Aufsätze
Allerlei
Das Sittsame fördert; das Rücksichtvolle scheint es zu etwas zu bringen. Der,
der die Zeit niemals mit irgend etwas Ablenkendem verlieren will, trocknet und
rostet ein. Es scheint, daß es unklug und bösartig ist, immer energisch zu sein.
Mangel an Zuversicht gebärdet sich gern konstant energisch. Nun ist ja das alles
so wunderbar. Fallen und seinen Posten verlieren, heißt oft: einen neuen unter
die Füße bekommen. Triumphieren ist oft nichts anderes als Versinken in den
Wellen der Anmaßung; und doch triumphiert man so gern. Immer und immer
gesetzt, gerecht und gefaßt sein, ist hart und streift ans Unmenschliche, während
doch menschlich sein unser unabänderliches Los ist. Schön und vortrefflich ist
nur das Menschliche. Gewisse Tugenden sind ein Laster oder die Blüte eines
solchen. Das Laster scheint eine Höhle voll Unrat und Unverständnis zu sein,
aber aus dem Laster hervortreten, mit Reue in der Seele, ist schöner als niemals
sündigen. Sind denn nicht vielfach die Fehler der Anlaß zu den Entzückungen
und Rührungen? Wie willkommen ist dem alten Vater der verlorene Sohn; wie
herrlich, wie herrlich ist es, Gnade und Erbarmen zu finden. Die Tugend beißt
sich in die Lippen und kehrt dem liebevollen Schauspiel schamhaft und boshaft
den Rücken, schauervoll fühlend, wie häßlich es ist, nie fehlzugehen. Das
Sittsame, das Kämpfe duldet und übersteht, ist das Wundervolle. Der wirkliche
Weltmann, zum Beispiel, ist sittsam; er ist fromm und duldet.
Die Wortkargheit kann in eine Schwäche ausarten; genau wie das Gegenteil.
Das Schweigen beherrscht uns oft, wie uns die Sucht, alles auszuplaudern,
beherrschen kann. Man soll nicht schweigen, wo es uns schicklich scheint, den
Mund aufzutun; nur müssen wir freilich ungefähr wissen, was schicklich ist: und
das weiß der Seelenvolle. Kann man nicht auch durch das Schweigen
verleumden? Jedenfalls sehr unangenehm kann man sein. Man soll stets ein
wenig lügen, das, was man nicht sagen darf, so sagen können, daß es wie eine einfache Unterhaltung klingt. Das Gehörte dem, den es angeht, genau so
wiedersagen, wie es uns gesagt wurde, ist taktlos und muß verletzen. Aus
Rücksicht ein wenig die Wahrheit entstellen, heißt sie vertiefen und verfeinern.
Die Liebe versteht zu lügen, die Liebe versteht zu reden, die Liebe allein
versteht, auf schöne Art zu schweigen. Übrigens sind das alles Schwankungen.
Es kommt da auf die Fälle an und auf die Personen. Zu gewissen Menschen steht
man so, daß ich und der andere es fühlen, wie unmöglich es ist, daß wir einander
verkennen oder mißverstehen können. Beleidigungen, zum Beispiel, liegen nie
im Ausdruck, sondern immer in den besonderen Umständen. Plötzlich habe ich
irgendwen tief verletzt und ich weiß es gar nicht. Dich liebt jemand: und du
drehst dieser Person im Weltleben den Rücken. Du liebst dann wieder dort, wo
du mißverstanden und verkannt wirst.
Der große Dienst, den wir einer Frau erweisen, stürzt uns in die Gefahr, von
ihr für einen Dummkopf gehalten zu werden. Man muß ihr dann grausam hart
begegnen, um sie zu überzeugen, daß sie es mit einem Menschen von
Selbstbewußtsein zu tun hatte. Nichts verachten und verschmähen echte
weibliche Naturen so sehr wie Güte so ins Blaue hinein. Die Frauen erziehen den
anwachsenden Mann zur Schätzung und Wertung seiner selber. Vielleicht geht
im Meer dieser Erziehung manche feine, gute und tüchtige Mannesgesinnung für
immer unter, denn edel und hochherzig ist man nicht gern zum zweitenmal, wo
man das erstemal ausgelacht worden ist. Doch wer könnte edel von Natur sein
und nicht für immer?
Das Schweizerland, wie kühn und klein steht es da, umarmt von den Staaten!
Was ist es als Land allein für eine zugleich hehre und anmutige Erscheinung!
Europas schneeige Pelzboa könnte man es nennen. Wundervoll wie seine
Geschichte ist seine Natur. Merkwürdig wie sein Volk ist sein Bestand. Es ist, als
ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein Panther, denn es hat keine
Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit ist seine Festigkeit, seine
Bescheidenheit ist seine Schönheit, seine Beschränkung sein unvergleichliches
Ideal. Wie ein politischer Felsen steht es da, umbrüllt von den politischen
Wogen. So lange es bleibt, was es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern
es sich klein fühlt, darf es sich stark und eigen und unabhängig fühlen, abhängig nur von der Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Würde ist seine Grenze;
und solange es diese in ihrer Art unübersehbare Grenze zu bewahren weiß, ist es
in seiner Art ein bedeutendes und großes Land, groß als Gedanke. Wie reizend
und wie gefährlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie heimatlich wissen sie,
das Altertum bekräftigend, zu leben. Sein Handel geht hoch, seine
Wissenschaften blühen. Doch wozu ihm schmeicheln? Daß es sein Eigen ist,
schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen im Ausland, die
Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen unzuverlässig, den
Deutschen anmaßend, den Türken unsauber, den Russen rückständig. Wie
verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse Gerüchte das Leben!
Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natürlich. Man ist
eingestiegen und immer fährt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist
reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen: Das ist
so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. Süß, einfach göttlich. Und nun
sitzt man; draußen ist Winternacht, es schneit. Von der Wagendecke lächelt das
Lämpchen wie ein unaufgeklärtes tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an.
Tränen treten dir plötzlich in die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter
Reisender? Empfindest du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von
wehmutvollen Erinnerungen. Ich werde in die fernen Länder davongetragen.
Übrigens lese ich ja jetzt die Zeitung. Plötzlich ist mir vollkommenem
Weltreisenden, als fahre ich zurück in die freudenüberströmte, liebe Kindheit.
Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich Mama tief in die
Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glück ist es, klein zu sein! Mir ist, als
möchte ich gerade jetzt von Papa verprügelt werden. Doch weiter fährt es,
weiter, weiter. Reisender sein: ach ja; und draußen der Mitternachtschnee. Ach
ja, Reisender sein, ist hübsch. Aber richtiger attachierter Reisender muß man
sein.
»Das alles ist nicht so schlimm«: finde ich hübsch gesagt. Mein lieber
Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch Treue.
Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: »Das alles ist nicht
so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus.« Mir scheint, Ehre und Liebe reden so.
Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der Humor ist die unübertreffliche Königin
des Weltlebens. Hier wäre wieder ein Wörtchen vom Wesen des wahren
Weltmannes zu sagen. Doch man muß sich diese Schreibfreude leider versagen;
und das ist gar nicht so schlimm. Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so
schlimm. Verachtung wecken, wo man meinte, es recht getan zu haben, ist auch
nicht so schlimm. Was ist schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich
so schlimm? Ja: das, das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar
nicht so schlimm. Wenn ich mich aber über die Niederlage ärgere, dann ist es
schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthält nicht
nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei!
Wenn ich eine Weile nicht habe denken dürfen, sondern habe wirken müssen,
wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken! Wenn es mir
schlecht in der Welt geht, wie wünsche ich da wieder, geachtet, ausgezeichnet,
gestreichelt, verwöhnt und geliebt zu werden! Wenn ich lange Zeit mit
gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie schwebt mir da der Umgang
mit feinen, ungewöhnlichen Menschen paradiesgartenähnlich wieder vor! Und
wenn ich dahingesunken bin in den Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern
betrage ich mich nachher wieder gesetzt und gesittet! Muß alles so sein
Gegengewicht haben? Soll man immer und immer wieder durch die Schärfe der
Gegensätze gerüttelt und geschüttelt werden? So scheint es; und so mache du
dich nur stets auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefaßt. Trage
es immer wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde
es immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pünktliche
Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja nicht
versessen auf die Ordentlichkeit. Dies stört, macht feig und blendet.
Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die über die
Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt, irren arg.
Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so leicht würde, daß
man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen, daß die Menschen der
Kultur und ihrer Peinlichkeiten überdrüssig werden, sind vorhanden. Eine Welt
glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine Stube am Sonntag. Keine Kirchen und
keine Gedanken mehr. Puh, mich friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich
bewegte.