Aufsätze
Don Juan
Das Theater war voll besetzt. Das Zeichen zum Beginn der Vorstellung
ertönte. Der Vorhang ging in die Höhe. Nein, vorher tönte schon das Orchester
mit seiner Ouvertüre, und jetzt erst ging der Vorhang in die Höhe, und Don Juan,
der Verführer der Frauen, trat auf, und gar nicht lange dauerte es, und so zog er
seinen Degen und rannte ihn dem schwächlichen Gegner in den Leib. Dies war
der arme alte Vater, worauf nun, unter einem überaus melodiösen Geschrei, das
einem das Herz zerriß, die Tochter herbeieilte, um am Leichnam des
Erschlagenen niederzustürzen. Hierauf sang die verzweifelte Frau ein so
schönes, in die höchsten Schmerzen steigendes Klagelied, daß den Hörern die
Tränen in die Augen treten mußten. Und so wogte der Inhalt der Oper auf und
ab, und Lichter schossen aus der Finsternis blendend hervor, und Geister
tauchten, zum Entsetzen derer, die sie sahen, auf, und Augen wurden naß, und
frevelhafte Worte wurden ausgesprochen, wobei die Musik bald zu tönen
aufhörte und bald wieder mit Gesang und Klang von neuem einsetzte, um jedes
Ohr zu bezaubern. Die Ohren, die das alles hörten, wurden von der Musik
verwundet, um gleich darauf wieder, nur von einem neuen Strom von Musik,
geheilt und erlöst zu werden. So wechselten der Tod mit dem Leben, die
Erschöpfung mit der Erquickung, die Verwundung mit der Gesundung ab, und
Bilder taten sich vor den Augen der Zuschauer auf, die sie, so sagten sie sich, nie
wieder würden vergessen können. Die wunderbare Musik tröstete und beengte
alle Seelen, betörte und beglückte alle Herzen. Und der schöne, edle,
volltönende Gesang glich dem glücklichen Kind, das getragen und gehoben wird
von den Armen der vielleicht noch viel glücklicheren Mutter. Und so strömte
und loderte es gleich einer überanmutvollen, schreckenerregenden Feuersbrunst,
und gleich einem in sich selber tosenden und in die Schlucht hinabstürzenden
und brüllenden wilden Wasserfall. Dann wieder war es ein stilles, kaum hörbares
Seufzen. Einige Zeit lang glich es einem süßen, liebevollen Anmutgeriesel oder
wohltuendem Schneegestöber. Dann schien es zu sein, als regne es leise auf
Dächer herab, worauf wieder ein gereizter gewaltiger Löwe zu brüllen schien, so daß Furcht und Schönheitsempfinden miteinander kämpften. Und immer war es
getaucht in silberne, milde Mondesgroßartigkeit, daß man meinte, nicht ein
Mensch, sondern ein himmlischer, erdenunabhängiger Engel müsse das alles
erfunden und gemacht haben. Man dachte überhaupt, weil das Ganze eine so
schöne Schöpfung war, nicht an eine Schöpfung, denn man hatte zu viel mit dem
Bewußtsein des Genusses zu tun. Jagdhörner, Waldhörner klangen zwischen den
Flöten, Klarinetten und elegischen Geigen, daß ganze rauschende, uralte Eichen-
, Buchen- und Tannenwälder sich vor der Seele und vor dem
musikdurchschauenden Auge auftaten. Und dann, was war dann? Dann, und so
kam ja die herrliche, gnaden- und tonüberströmte Verzeihungsszene, wo die
liebliche Zerline ihren Gatten um Verzeihung des Fehltrittes bittet, die gewährt
wurde unter einem unsagbar schönen Gesang, wobei sie beide singen, die
Verzeihliche sowohl wie der liebe gute Verzeihende. So versöhnten und
verziehen sie sich, und man wußte gar nicht mehr, wo man war vor lauter
Schwelgen und Träumen in wehmutvoll-empfindungsvollen Rätseln. In den
Logen und Parketten schauten sich Gatte und Gattin, Bruder und Schwester,
Freund und Freundin, Sohn und Vater, Tochter und Mutter in die Augen und
nickten mit den gedankenvollen Köpfen. In einer Loge, wie in einem Lusthaus
oder wie in einem Tempel, saß eine schöne Frau mit großen, schwarzen,
leidenschaftdurchglühten Augen, die sich nicht verwinden konnte, eine
Bewegung zu machen, als wolle und müsse sie an den sterblich schönen und
süßen Tönen kranken und sterben, um im Schönheitsgenuß zu endigen. Und so
vielleicht noch allerlei andere, weniger bedeutsame Personen. Oskar, der finstere
Oskar, der Held der Epoche, in der er lebte, lehnte an einer goldenen Säule, und
er mußte schaudern vor den Gewinnsüchtigkeiten und Schlechtigkeiten des
Lebens, das er führte, da er so himmlisch Schönes und Wohllautendes hörte.
Doch er verzog keine Miene seines harten Gesichtes, und er rührte kein Glied
seines schlanken, wie aus schmiegsamem Eisen gebauten Körpers. »Komm auf
mein Schloß, mein Leben« – so sang der verwilderte Kerl mit dem
rabenschwarzen Bart im Wüstlingsgesicht. Doch wir scheinen vergessen zu
haben, zu sagen, wie eine Dame, ganz in schwarz gekleidet, mit nicht
endenwollendem Gram- und Schmerzgesang aus dem Hintergrund der Welt an
das Licht hervortrat. Zuletzt, als alles nichts half bei dem Verworfenen und
Verderblichen, öffnete sich feurig rot der Höllenschlund und verschlang den
unverbesserlichen Bösewicht mit Gepolter, Gekrach und Geknatter. Die Musik
spielte noch einige nachtragende Töne, und auf einmal war alles mäuschenstill,
der Vorhang fiel nieder, und das Publikum ging nach Hause. An diesem Abend
machte Oskar die Bekanntschaft der schönen Gräfin von Erlach, die die Männer
liebte, um sie zu vernichten. In der Folge wußte er sich aber den schrecklichen Einflüssen dieser Frau zu entziehen, wozu ihm die näher mit den Dingen
Vertrauten gratulierten.