Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 44 von 49

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Aufsätze

Allerlei

 

Das Sittsame fördert; das Rücksichtvolle scheint es zu etwas zu bringen. Der,

der die Zeit niemals mit irgend etwas Ablenkendem verlieren will, trocknet und

rostet ein. Es scheint, daß es unklug und bösartig ist, immer energisch zu sein.

Mangel an Zuversicht gebärdet sich gern konstant energisch. Nun ist ja das alles

so wunderbar. Fallen und seinen Posten verlieren, heißt oft: einen neuen unter

die Füße bekommen. Triumphieren ist oft nichts anderes als Versinken in den

Wellen der Anmaßung; und doch triumphiert man so gern. Immer und immer

gesetzt, gerecht und gefaßt sein, ist hart und streift ans Unmenschliche, während

doch menschlich sein unser unabänderliches Los ist. Schön und vortrefflich ist

nur das Menschliche. Gewisse Tugenden sind ein Laster oder die Blüte eines

solchen. Das Laster scheint eine Höhle voll Unrat und Unverständnis zu sein,

aber aus dem Laster hervortreten, mit Reue in der Seele, ist schöner als niemals

sündigen. Sind denn nicht vielfach die Fehler der Anlaß zu den Entzückungen

und Rührungen? Wie willkommen ist dem alten Vater der verlorene Sohn; wie

herrlich, wie herrlich ist es, Gnade und Erbarmen zu finden. Die Tugend beißt

sich in die Lippen und kehrt dem liebevollen Schauspiel schamhaft und boshaft

den Rücken, schauervoll fühlend, wie häßlich es ist, nie fehlzugehen. Das

Sittsame, das Kämpfe duldet und übersteht, ist das Wundervolle. Der wirkliche

Weltmann, zum Beispiel, ist sittsam; er ist fromm und duldet.

 

Die Wortkargheit kann in eine Schwäche ausarten; genau wie das Gegenteil.

Das Schweigen beherrscht uns oft, wie uns die Sucht, alles auszuplaudern,

beherrschen kann. Man soll nicht schweigen, wo es uns schicklich scheint, den

Mund aufzutun; nur müssen wir freilich ungefähr wissen, was schicklich ist: und

das weiß der Seelenvolle. Kann man nicht auch durch das Schweigen

verleumden? Jedenfalls sehr unangenehm kann man sein. Man soll stets ein

wenig lügen, das, was man nicht sagen darf, so sagen können, daß es wie eine einfache Unterhaltung klingt. Das Gehörte dem, den es angeht, genau so

wiedersagen, wie es uns gesagt wurde, ist taktlos und muß verletzen. Aus

Rücksicht ein wenig die Wahrheit entstellen, heißt sie vertiefen und verfeinern.

Die Liebe versteht zu lügen, die Liebe versteht zu reden, die Liebe allein

versteht, auf schöne Art zu schweigen. Übrigens sind das alles Schwankungen.

Es kommt da auf die Fälle an und auf die Personen. Zu gewissen Menschen steht

man so, daß ich und der andere es fühlen, wie unmöglich es ist, daß wir einander

verkennen oder mißverstehen können. Beleidigungen, zum Beispiel, liegen nie

im Ausdruck, sondern immer in den besonderen Umständen. Plötzlich habe ich

irgendwen tief verletzt und ich weiß es gar nicht. Dich liebt jemand: und du

drehst dieser Person im Weltleben den Rücken. Du liebst dann wieder dort, wo

du mißverstanden und verkannt wirst.

 

Der große Dienst, den wir einer Frau erweisen, stürzt uns in die Gefahr, von

ihr für einen Dummkopf gehalten zu werden. Man muß ihr dann grausam hart

begegnen, um sie zu überzeugen, daß sie es mit einem Menschen von

Selbstbewußtsein zu tun hatte. Nichts verachten und verschmähen echte

weibliche Naturen so sehr wie Güte so ins Blaue hinein. Die Frauen erziehen den

anwachsenden Mann zur Schätzung und Wertung seiner selber. Vielleicht geht

im Meer dieser Erziehung manche feine, gute und tüchtige Mannesgesinnung für

immer unter, denn edel und hochherzig ist man nicht gern zum zweitenmal, wo

man das erstemal ausgelacht worden ist. Doch wer könnte edel von Natur sein

und nicht für immer?

 

Das Schweizerland, wie kühn und klein steht es da, umarmt von den Staaten!

Was ist es als Land allein für eine zugleich hehre und anmutige Erscheinung!

Europas schneeige Pelzboa könnte man es nennen. Wundervoll wie seine

Geschichte ist seine Natur. Merkwürdig wie sein Volk ist sein Bestand. Es ist, als

ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein Panther, denn es hat keine

Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit ist seine Festigkeit, seine

Bescheidenheit ist seine Schönheit, seine Beschränkung sein unvergleichliches

Ideal. Wie ein politischer Felsen steht es da, umbrüllt von den politischen

Wogen. So lange es bleibt, was es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern

es sich klein fühlt, darf es sich stark und eigen und unabhängig fühlen, abhängig nur von der Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Würde ist seine Grenze;

und solange es diese in ihrer Art unübersehbare Grenze zu bewahren weiß, ist es

in seiner Art ein bedeutendes und großes Land, groß als Gedanke. Wie reizend

und wie gefährlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie heimatlich wissen sie,

das Altertum bekräftigend, zu leben. Sein Handel geht hoch, seine

Wissenschaften blühen. Doch wozu ihm schmeicheln? Daß es sein Eigen ist,

schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen im Ausland, die

Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen unzuverlässig, den

Deutschen anmaßend, den Türken unsauber, den Russen rückständig. Wie

verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse Gerüchte das Leben!

 

Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natürlich. Man ist

eingestiegen und immer fährt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist

reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen: Das ist

so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. Süß, einfach göttlich. Und nun

sitzt man; draußen ist Winternacht, es schneit. Von der Wagendecke lächelt das

Lämpchen wie ein unaufgeklärtes tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an.

Tränen treten dir plötzlich in die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter

Reisender? Empfindest du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von

wehmutvollen Erinnerungen. Ich werde in die fernen Länder davongetragen.

Übrigens lese ich ja jetzt die Zeitung. Plötzlich ist mir vollkommenem

Weltreisenden, als fahre ich zurück in die freudenüberströmte, liebe Kindheit.

Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich Mama tief in die

Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glück ist es, klein zu sein! Mir ist, als

möchte ich gerade jetzt von Papa verprügelt werden. Doch weiter fährt es,

weiter, weiter. Reisender sein: ach ja; und draußen der Mitternachtschnee. Ach

ja, Reisender sein, ist hübsch. Aber richtiger attachierter Reisender muß man

sein.

 

»Das alles ist nicht so schlimm«: finde ich hübsch gesagt. Mein lieber

Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch Treue.

Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: »Das alles ist nicht

so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus.« Mir scheint, Ehre und Liebe reden so.

Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der Humor ist die unübertreffliche Königin

des Weltlebens. Hier wäre wieder ein Wörtchen vom Wesen des wahren

Weltmannes zu sagen. Doch man muß sich diese Schreibfreude leider versagen;

und das ist gar nicht so schlimm. Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so

schlimm. Verachtung wecken, wo man meinte, es recht getan zu haben, ist auch

nicht so schlimm. Was ist schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich

so schlimm? Ja: das, das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar

nicht so schlimm. Wenn ich mich aber über die Niederlage ärgere, dann ist es

schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthält nicht

nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei!

 

Wenn ich eine Weile nicht habe denken dürfen, sondern habe wirken müssen,

wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken! Wenn es mir

schlecht in der Welt geht, wie wünsche ich da wieder, geachtet, ausgezeichnet,

gestreichelt, verwöhnt und geliebt zu werden! Wenn ich lange Zeit mit

gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie schwebt mir da der Umgang

mit feinen, ungewöhnlichen Menschen paradiesgartenähnlich wieder vor! Und

wenn ich dahingesunken bin in den Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern

betrage ich mich nachher wieder gesetzt und gesittet! Muß alles so sein

Gegengewicht haben? Soll man immer und immer wieder durch die Schärfe der

Gegensätze gerüttelt und geschüttelt werden? So scheint es; und so mache du

dich nur stets auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefaßt. Trage

es immer wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde

es immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pünktliche

Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja nicht

versessen auf die Ordentlichkeit. Dies stört, macht feig und blendet.

 

Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die über die

Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt, irren arg.

Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so leicht würde, daß

man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen, daß die Menschen der

Kultur und ihrer Peinlichkeiten überdrüssig werden, sind vorhanden. Eine Welt

glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine Stube am Sonntag. Keine Kirchen und

keine Gedanken mehr. Puh, mich friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich

bewegte.