Aufsätze
Germer
Ein Lebensposten ist gar nicht so ohne. Ganz gewiß nicht. Jedermann sieht
gern ein, daß mit einer Weltposition hundert kleine Schönheiten,
Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten verbunden sein können, so zum
Beispiel die reizende, ruhige Mitgliedschaft zum literarischen Lesezirkel. Wer
eine Existenz hat, darf sich gemütliche Bockbierabende erlauben. Das
regelmäßige Einkommen sitzt abends im Konzert oder im Theater. Der gute
Monatslohn macht mit Schwung und Selbstbewußtsein Maskenbälle mit. Und
doch hängt an der Lebenspostenexistenz manches, was nicht fein ist, unter
anderem die Unterminierung der körperlichen und geistigen Gesundheit. Hier sei
schüchtern an das menschliche Nervensystem erinnert.
Germer, langjähriger Inhaber eines schwierigen Wechselportfeuillepostens,
kann den Atem und die leibliche Bildung seiner Herren Kollegen nicht mehr
ertragen. Wer gesund und robust ist, der macht gern Witze, die Meier vom
Landgut und Stadthaus zum Beispiel. Diese beiden sind Witzbolde ersten
Ranges. Germer ist ungeduldig. Wer ungeduldig ist, haßt das gemütliche
Bockwurstwitzwesen. Außerdem hat ihn die Langjährigkeit seines Postens krank
im Geist gemacht. Er macht zwar noch immer sein Pflichtchen, freilich, aber mit
permanenter Zusammenraffung seiner letzten Geniekräfte. Ja, ja, so ein
Weltposten.
Fast täglich gibt es in der hochberühmten Bankkomptabilität, so gegen halb
zwei Uhr mittags, gratis Volksschauspiele. Zugelassen werden natürlich nur die
Herren Angestellten und Maschinenrechner, aber das ist schon ein ganz artiges
Theaterpublikum. Vollzählig sind sie da, die Senn, die Glauser, die Tanner, die
Helbling, die Schürch, die Meier von da und dort, die Binz und die Wunderli.
Sitz- und Stehplätze werden nonchalant, den Zigarrenstumpen im Mund,
eingenommen. Duft und Stimmung, Wesen und Privatabsicht, Spezielles und
Allgemeingültiges, und draußen scheint die Sonne. »Herr Germer!« sagt einer.
Dieser eine geht langsam zu Germer hin und stellt sich dicht neben ihm auf.
»Lassen Sie mich! Weg!« sagt Germer, indem er mit der gräßlich flachen Hand wegwischt. Alles schmettert und schnattert vor Lachen. Ja, ja, so eine duftvolle
Mittagspause.
Was gesund, rotwangig und robust ist, das muß etwas zum Spielen,
Unterhalten und Peinigen haben. Schon die lieben Kinder gehen da mit einem
selten guten Beispiel voran. Wie köstlich macht sich das, und solch ein tönendes
Lachen, wie ist das göttlich! Das heilige Lachen! Die Götter im Olymp sind auch
Angestellte. Auch sie langweilen sich wahrscheinlich zuzeiten ziemlich stark,
und auch sie begrüßen daher Gratisvolksschauspiele und -auftritte mit dankbar
schallendem Vergnügen. Sicher ist die gepriesene Götterwohnung auch nur eine
Art Komptabilität, gerade wie die unsere, und die Götter und Göttinnen
schreiben und rechnen und korrespondieren vielleicht auch an solchen schmalen
Pultreihen, angeschmiedet, gerade wie wir's hier so furchtbar deutlich schauen,
an öden Lebensposten.
Jedes Ding auf dieser Erde hat seine trivialen zwei Seiten, eine schattige
düstere und eine fidele helle. Wem das saure tägliche Brot nur so auf den
Monatssalärtisch fällt, der muß sich verpflichtet fühlen, nach und nach zur
kontraktlich regelmäßigen Maschine zu werden. Im Ernst: dies ist erste und
letzte Aufgabe. Germer ist eine schlechte Maschine, er beherrscht seine
Empfindungen nicht, er tobt, er brüllt, er pfeift, er wischt ab, er knirscht mit den
Zähnen, er macht großzügige Arm- und Handbewegungen, er schreitet einher
wie ein König der Bretter, die die Welt bedeuten sollen, er ist krank. Es gibt ja
Krankheiten, die zu Lebensstellungen noch ganz gut passen. Germers Krankheit
aber ist der scheinbar persönliche und überzeugte Feind seines kräftefordernden
Postens. Schickt sich das? Wer einen Posten besetzt, der muß alles
Unpostengemäße wegwischen. Unser Mann aber wischt mit der Hand seinen
Posten weg. Das ist dumm, weil es unmöglich ist. Niemand kann Existenzen
abwischen. Germer sagt immer: »Weg! Lassen Sie mich in Ruhe!« Ja, ja, so eine
defekte Maschine.
Ein Herr Kollege soll auch kollegialisch empfinden. Das Prinzip der
Kollegialität ist ein herrisches und ein nur zu tief begründetes. Das ist so
gewesen und wird sicher so bleiben. Ein hungernder Vagabund hat nicht nötig,
Rücksicht zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer aber hat jeden Tag
sein Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Spazieren und Stumpenrauchen, diese
wie vom Himmel auf seine Person heruntergefallenen Tischlein-deck-dich-
Sachen kommen von der weltgebietenden Kollegenschaft. Darf er das
hintansetzen? Darf er dem Herrn Buchhalter Binz die Zunge ausstrecken, darf er
»Affen!« zu den Korrespondenten sagen? Ganz gewiß nicht, und doch tut er's,
aber nicht er tut's eigentlich, seine Krankheit begeht diese Sünden, also ist
Germers Krankheit ein Feind des mächtigen Kollegengedankens. Meier vom Land, der weiß, wie schön es auf dem Land ist, hat schon mehrmals der Idee
Ausdruck verliehen, daß Germer aufs Land gehöre. Diese Idee wird von Kollege
Helbling, zur Abwechslung scheinbar, wieder einmal, von Mann zu Mann im
ganzen Bureau herumgetragen: »Es wäre bald besser, man täte den Germer aufs
Land.« Chef Hasler, der stets Umsichtige, macht der Verbreitung guter Literatur
in die breiten Volksschichten ein rasches, stirnrunzelndes Ende: »Es ist mir
lieber, Sie arbeiten, Helbling.«
Die Landidee ist aber nicht mehr auszurotten. Binz, der Buchhalter im Profil,
gibt ihr weiteren Ausdruck: »Da hätte er's doch verflucht gut. Die Landluft
könnte ihn am Ende wieder völlig gesund machen. Hier wird er von Tag zu Tag
dümmer. Es ist bald eine Schande, so einen Menschen überhaupt nur anzusehen.
Es ekelt einen ja bald einmal. Auf dem Land würde er Sonnenschein und eine
leichte Beschäftigung haben. Den halben Tag könnte er unter einem Baume im
Gras liegen und ›Weg von mir!‹ sagen. Die Mücken und Fliegen würden es ihm
beim Eid nicht übelnehmen. Man geniert sich bald. Und mit dem Helbling müßte
man eigentlich auch bald endlich einmal kurzen Prozeß machen. Wenn ich Chef
wäre, ich würde hier herum allweg bald besser Ordnung machen.« Wenn ich
Chef wäre! Herr Binz im Quadrat möchte gern Chef der gesamten Abteilung
sein. Seiner Nase nach steht es schlimm mit der Zucht und Würde in den
Buchhaltungsräumlichkeiten. An seine dicken täglichen Folianten gedrückt,
träumt er von eisernen Reformen und von sich als von dem gestrengen
Vollstrecker derselben. Ja, ja, die Untergebenen.
Es wird auch nicht schlecht über die vermutlichen und vermeintlichen
Ursachen von Germers geistiger Verwilderung hin und her gesprochen. Der
Posten ist schuld. Der Posten ist zu aufreibend. Längst gehörte Germer vom
Posten weg. Jeder andere würde an solch einem Posten ebenfalls verrückt. Und
dann wird geflüstert, Rüegg sei schuld, Herr Rüegg, der Unterchef. Dieser habe
den Germer mit kalter Berechnung in den Wahnsinn gehetzt. Kein anderer als
Rüegg trägt Schuld. Das sei ein Schikaneur von der durchtriebensten Sorte.
Neben diesem Satan zu arbeiten, das sei eine Qual. Erstens das teuflische
Portefeuille, zweitens Rüegg, der figürliche Teufel. Der Germer sei zu bedauern.
Warum sich das Kalb habe abhetzen lassen? Jedenfalls müsse er vom Posten
weg. Helbling unternimmt es bereitwilligst, im ganzen Bureau herum die Qualen
des Germerschen Postens zu schildern, er malt mit den absichtlich schwärzesten
und zeitraubendsten Malmitteln. Er schildert wieder einmal Zeit tot. Aber Chef
Hasler, kunstfeindlich wie immer, zerstört das Wandgemälde.
»Herr Germer, Sie müssen exakter arbeiten,« sagt Rüegg, der Chef des
Portefeuilles, ein älteres, stilles, bebrilltes, schmächtiges, monotones, graues,
bebartetes, bleiches Herrchen mit schmachtender, bohrender Stimme. »Herr Rüegg, lassen Sie mich in Frieden. Verstanden! Weg!« sagt Germer. Nun sind
das ja keineswegs Untergebenenworte, noch viel weniger Tägliche-Brots-Worte,
und noch weniger Worte eines Menschen, der fürchten muß, vom Posten
weggewischt zu werden. Aber was kann man dafür, wenn es in Gottes Namen
aus einem heraussprudelt. O wie Rüegg Germer haßt, aber noch schrecklicher ist
es, wie Germer Rüegg haßt, und am fürchterlichsten ist es, wie beide einander in
den Tod sich hassen. Und doch müssen sie zusammen arbeiten, eng
verschlungen wie die geschmeidig sein sollenden Bestandteile einer
schnurrenden Maschine. Des einen Tätigkeit ist futsch ohne die bereitwillige
Tätigkeit des andern. Macht einer Fehler, so müssen drei drunter leiden, und
Germer macht immer Fehler, aber er glaubt steif und fest, er arbeite nur deshalb
schlecht, weil Rüeggs Bosheit ihn kaput macht. Rüegg dagegen ist ein feiner,
geschmackvoller Mensch, er beteiligt sich nie an den »Volksschauspielen«, er
behandelt Germer als einen völlig Normalen, und das gerade reizt den Kranken:
»Weg!« Sagt Hebel A zu Hebel B solche Worte? Ja, ja, so ein Bestandteil.
Und jahrelang haben die beiden Hebel A und B zusammen das Rad der
Arbeit mühsam geschwungen. Unter: »Sie müssen besser arbeiten!« und:
»Gehen Sie mir weg!« Unter heimlich fressendem Ärger. Rüegg hat den Germer
immer unter der Brille schräg hinauf angeschaut. Vielleicht haben diese Blicke
das Ungestüm in Germers Wesen heraufbeschworen. Wer kann einer Seele
sagen, woran sie erkrankt. Überlassen wir die zeitgemäße Beantwortung dieser
Frage unsern Herren der Wissenschaft. Die haben's Patent drauf. Wenn so eine
fleißige, emsige Stille im Saal herrscht, pfeift einer plötzlich, und wer ist es?
Germer. Auch laut lachen kann er plötzlich. Und immer wischt er mit der
schrecklich großen und flachen Hand etwas aus der Luft weg. Armer Germer.
Ja, ja, das Leben ist hart, Helbling weiß auch ein Lied davon zu singen. Man
sagt, die eintönigen Lieder seien die rührendsten. Germer ist verheiratet, er hat
Frau und zwei Kinder, Mädchen, die jetzt anfangen zur Schule zu gehen. Alle
sechs bis acht Wochen besucht Frau Germer den Direktor der Bank, um diesen
hochachtbaren Mann weinend zu bitten, er möge das Nötige tun und
veranlassen, daß man ihren Mann möglichst schone und in Ruhe lasse. Es ist der
Kollegenschaft bedeutet worden, die Veranstaltung von Extravorstellungen zu
unterlassen. »Besser wäre, man täte ihn aufs Land,« meint Meier vom Land.