Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 19 von 49

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Don Juan

 

Das Theater war voll besetzt. Das Zeichen zum Beginn der Vorstellung

ertönte. Der Vorhang ging in die Höhe. Nein, vorher tönte schon das Orchester

mit seiner Ouvertüre, und jetzt erst ging der Vorhang in die Höhe, und Don Juan,

der Verführer der Frauen, trat auf, und gar nicht lange dauerte es, und so zog er

seinen Degen und rannte ihn dem schwächlichen Gegner in den Leib. Dies war

der arme alte Vater, worauf nun, unter einem überaus melodiösen Geschrei, das

einem das Herz zerriß, die Tochter herbeieilte, um am Leichnam des

Erschlagenen niederzustürzen. Hierauf sang die verzweifelte Frau ein so

schönes, in die höchsten Schmerzen steigendes Klagelied, daß den Hörern die

Tränen in die Augen treten mußten. Und so wogte der Inhalt der Oper auf und

ab, und Lichter schossen aus der Finsternis blendend hervor, und Geister

tauchten, zum Entsetzen derer, die sie sahen, auf, und Augen wurden naß, und

frevelhafte Worte wurden ausgesprochen, wobei die Musik bald zu tönen

aufhörte und bald wieder mit Gesang und Klang von neuem einsetzte, um jedes

Ohr zu bezaubern. Die Ohren, die das alles hörten, wurden von der Musik

verwundet, um gleich darauf wieder, nur von einem neuen Strom von Musik,

geheilt und erlöst zu werden. So wechselten der Tod mit dem Leben, die

Erschöpfung mit der Erquickung, die Verwundung mit der Gesundung ab, und

Bilder taten sich vor den Augen der Zuschauer auf, die sie, so sagten sie sich, nie

wieder würden vergessen können. Die wunderbare Musik tröstete und beengte

alle Seelen, betörte und beglückte alle Herzen. Und der schöne, edle,

volltönende Gesang glich dem glücklichen Kind, das getragen und gehoben wird

von den Armen der vielleicht noch viel glücklicheren Mutter. Und so strömte

und loderte es gleich einer überanmutvollen, schreckenerregenden Feuersbrunst,

und gleich einem in sich selber tosenden und in die Schlucht hinabstürzenden

und brüllenden wilden Wasserfall. Dann wieder war es ein stilles, kaum hörbares

Seufzen. Einige Zeit lang glich es einem süßen, liebevollen Anmutgeriesel oder

wohltuendem Schneegestöber. Dann schien es zu sein, als regne es leise auf

Dächer herab, worauf wieder ein gereizter gewaltiger Löwe zu brüllen schien, so daß Furcht und Schönheitsempfinden miteinander kämpften. Und immer war es

getaucht in silberne, milde Mondesgroßartigkeit, daß man meinte, nicht ein

Mensch, sondern ein himmlischer, erdenunabhängiger Engel müsse das alles

erfunden und gemacht haben. Man dachte überhaupt, weil das Ganze eine so

schöne Schöpfung war, nicht an eine Schöpfung, denn man hatte zu viel mit dem

Bewußtsein des Genusses zu tun. Jagdhörner, Waldhörner klangen zwischen den

Flöten, Klarinetten und elegischen Geigen, daß ganze rauschende, uralte Eichen-

, Buchen- und Tannenwälder sich vor der Seele und vor dem

musikdurchschauenden Auge auftaten. Und dann, was war dann? Dann, und so

kam ja die herrliche, gnaden- und tonüberströmte Verzeihungsszene, wo die

liebliche Zerline ihren Gatten um Verzeihung des Fehltrittes bittet, die gewährt

wurde unter einem unsagbar schönen Gesang, wobei sie beide singen, die

Verzeihliche sowohl wie der liebe gute Verzeihende. So versöhnten und

verziehen sie sich, und man wußte gar nicht mehr, wo man war vor lauter

Schwelgen und Träumen in wehmutvoll-empfindungsvollen Rätseln. In den

Logen und Parketten schauten sich Gatte und Gattin, Bruder und Schwester,

Freund und Freundin, Sohn und Vater, Tochter und Mutter in die Augen und

nickten mit den gedankenvollen Köpfen. In einer Loge, wie in einem Lusthaus

oder wie in einem Tempel, saß eine schöne Frau mit großen, schwarzen,

leidenschaftdurchglühten Augen, die sich nicht verwinden konnte, eine

Bewegung zu machen, als wolle und müsse sie an den sterblich schönen und

süßen Tönen kranken und sterben, um im Schönheitsgenuß zu endigen. Und so

vielleicht noch allerlei andere, weniger bedeutsame Personen. Oskar, der finstere

Oskar, der Held der Epoche, in der er lebte, lehnte an einer goldenen Säule, und

er mußte schaudern vor den Gewinnsüchtigkeiten und Schlechtigkeiten des

Lebens, das er führte, da er so himmlisch Schönes und Wohllautendes hörte.

Doch er verzog keine Miene seines harten Gesichtes, und er rührte kein Glied

seines schlanken, wie aus schmiegsamem Eisen gebauten Körpers. »Komm auf

mein Schloß, mein Leben« – so sang der verwilderte Kerl mit dem

rabenschwarzen Bart im Wüstlingsgesicht. Doch wir scheinen vergessen zu

haben, zu sagen, wie eine Dame, ganz in schwarz gekleidet, mit nicht

endenwollendem Gram- und Schmerzgesang aus dem Hintergrund der Welt an

das Licht hervortrat. Zuletzt, als alles nichts half bei dem Verworfenen und

Verderblichen, öffnete sich feurig rot der Höllenschlund und verschlang den

unverbesserlichen Bösewicht mit Gepolter, Gekrach und Geknatter. Die Musik

spielte noch einige nachtragende Töne, und auf einmal war alles mäuschenstill,

der Vorhang fiel nieder, und das Publikum ging nach Hause. An diesem Abend

machte Oskar die Bekanntschaft der schönen Gräfin von Erlach, die die Männer

liebte, um sie zu vernichten. In der Folge wußte er sich aber den schrecklichen Einflüssen dieser Frau zu entziehen, wozu ihm die näher mit den Dingen

Vertrauten gratulierten.