keiner wird sich zu genieren haben, dem Mann seine Aufmerksamkeit zu

schenken. Das Wunderbare aber ist der rostgelbe, herrliche Haarsturz, der sich

von Seltmanns Kopf, über die Schulter weg, mächtig bis an den Fußboden

niederwölbt. Er gleicht der Mähne eines Löwen. Wer ist Seltmann? Wird er uns

von der Schmach befreien, unser Theater etlichen Salpeterfabriken ausgeliefert

zu wissen? Wird er das nationale Schauspiel schreiben? Wird er uns eines Tages

als der Kerl erscheinen, nach dem wir uns jetzt alle wieder mal so blutwürstig

sehnen? Jedenfalls aber muß man der Leitung des Warenhauses Wertheim für die

Ausstellung Seltmanns Dank wissen.

 

2.

 

Wie dem Theater allmählich die besten und gediegensten Kräfte

dahinschwinden, geht zu unserm großen Leidwesen aus einer Zuschrift hervor,

die Frau Gertrud Eysoldt an uns adressiert hat. Sie teilt uns mit, daß sie an der

Kantstraße, Ecke Joachimsthaler Straße, nächstens einen Korsettladen eröffnen

werde, um sich allda gänzlich als Geschäftsfrau zu etablieren. Welch sonderbarer

Entschluß, und wie schade! Auch Schauspieler Kayßler will wegmachen, und zwar, wie wir hören, aus der Empfindung heraus, daß es sich in die Zeitläufe