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Robert Walser · Kapitel 36 von 49

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Kotzebue

 

Eigentlich kann man nicht sagen, daß Kotzebue Unvergängliches geschaffen

hat, obgleich man doch seinen kotzebutzlichen katzlichen Namen auch heute

noch hin und wieder nennt. Es ist mit Berühmtheiten, vielmehr

Unsterblichkeiten, wie Kotzebue eine ist, ein seltsames Ding. Ich persönlich, das

heißt: still für mich, stelle mir vor, daß Kotzebue entsetzlich gewesen ist. Er

bestand nicht aus Knochen und anliegendem zähen oder weichlichem Fleisch,

nein, er war Asche. So blies man zum Beispiel: und weg war Kotzebue.

Kotzebue hat einer stets dankbaren und freundlich-anhänglichen Nachwelt seine

massiven, sämtlichen, gepreßten, gedruckten, in Kalbsleder gebundenen,

gekotzten und gebutzten Werke hinterlassen, und dennoch, so darf man sich

wohl erdreisten, zu sagen, wird er kaum noch je wieder gelesen. Die ihn lesen,

müssen erblassen, und die ihn nicht lesen, scheinen nicht viel zu verlieren,

indem sie ihn ignorieren. Immerhin ist er ein Biedermann. Sein Gesicht war ganz

verkrochen und verborgen in einem ungeheuerlich großen und kühnen

Rockkragen. Einen Hals hatte Kotzebue gar nicht. Seine Nase war lang, und was

seine Augen betrifft, so glotzten sie. Er hat zahlreiche Lustspiele geschrieben,

die mit glänzendem Kassensturzerfolg während der Zeit, da Kleist verzweifelte,

aufgeführt worden sind. Im allgemeinen, das muß man ihm lassen, hat er saubere

Arbeit geliefert. Wenn man in Kotzebues Nähe trat, so kutzelte und kotzelte es

ganz bedenklich, und diejenigen Mitmenschen und Zeitgenossen, die mit ihm zu

tun hatten, schämten sich unwillkürlich, daß sie lebten. So und nicht anders war

es rund um Kotzebue, der denn auch, wie wir hoffen, zu den Heroen der

deutschen Geisteswelt gerechnet werden darf, wie so mancher andere, der ein

ebenso seltsamer Kotzebukauz war wie er. Wenn ich nicht ganz vom Irrtum

befangen bin, war er in Weimar tätig. Wo er aber erzogen worden ist, und wer

ihm sein bischen Bildung eingeimpft hat, das wissen die Götter. Die Götter

wissen alles. Die Großherzigen, die Gütigen! Sie wissen sogar über einen

Kotzebue Bescheid. Kotzebue hat die Götter in jeder Beziehung beleidigt, und

zwar durch nichts andres als einzig und allein schon dadurch, daß er sich einbildete, er habe die Pflicht, sich für was Bedeutendes zu halten. Ein dummer

Mensch, der Sand hieß, glaubte in seiner Blindheit, die Welt von Kotzebue

befreien zu sollen und schoß ihm eine Kugel durch den Schädel. So endete

Kotzebue.