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Robert Walser · Kapitel 38 von 49

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Birch-Pfeiffer

 

Wenn jemals jemand, so kalkuliere ich, Talent besessen hat, so war es die

berühmte Birch-Pfeiffer. Sie hat in dem idyllisch gelegenen Zürich gewohnt und

nannte sich Gräfin. Dick und zugleich gewissermaßen schlank von Figur, war sie

eine imponierende, ja, man darf sagen, berückende und bezaubernde

Erscheinung. Alles huldigte ihr, alles und jedes kniete vor ihr nieder. Sie hat

sowohl als Mensch wie als Dichterin die üppigsten Erfolge errungen. Sie

erschwang sich, indem sie ihre breiten Röcke raffte, mit einem prachtvollen

Schwung die Bühne, und von da an beherrschte sie sie. Sie war eine Begnadete,

und sie selbst teilte in Hülle und Fülle Gnaden, Genüsse und Entzückungen aus.

Noch heute, nach so vielen Jahren, werden ihre Bonbons, das heißt: Stücke

gegeben. Sie hat so süß und so liebreizend gedichtet, daß alle diejenigen Leute,

die ins Theater liefen, um sich ihr Stück anzusehen, vor Rührung und

Seelenbeklemmung weinen mußten. Sie hat einer liebelechzenden Welt das

Rührstück, das stets auch zugleich Zugstück war, vor die Nase geworfen, und die

gerührte und erschütterte Welt dankte ihr, indem sie sie hochhob und im

Triumph auf der Achsel herumführte. Eins ihrer am häufigsten gegebenen

Stücke heißt: Das Lorle oder Dorf und Stadt, Schauspiel in fünf Ab- und

Aufzügen. Während ein Büchner, der zu gleicher Zeit lebte wie die Birch-

Pfeiffer, so gut wie verschollen und unbekannt blieb, schrie man nach ihr, und

wenn sie vor dem Vorhang, breit und groß, wie sie war, erschien, so wollte der

Jubel kein Ende nehmen. Noch einige Merkwürdigkeiten, die die große Frau an

sich hatte, wollen wir uns erlauben zum besten zu geben: O, daß wir stürben am

Andenken an die Unvergleichliche und Unvergeßliche. Die Süße, sie hatte einen

so starken Busen, daß, wer sie zu Gesicht bekam, umfiel, als wäre er von einer

Kanonenkugel getroffen worden. Gleich einem beweglichen Hektoliterfaß

stürmte sie daher, und ihre Adlernase konnte niemand anschauen, ohne aufs

tiefste von dem edlen Anblick betroffen zu sein. Sie trug, so heißt es in den

Annalen, mit Vorliebe grellgelbe Strümpfe mit getrocknet-schwarzen

Strumpfbändern. Ihre Taille war mächtig, und ihr Rücken stemmte sich hinten hoch zu Berg, als wenn er zersprengen wollte. Ihre gewitterdunklen Augen

blickten stets strafend, und ihr Mund war zugebissen. So, das sind einige der

markantesten Züge. Es bliebe noch manches zu sagen – aber wir wollen lieber

schweigen und ... ehren!