Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 32 von 49

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Tiergarten

 

Vom Zoologischen Garten her tönt Regimentsmusik. Man geht so, ganz

gemächlich. Ist es denn nicht Sonntag? Wie warm es ist. Jedermann scheint

erstaunt darüber zu sein, daß es jetzt, wie auf Zauberschlag, so leicht, so hell, so

warm ist. Wärme allein gibt schon Farbe. Die Umwelt ist wie ein Lächeln, und

es wird einem ganz weiblich zumut. Wie gern möchte ich jetzt (beinahe) ein

Kind auf dem Arm tragen und treubesorgtes Dienstmädchen spielen. Wie stimmt

der beginnende, herzbetörende Frühling zärtlich. Ich könnte, bilde ich mir ein,

geradezu Mutter sein. Im Frühling, so scheint es, werden Männer und

Mannestaten plötzlich so überflüssig, so dumm. Nur keine Tat jetzt. Horchen,

bleiben, am Fleck stehen. Göttlich durch ganz weniges berührt sein. In dieses

wonnensüße kindheitartige Grün schauen. Ach, ist doch Berlin und sein

Tiergarten jetzt schön. Es wimmelt von Menschen. Die Menschen sind starke,

bewegliche Flecke im zarten, verlornen Sonnenschimmer. Oben ist der

lichtblaue Himmel, der wie ein Traum das untenliegende Grün berührt. Die

Leute gehen leicht und bequem, so, als fürchteten sie, in Marschierschritt und in

grobes Gebärden zu verfallen. Es soll Leute geben, die nie daran denken, oder

die sich zieren, sich am Sonntag auf eine Tiergartenbank zu setzen. Wie doch

solche Leute sich des reizendsten Vergnügens berauben. Ich selbst finde das

Sonntagspublikum in seiner offensichtlichen harmlosen Sonntagslust

bedeutender als alles Kairo- und Rivierareisen. Da wird das Harte gefällig, das

Starre lieblich, und alle Linien und Gewöhnlichkeiten gehen traumhaft

ineinander über. Unnennbar zart ist solch ein allgemeines Spazieren. Die

Spaziergänger verlieren sich bald einzeln, bald in anmutigen dichten Gruppen

oder Haufen zwischen den Bäumen, die hoch oben noch luftig-kahl sind, und

zwischen dem niedrigen Gesträuch, das ein Hauch von jungem, süßem Grün ist.

Es zittert und bebt in der weichen Luft von Knospen, die zu singen, zu tanzen, zu

schweben scheinen. Das ganze Tiergartenbild ist wie ein gemaltes Bild, dann

wie ein Traum, dann wie ein weitschweifiger angenehmer Kuß. Überall ist

leichte, verständliche Lockung zum lange Hinschauen. Auf einer Bank am Schiffahrtskanal sitzen zwei Ammen im schneeweißen imposanten Kopfputz,

weißer Schürze und knallroten Röcken. Indem man geht, ist man befriedigt;

indem man sitzt, ist man ganz ruhig und schaut gelassen in die Augen der

vorübergehenden Gestalten. Diese sind Kinder, an Leinen geführte Hunde,

Soldaten mit dem Mädel im Arm, schöne Frauen, kokette Damen,

alleinstehende, -tretende und -gehende Herren, ganze Familien, schüchterne

Liebespaare. Schleier wehen, grüne und blaue und gelbliche. Dunkle und helle

Kleider wechseln ab. Die Herren tragen meistens die unvermeidlichen trockenen

halbhohen steifen Hügelhüte auf den Kegelköpfen. Man möchte lachen und

zugleich ernst sein. Es ist alles zugleich lustig und heilig, und man ist sehr ernst

dabei, wie alle. Alle zeigen denselben schicklichen leichten Ernst. Ist nicht so

auch der Himmel, der auch so ein Gesicht macht, als spreche er: »Wie

wunderbar ist mir?« Jetzt huschen, freundlichen Schemen ähnlich, windähnliche

Schatten durch die Bäume, über die hellen weißen Wege, wohin? Man weiß es

nicht. Kaum sieht man es, so zart ist es. Maler machen auf solche Delikatessen

aufmerksam. In einiger sanfter Entfernung rollen roträdrige Droschken durch das

milde grüne Gewebe, als gleite ein rotes Band durch ein Stück zartes Frauenhaar.

Alles atmet Fraulichkeit, alles ist Helle und Milde, alles ist so weit, so

durchsichtig, so rund, nach allen Seiten dreht man den Sonntagskopf, um die

Sonntagswelt hübsch zu genießen. Menschen machen das Ganze eigentlich.

Ohne die Menschen würde man die Schönheit des Tiergartens nicht sehen, nicht

merken, nicht empfinden. Wie das Publikum ist? Na, gemischt, alles

durcheinander, Elegantes und Einfaches, Stolzes und Demütiges, Fröhliches und

Besorgtes. Ich selbst sorge mit meiner eigenen Person ebenfalls für Buntheit und

trage mit zur Gemischtheit bei. Ich bin gemischt genug. Doch wo ist der Traum?

Laß uns ihn doch noch rasch einmal betrachten. Auf einer rundgebogenen

Brücke stehen viele Leute. Man steht selbst da, lehnt sich leicht und voll guter

Manier an das Geländer und schaut hinab in das zärtlich-bläulich glimmende,

warme Wasser, wo Boote und Kähne, menschenbesetzt und

fähnchengeschmückt, leise, wie von guten Ahnungen gezogen, umherfahren. Die

Schiffe und Gondeln schimmern in der Sonne. Da bricht ein Stück dunkles

Samtgrün aus der Lichtheit hervor, es ist eine Bluse. Enten mit farbigen Köpfen

schaukeln auf dem Gekräusel und Gezitter des Wassers, das manchmal

schimmert wie Bronze oder wie Emaille. Herrlich ist es, wie das Feld des

Wassers so eng und so klein ist und doch so vollbesetzt mit gleitenden

Lustkähnen und Freudenfarben-Hüten. Überall, wohin man blickt, glänzt und

bricht der Damenhut mit rot, blau und andern Augengenüssen aus dem Gebüsch

hervor. Wie ist alles so einfach. Wohin geht man jetzt? In ein Kaffeehaus?

Wirklich? Ist man jetzt so barbarisch? Jawohl, man tut's. Was tut man nicht alles? Wie schön ist es, zu tun, was ein anderer ebenfalls tut. Wie ist er nur

schön, der Tiergarten. Welcher Einwohner von Berlin liebte ihn nicht?