Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 48 von 49

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Die Einsiedelei

 

Irgendwo in der Schweiz, in bergiger Gegend, findet sich, zwischen Felsen

eingeklemmt und von Tannenwald umgeben, eine Einsiedelei, die so schön ist,

daß man, wenn man sie erblickt, nicht an Wirklichkeit glaubt, sondern daß man

sie für die zarte und träumerische Phantasie eines Dichters hält. Wie aus einem

anmutigen Gedicht gesprungen, sitzt und liegt und steht das kleine,

gartenumsäumte, friedliche Häuschen da, mit dem Kreuz Christi davor, und mit

all dem holden, lieben Duft der Frömmigkeit umschlungen, der nicht

auszusprechen ist in Worten, den man nur empfinden, sinnen, fühlen und singen

kann. Hoffentlich steht das liebliche, kleine Bauwerk noch heute. Ich sah es vor

ein paar Jahren, und ich müßte weinen bei dem Gedanken, daß es verschwunden

sei, was ich nicht für möglich halten mag. Es wohnt ein Einsiedler dort. Schöner,

feiner und besser kann man nicht wohnen. Gleicht das Haus, das er bewohnt,

einem Bild, so ist auch das Leben, das er lebt, einem Bilde ähnlich. Wortlos und

einflußlos lebt er seinen Tag dahin. Tag und Nacht sind in der stillen Einsiedelei

wie Bruder und Schwester. Die Woche fließt dahin wie ein stiller, kleiner, tiefer

Bach, die Monate kennen und grüßen und lieben einander wie alte, gute

Freunde, und das Jahr ist ein langer und ein kurzer Traum. O wie beneidenswert,

wie schön, wie reich ist dieses einsamen Mannes Leben, der sein Gebet und

seine tägliche, gesunde Arbeit gleich schön und ruhig verrichtet. Wenn er am

frühen Morgen erwacht, so schmettert das heilige und fröhliche Konzert, das die

Waldvögel unaufgefordert anstimmen, in sein Ohr, und die ersten, süßen

Sonnenstrahlen hüpfen in sein Zimmer. Beglückter Mann. Sein bedächtiger

Schritt ist sein gutes Recht, und Natur umgibt ihn, wohin er mit den Augen

schauen mag. Ein Millionär mit all dem Aufwand, den er treibt, erscheint wie ein

Bettler, verglichen mit dem Bewohner dieser Lieblichkeit und Heimlichkeit. Jede

Bewegung ist hier ein Gedanke, und jede Verrichtung umkleidet die Hoheit;

doch der Einsiedler braucht an nichts zu denken, denn der, zu dem er betet, denkt

für ihn. Wie aus weiter Ferne Königssöhne geheimnisvoll und graziös

daherkommen, so kommen, um dem lieben Tag einen Kuß zu geben und ihn einzuschläfern, die Abende heran, und ihnen nach folgen, mit Schleier und

Sternen und wundersamer Dunkelheit, die Nächte. Wie gerne möchte ich der

Einsiedler sein und in der Einsiedelei leben.